Wie die Hamas Gaza ruiniert

Islamisten reiten den Küstenstreifen in den Abgrund und verdecken das eigene Scheitern.

Andauernder Konflikt. Ein Palästinenser zielt mit einer Steinschleuder auf israelische Soldaten

Andauernder Konflikt. Ein Palästinenser zielt mit einer Steinschleuder auf israelische Soldaten

(Bild: Keystone)

Vor der Abreise nach Gaza rief ich zwei palästinensische Bekannte an und fragte sie, was ich ihnen mitbringen könne. Angesichts der in den Medien und von Hilfswerken geschilderten humanitären Notsituation in Gaza erwartete ich eine lange Liste, auf der Nahrungsmittel, Verbandstoffe oder Batterien stehen würden. Doch nichts da. «Danke, wir haben alles, was wir brauchen», meinten meine Bekannten zu meiner nicht geringen Überraschung.

Natürlich, sagte ich mir dann, bei meinen Bekannten handelt es sich um privilegierte Palästinenser. Der eine ist ein Politologe an einer der besten Universitäten im Gazastreifen, der andere ein Journalist, der mit Reportern aus Europa arbeitet und damit Dollar oder Euro verdient.

Ein Besuch auf dem Gemüsemarkt in Gaza-City zeigt dann in der Tat, dass es in Gaza an nichts fehlt. Von Aprikosen über Fleisch und Fisch bis Zucchetti ist alles in üppiger Fülle vorhanden. Und am Nachmittag, vor dem Fastenende, werden Baklava, Vogelnester oder Datteln angekarrt. «Das Angebot ist reichlich vorhanden», sagt mir ein Händler, «aber den meisten fehlt Bargeld, um einzukaufen.»

Hamas mobilisiert Bevölkerung

Gaza sorgt seit Wochen weltweit für Schlagzeilen. Die radikal-islamische Hamas, die den Gazastreifen seit über zehn Jahren kontrolliert und dort einen Quasi-Staat etabliert hat, mobilisiert die Bevölkerung, sich an Massen-Demonstrationen dicht der Grenze zu Israel zu beteiligen. Die Hamas will die Palästinenser so lange gegen Israel demonstrieren lassen, «bis unser Volk seine Ziele erreicht hat», sagte neulich Hamas-Sprecher Fawzi Barhoum: Die Rückkehr in die alte Heimat, ins heutige Israel. Mit friedlichen Mitteln lässt sich das nicht realisieren.

Die Grenze, die es vorher zu überwinden gälte, besteht an einigen Stellen aus einer Mauer. An anderen Abschnitten aber steht ein Zaun. Diesen sollen Demonstranten durchschneiden, um dann in die Dörfer, Kibbuzim und Städte im Süden Israels einzudringen.

Soldaten versuchen, Demonstrationen am Zaun mit Hilfe von Tränengas aufzulösen. Aber bei bestimmten Windverhältnissen ist das im offenen Feld nicht erfolgreich. Deshalb werden Scharfschützen eingesetzt. Als Individuen stellen die einzelnen Demonstranten zwar kaum ein Risiko dar, auch wenn sie Molotow-Cocktails oder Gewehre mit sich führen. Aber die Gefahr besteht, dass rund zwei Millionen Menschen nach Israel strömen würden, sobald im Zaun eine Bresche geschlagen wird. Israel will das verhindern.

Hamas ruft zum Marsch der Rückkehr auf

Jetzt sei es an der Grenze zwar ruhig, sagt Mkhaimar Abusada, der an der Al Azhar-Universität im Zentrum von Gaza Politologie unterrichtet. «Aber», meint er, «am 5. Juni, dem Tag, als 1967 der Sechs-Tage-Krieg begann, könnte es wieder losgehen.» Damit würden die Palästinenser an den Beginn der Besatzung erinnern wollen – das Resultat eines Krieges, den die arabischen Nachbarn begonnen hatten und verloren haben. Seit dem Beginn der jüngsten Protestwelle kamen mehr als hundert Palästinenser ums Leben und Tausende wurden verletzt.

Der ursprüngliche Initiant der Proteste, ein 33-jähriger Journalist namens Ahmand Abu Artema, muss sich wundern, was aus seiner ursprünglichen Idee geworden ist. Auf Facebook hatte er vor einigen Wochen die Frage gestellt, was wohl geschehen würde, wenn 200 000 Demonstranten den Zaun durchbrächen, die palästinensische Flagge hissten und auf der israelischen Seite Zelte aufstellen würden – «auf unserem Gebiet, das jetzt besetzt ist». Weil der Post sehr oft geklickt wurde, kidnappte die Hamas die Idee und rief zum «Marsch der Rückkehr» auf.

Die Hamas inszenierte die Demonstrationen und dachte an jedes Detail. Sie forderte ihre Beamten nicht nur auf, sich an den Kundgebungen zu beteiligen. Die Hamas organisierte auch Busse an die Grenze, sorgte für Wasser und Nahrung, und sie stellte Zelte auf. Verletzten wurden 200 bis 500 Dollar, den Hinterbliebenen 3000 Dollar versprochen. Aktivisten mit militärischen Feldstechern suchten zudem den Zaun ab, um auf der israelischen Seite Truppenbewegungen auszumachen. Bilder von israelischen Scharfschützen, die im Visier der Hamas sind, wurden im Nu in den sozialen Medien verbreitet.

«Sie schossen auf unbewaffnete Menschen»

Gewaltfreier Protest? Ein Familienvater aus Beit Hanoun, einem Städtchen unweit des offiziellen Grenzübergangs Erez, hat da nur ein müdes Lächeln übrig. Er hat es seinen Kindern, vier Teenagern, strikt verboten, sich in die Gefahrenzone zu begeben.

Am meisten Opfer gab es bisher am 14. Mai. Die Einweihung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem fiel mit dem 70. Geburtstag Israels zusammen. Bei den Demonstrationen kamen 60 Menschen ums Leben. Unter den Toten seien 50 Mitglieder der Hamas, sagen die Radikal-Islamisten, als ob sie beteuern wollten, dass sie fürs Volk Opfer erbringen.

Ghazi Hamad, der bei der Hamas für die Beziehungen zur Aussenwelt zuständig ist, meint, dass sich das hohe Opfer gelohnt habe. Für die Toten macht er gleichzeitig nicht seine Organisation, sondern die Scharfschützen der israelischen Armee verantwortlich: «Sie schossen», behauptet er, «auf unbewaffnete und unschuldige Menschen.» Die Kundgebungen seien ein Signal an die Welt, «dass wir Palästinenser nicht mehr in einem Gefängnis leben wollen».

Hoher Preis für Aufmerksamkeit

Andere sehen das freilich etwas nüchterner. Dank der Toten, sagt ein Lehrer aus dem Süden des Gazastreifens, habe die Hamas ihr Ziel erreicht und sich wieder in die Schlagzeilen der Weltmedien katapultiert. Er sagt es in einem zynischen Ton, als wollte er sagen: «Die über 100 Toten scheinen mir ein zu hoher Preis.»

Kritisch sieht es auch der Politologe Abusada. Die Hamas spiele jetzt nicht mehr die Rolle des Terroristen-Täters, sondern diejenige des Opfers. Und sie könne «nun die Verantwortung für den Leidensdruck der Bevölkerung auf Israel abwälzen».

Dass die Hamas von ihrer Verantwortung ablenken will, ist verständlich. Seit sie im Gazastreifen vor einer Dekade die Macht übernommen hat, hat sich die Situation für die Bevölkerung ständig verschlechtert. Drei verlustreiche Kriege mit Israel hat sie provoziert, hat mit der Fatah-Bewegung von Mahmoud Abbas gebrochen und die innerpalästinensische Versöhnung mehrmals verhindert. Terrorangriffe auf Israel – mit Raketen oder aus Tunnels heraus – sowie eine gegen Ägypten gerichtete martialische Kooperation mit dem Islamischen Staat auf der Sinaihalbinsel haben die Nachbarn veranlasst, sich stark von Gaza abzuriegeln.

Medikamente werden knapp

Die jüngsten Indikatoren der UN-Organisation OCHA, die die humanitäre Hilfe koordiniert, dokumentiert die Folgen der gescheiterten Politik. OCHA spricht von einer «beispiellosen humanitären Krise» für die zwei Millionen Palästinenser im Gazastreifen. Strom gibt es derzeit während nur vier bis fünf Stunden pro Tag, fast die Hälfte der Bevölkerung muss sich für die Beschaffung von Grundnahrungsmitteln Geld leihen, der Zugang zu sauberem Leitungswasser liegt deutlich unter dem empfohlenen Minimum, und bei der Hälfte der Medikamente ist der Vorrat aufgebraucht. Abwasserentsorgung und Müllbeseitigung funktionieren nur rudimentär.

Düster ist auch die wirtschaftliche Lage. Pro Kopf liegt das Sozialprodukt bei 423 Dollar, und fast jeder Zweite hat keinen bezahlten Job. 70 Prozent sind darauf angewiesen, von der UNO Mehl und Reis zu erhalten. 52 Prozent müssen im gescheiterten Gaza mit weniger als 1,5 Dollar pro Tag auskommen.

Goldverkäufe fürs Überleben

Der Liquiditätsmangel hat sich in den vergangenen Monaten drastisch verschärft. Nachdem die Hamas mehrere Versöhnungsversuche mit Abbas torpediert hat und der palästinensische Premier bei seinem Besuch in Gaza fast einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, hat Abbas die Strafmassnahmen gegen Gaza verschärft. Er hat die Stromzufuhr nochmals reduziert. Zudem hat er im Gazastreifen den 60 000 Beamten seiner Partei den Lohn massiv gekürzt. Abusada schätzt, dass allein in den letzten zwölf Monaten 300 Millionen Dollar, die für Gaza bestimmt waren, weggefallen sind: «Der ökonomische Zyklus ist eingefroren.»

Gaza ist illiquide. Auf dem einst vibrierenden Goldmarkt zeigen sich die Folgen der Krise. Beim 27-jährigen Goldhändler Rayed gibt es fast keine Käufer von Schmuck, dafür aber sehr viele Verkäufer. «Die Leute brauchen Geld», sagt er, «deshalb bringen sie ihr Gold zu mir.» Den Schmuck schmelzt er ein. Dann übergibt er den zwei Kilo schweren Klumpen einem der sieben autorisierten Transporteure, die das Gold zweimal die Woche in die Westbank bringen. «Um zu überleben, müssen wir unsere letzten Reserven angreifen», meint eine Kundin des Goldhändlers Rayed und sagt: «Danach haben wir nichts mehr.»

Basler Zeitung

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