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Wer in Sierra Leone älter als fünf wird, hat Glück gehabt

Nirgends ist das 4. Millenniumsziel in so weiter Ferne wie im westafrikanischen Kleinstaat, wo jedes vierte Kleinkind stirbt. So wie Asiatu Daudas Tochter.

Jedes vierte Kleinkind stirbt: In Sierra Leone ist die Kindersterblichkeit hoch wie sonst nirgends.
Jedes vierte Kleinkind stirbt: In Sierra Leone ist die Kindersterblichkeit hoch wie sonst nirgends.
Keystone

Asiatu Dauda schaut sich zögernd um. Die 35-jährige Muslimin weiss nicht genau, wo sie das Grab ihrer Tochter finden soll – auch wenn die Stelle nur wenige Meter hinter ihrem Dorf gelegen ist. Selbst Asiatus Sohn, der seine fünfjährige Schwester vor wenigen Wochen mit begraben hat, braucht eine Weile, um sich in dem überwucherten Areal unter dem mächtigen Brotfruchtbaum zurechtzufinden: «Hier dürfte es gewesen sein», sagt der zwölfjährige Bub schliesslich und zeigt auf eine nur mit einem Zweig gekennzeichnete Erderhebung.

Später stellt sich heraus, dass in dem verwunschenen Stück Dschungel nicht nur Asiatu Daudas Tochter ihre letzte Ruhe gefunden hat: «Hier liegen noch sieben Kinder begraben», sagt der Dorfchef. Sie alle sind dieses Jahres gestorben. Dabei ist über die im westafrikanischen Kleinstaat Sierra Leone gelegene Hüttensiedlung weder ein Tornado gefegt noch ein Tsunami geschwappt: Wer hier selbst in normalen Zeiten älter als fünf Jahre wird, hat Glück gehabt.

Hungrig zu Bett

Congo, wie die Bewohner ihr verschlafenes Zuhause nennen, liegt nur wenige Kilometer vom Atlantik entfernt und ist doch von der Aussenwelt abgeschnitten. Der über hundert Kilometer lange Weg von der Provinzhauptstadt Bo zu der rund 500 Seelen zählenden Gemeinde ist voller Schlaglöcher, deren brauner Inhalt während der Regenzeit ständig überschwappt: Für normale Autos oder gar Busse ist die Piste unpassierbar.

Früher waren in dem sumpfigen Terrain riesige Reisplantagen angelegt worden. Doch seit dem Bürgerkrieg, der Sierra Leone in den Neunzigerjahren restlos verheerte, gibt es in den Sümpfen nur noch Schwärme von Stechmücken und einzelne Palmen, die den Dorfbewohnern zumindest etwas Öl liefern.

Stechmücken verbreiten Malaria

Asiatu, deren Ehemann während des Bürgerkriegs von Rebellen dermassen gefoltert wurde, dass er seinen Verletzungen erlag, ist auf den Grossmut ihrer Nachbarn angewiesen. Bleibt der aus, gehen Asiatu und ihre fünf verbliebenen Kinder hungrig zu Bett.

Dabei geht es den andern Dorfbewohnern nicht besser. Von Adama Tulays sechs Kindern sind nur noch zwei am Leben. Zwei hat sie während der Schwangerschaft verloren, das dritte starb am Tag nach der Geburt. Ihre älteste Tochter wurde drei Jahre alt: Schliesslich erlag auch sie einer Fieberattacke.

Der Tod von Asiatus Tochter war vermutlich der von Stechmücken übertragenen Malaria zuzuschreiben – auch wenn Asiatu selbst der Auffassung ist, dass ihr Kind verhext worden sei. Nur Mamie Kamaras zweijährige Tochter Ruhiatu hatte Glück: Nachdem sie bereits die Symptome der tödlichen Mangelkrankheit Kwaschiokor aufwies, wurde sie gerade noch rechtzeitig von Experten der Hilfsorganisation World Vision entdeckt und wieder aufgepäppelt.

Ursachen für Kindersterblichkeit wären einfach zu bekämpfen

Sierra Leone gehört zu den Ländern mit der höchsten Kindersterblichkeitsrate der Welt. Noch vor drei Jahren starb hier jedes vierte Kind vor seinem fünften Geburtstag. In Industriestaaten wie Deutschland oder der Schweiz sind es fast hundertmal weniger.

Wenn die Staatschefs der Welt kommende Woche beim UNO-Gipfel in New York die Fortschritte bei der Verwirklichung der vor zehn Jahren beschlossenen Millenniumsziele unter die Lupe nehmen, sollten ihnen Länder wie Sierra Leone jeden Stolz vergehen lassen: Von der Verwirklichung des 4. Ziels, die Kindersterblichkeitsrate bis 2015 um zwei Drittel zu verringern, ist das westafrikanische Land so weit entfernt wie das Dörfchen Congo von der Côte d’Azur.

Todesursache Durchfall

Dabei wäre es gar kein übermenschlicher Akt, die Zahl von 9 Millionen Kindern, die Jahr für Jahr in aller Welt sterben, zumindest stark zu reduzieren: Denn die Ursachen für das grosse Kindersterben sind verhältnismässig einfach zu bekämpfen, wie Marwin Meier, Gesundheitsbeauftragter von World Vision, weiss: «Meist ist die Lösung einfach und bezahlbar.» So geht jeder zwölfte Kindstod in Afrika auf Malaria zurück – eine Krankheit, deren Schrecken bereits durch Moskitonetze und effektive Medikamente deutlich verringert werden könnte. Noch häufiger ist die Todesursache auf Durchfallerkrankungen zurückzuführen, die durch einfache hygienische Massnahmen sowie relativ preiswerte Pillen unter Kontrolle zu bringen sind. Und in fast der Hälfte der Fälle ist mangelnde oder falsche Ernährung für den Tod der Knirpse verantwortlich zu machen: Auch das müsste in Zeiten effektiver Nahrungsmittelanreicherungen wie Plumpy Nut eigentlich kein Todesurteil mehr sein.

In ihrem Projektgebiet, das neben den 500 Einwohnern von Congo weitere 50 000 Menschen umfasst, verteilt World Vision nährstoffreiche Plumpy-Nut-Rationen und Moskitonetze, lässt Brunnen bohren, Kinder impfen und klärt die Mütter über die Vorteile des Stillens und über Hygieneregeln auf. Derartige Interventionen haben die Zahl der Todesopfer in Sierra Leone bereits reduziert: Im Jahr 2008 starben «nur» noch 194 statt wie noch vor vier Jahren 262 von tausend Kindern; das Land konnte sich vom letzten auf den siebtletzten Weltranglistenplatz verbessern. Das Millenniumsziel wird allerdings noch längst nicht erreicht: Dazu wären wesentlich drastischere Schritte nötig.

Minister träumt vom Paradies

Zu einem solchen hat sich die sierraleonische Regierung im April dieses Jahres durchgerungen. Seitdem wird medizinische Behandlung für schwangere und stillende Mütter kostenlos angeboten – auch Kindern bis zum fünften Lebensjahr wird jetzt umsonst geholfen. Der westafrikanische Kleinstaat ist das erste Land in der Region, das sich diesen Service leistet: «Wir haben festgestellt, dass etwas Grosses getan werden musste», prahlt der amtierende Gesundheitsminister Mohamed Dadis Koroma, «wir schrecken vor nichts zurück, um unser Land in ein Paradies zu verwandeln.» Was der Minister nicht sagt, ist, dass die für den Service nötigen Mittel (deren Höhe nicht einmal der Gesundheitsminister kennt) fast alle aus dem Ausland kommen: Sollten die Geber des Gebens müde werden, muss die Errungenschaft wieder eingestellt werden.

Martin Senesie wurde im Zug der neuen staatlichen Dienstleistung aus der Hauptstadt Freetown in die Abgeschiedenheit versetzt: Seit Mai dieses Jahres arbeitet der Krankenpfleger in der Gesundheitsstation von Baoma Kpenge, die ausser für das Dörfchen Congo noch für 31 weitere Siedlungen zuständig ist. Jeden Morgen bilden sich vor Senesies vier Zimmer grossen Krankenstation lange Schlangen: Oft muss der 26-Jährige an einem Tag mit weit über hundert Hilfe suchenden Frauen und deren Kindern fertig werden. Der drei Jahre lang ausgebildete Pfleger lebt in einer nur wenige Quadratmeter grossen strohbedeckten Hütte, hat weder ein freies Wochenende noch Ferienansprüche: «Ich muss halt Opfer bringen», meint Martin Senesie lapidar.

«Traditionelle Hebammen»

Seit der Pfleger seinen Dienst angetreten hat, scheint die Zahl der bei der Geburt gestorbenen Kinder weiter gesunken zu sein; er habe in den vergangenen vier Monaten nur von vier tödlich endenden Geburten gehört, sagt Senesie. Die Dorfbewohner wurden aufgefordert, zur Geburt auf welche Weise auch immer in die Klinik zu kommen, statt ihre Kinder von unausgebildeten «traditionellen Hebammen» zu Hause zur Welt bringen zu lassen: ein Aufruf, den Senesie angesichts der Menschenschlangen vor seiner Klinik und der Medikamente, die ihm oft bereits in der Monatsmitte ausgehen, manchmal schon bereut.

Für Salimatu Kailie hat sich der Rat jedoch gelohnt. Die 22-Jährige lag zwei Tage in den Wehen, bevor sie ihr Mann zur Krankenstation brachte: Jetzt sitzt sie strahlend auf dem Bett – im Arm ihren soeben geborenen Jungen. Senesie wurde unterdessen schon wieder ins Nebenzimmer gerufen, wo die nächste Frau auf seine Hilfe wartet. Dort wird der junge Pfleger zwei Stunden lang versuchen, einen im Geburtskanal stecken gebliebenen Säugling ans Licht der Welt zu zerren: ohne moderne Instrumente und ohne die Möglichkeit, einen Kaiserschnitt durchzuführen. Doch diesen Kampf verliert er – Martin Senesie hält ein totes Kind in seinen Händen. Am Abend wird sich der niedergeschlagene Pfleger auch noch vor dem Dorfkomitee als Sündenbock zu verantworten haben: noch ein Opfer, das er bringen muss.

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