Ultraorthodoxe müssen in die Armee

Das oberste Gericht in Israel hebt die Ausnahmeregelung auf. Fromme befürchten nun einen Identitätsverlust.

Zur Arbeitslosigkeit erzogen. Ein ultraorthodoxer Jude passiert in Hebron einen Checkpoint.

Zur Arbeitslosigkeit erzogen. Ein ultraorthodoxer Jude passiert in Hebron einen Checkpoint.

(Bild: Keystone)

Israels ultraorthodoxe Juden sollen künftig nicht mehr vom Armeedienst befreit werden. Am Dienstag hat der Oberste Gerichtshof die bisher gültige Ausnahmeregelung für Orthodoxe für «verfassungswidrig» und «diskriminierend» erklärt. Was in einem Land mit allgemeiner Wehrpflicht für Frauen und Männer eigentlich selbstverständlich sein sollte, wollen die ultraorthodoxen Politiker nicht akzeptieren. Die Haredim oder Gottesfürchtigen, wie sie in Israel genannt werden, drohen mit ihrem Austritt aus der Koalition, sollten die jungen Orthodoxen dienstverpflichtet werden.

Beruhigend ist aus der Sicht des Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu jetzt nur, dass er und die Frömmsten der Frommen bis Herbst 2018 Zeit haben, um einen Kompromiss zwischen dem Urteil der Richter und den Forderungen seiner ultraorthodoxen Partner zu finden. Und 12 Monate gelten in Israel schon fast als eine Ewigkeit.

Eine stossende Ungerechtigkeit

Der jüngste Gerichtsentscheid hat bei den Orthodoxen heftige und giftige Reaktionen ausgelöst. Der ultraorthodoxe Innenminister Arje Deri, gegen den derzeit eine Korruptionsuntersuchung läuft, sieht sich in seinem Weltbild bestätigt, wonach der Oberste Gerichtshof vom jüdischen Volk «abgekoppelt» sei. Die Richter würden nicht begreifen, dass das Studium der Tora während Jahrhunderten die Juden wie eine Klammer zusammengehalten habe. Deshalb werde er alles daran setzen, damit die bisher gültige Regelung auch im neuen Gesetz verankert sein werde, dass also seine Anhänger nicht in die Armee müssen. Zwei orthodoxe Parteien waren vor zwei Jahren der Koalition nur unter der Bedingung beigetreten, dass die Ultraorthodoxen vom Armeedienst befreit werden.

Der Rest der Bevölkerung hält die generelle Dienstbefreiung der Orthodoxen allerdings nicht nur für ein Ärgernis, sondern ebenso für eine stossende Ungerechtigkeit. Lediglich 30 Prozent der Orthodoxen lassen sich (freiwillig) rekrutieren. Demgegenüber leisten 85 Prozent der nicht-orthodoxen israelischen Männer Dienst.

Dabei wäre die Armee eine äusserst wirksame Methode, um die Orthodoxen im Arbeitsmarkt zu integrieren. Ihnen werden während der Schulzeit keine Grundlagen beigebracht, mit denen sie als Erwachsene einen Beruf ausüben können. Statt Englisch, Mathematik oder Biologie lernen sie Religion, Religion und nochmals Religion. Sie werden damit zur Arbeitslosigkeit erzogen und sind im Berufsleben nicht zu gebrauchen. Orthodoxe aber, die in der Armee waren, finden in der Regel den Weg ins Berufsleben. Rund 90 Prozent der ultraorthodoxen Männer werden in der Armee auf einen Job vorbereitet, und 80 Prozent arbeiten später in einer gemischt säkular-orthodoxen Umgebung, zeigt eine Studie des Israel Democracy Institute.

Traditionstransfer sicherstellen

Wenn die jungen Männer aus den engen religiösen Zirkeln in die Armee wechseln und mit nicht-orthodoxen Gleichaltrigen zusammenkommen, könnten sie ihre Identität infrage stellen und sich einem säkularen Lebensstil annähern oder ihn sogar annehmen, fürchten die orthodoxen Gegner des Armeediensts. Und genau das wollen sie verhindern.

Als Argumente gegen den Armeedienst führen sie indessen vor allem religiöse Gründe an. Die Orthodoxen würden es als ihre Pflicht ansehen, ihr religiöses Wissen und die Überlieferung an die nächste Generation weiterzugeben, sagen sie. Um diesen Wissens- und Traditionstransfer sicherzustellen, sind die Zöglinge von klein auf zum Religionsstudium verpflichtet. Alles andere sei «Zeitverschwendung», das vom Thorastudium abhalten würde. Eine Unterbrechung der Religionsschule, um drei Jahre Dienst zu leisten, kommt für sie deshalb nicht infrage.

Zudem geben sich die Orthodoxen überzeugt, dass der Kampf für das Land Israel zwei Ebenen hat: eine physische und eine spirituelle. Während Soldaten das Land mit ihrem Körper schützen, würden die Religiösen für Erhalt des spirituellen Charakters des Staates kämpfen.

Die Befreiung der Orthodoxen vom Militärdienst geht auf die Staatsgründung zurück und ist seit zwei Jahrzehnten immer wieder ein Thema. Für Studenten der Yeshivot, also der Religionshochschulen, hatte der damalige Premier- und Verteidigungsminister David Ben-Gurion für die rund 400 Orthodoxen eine Ausnahme von der allgemeinen Wehrpflicht gemacht. Vermutlich konnte sich Ben-Gurion Ende der 1940er-Jahre nicht vorstellen, dass die Zahl und der Bevölkerungsanteil der Ultraorthodoxen in den nächsten Jahrzehnten so rasant ansteigen würde. Damals war es eine verschwindende Minderheit. Heute aber machen die Haredim etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung aus, Tendenz steigend. Orthodoxe Frauen haben sieben Kinder, die anderen drei.

Basler Zeitung

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