Überläufer sind Assads grösstes Problem

Analyse

Der Nahostexperte Arnold Hottinger erklärt in einer fünfteiligen Serie die hochexplosive Situation in Syrien. Der erste Teil befasst sich mit den historischen und kulturellen Ursachen der Auseinandersetzung zwischen dem syrischen Regime und seiner Bevölkerung.

Die syrische Armee und die gesamten Sicherheitskräfte werden von alawitischen Offizieren dominiert und kontrolliert. Die Assad-Familie, welche das Land seit 1971 beherrscht, stammt aus dieser religiösen Minderheit von vielleicht 12 Prozent der syrischen Bevölkerung. Seit der Begründer des Regimes, General Hafez al-Assad, der Vater des heutigen Präsidenten, an die Macht kam, hat er seine Herrschaft stets auf Vertrauensleute, oft Familienmitglieder, aus dieser Volksgruppe gestützt. Im Verlauf der Jahrzehnte kamen sie dazu, alle für die Sicherheit Syriens entscheidenden Posten zu besetzen und auch leitende Positionen in der Regierung, unter den höchsten Beamten und im Wirtschaftsbereich zu erlangen.

Durch ihre Beherrschung der wichtigsten Scharniere des Staates verschafften sie diesem 40 Jahre der Stabilität – jedoch auch ein grosses inneres Ungleichgewicht zugunsten der alawitischen Minderheit. Einige ihrer Geschäftsleute wurden auf Kosten der Bevölkerung schwerreich. Vor der Assad-Zeit hatte es in Syrien seit der Unabhängigkeit von 1946 alle paar Jahre, manchmal alle paar Monate, einen Militärputsch gegeben. Nach der Machtergreifung des Generals Hafez al-Assad und seiner alawitischen Vertrauten gab es keinen mehr.

Ursprünglich gewaltlose Protestbewegung

Die Protestbewegung, die im März 2011 in der südlichen Stadt Daraa ausbrach, weil die dortigen Geheimdienste Schüler gefangen genommen und gefoltert hatten, die sie verdächtigten, politische Parolen an die Mauern geschrieben zu haben, wollte ursprünglich gewaltlos sein. Sie breitete sich über das ganze Land aus, weil die Sicherheitstruppen immer erneut auf die Protestierenden das Feuer eröffneten und dadurch die Wut der Bevölkerung wuchs und sich immer weiter ausbreitete.

Die Mehrheit der syrischen Soldaten gehört, wie die Mehrheit des Volkes, zur sunnitischen Religionsgemeinschaft. Sunnitische Soldaten, denen von ihren alawitischen Offizieren befohlen wurde, auf das eigene Volk zu schiessen, begannen zu desertieren, und die syrische Armee begann auf sie Jagd zu machen. Keine Armee, die ihre Soldaten behalten will, kann es sich leisten, Fahnenflüchtige nicht zu bestrafen.

«Bewaffnete Banden» sind Deserteure

Die Deserteure brachten ihre persönlichen Waffen mit. Sie suchten sich zur Wehr zu setzen, wenn die Armee sie zu greifen drohte. Sie fanden Zuflucht in den Grenzgebieten, den Bergen, den Wüsten und in den Ortschaften und Stadtquartieren, in denen die Demonstranten aktiv waren. Sie erklärten, sie wollten ihren zivilen Brüdern helfen. Doch ihre Präsenz förderte unvermeidlich die Militarisierung der Protestbewegung.

Die Regierung hatte von Beginn an behauptet, «bewaffnete Banden» stünden hinter den Protesten. Nun gab es wirklich bewaffnete Banden, eben die Überläufer aus der Armee, und diese bekämpft die Armee nun zusammen mit den Zivilen der Protestbewegung, in deren Umkreis sie sich bewegen, mit allen Mitteln: Tanks, Raketen, Kanonen, gelegentlich Kampfhelikopter.

Alawitische Führung misstraut Soldaten

Die Armee hat einige Eliteeinheiten, die ganz aus alawitischen Mannschaften bestehen. Die wichtigsten von ihnen, die Präsidialgarde und die Erste Mechanisierte Brigade, stehen unter dem Kommando des Bruders des Präsidenten, Maher al-Assad. Doch in vielen anderen Tuppeneinheiten dienen mehrheitlich sunnitische Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Viele von diesen dürften sich heute fragen, ob sie auch überlaufen sollen. Und manche lauern wohl auf die Gelegenheit, dies zu tun, ohne ihr Leben direkt in Gefahr zu bringen. Wie viele dies genau sein könnten, weiss niemand, nicht einmal die syrische Armeeführung.

Falls diese Überlegungen darüber anstrengt, wird sie das Ergebnis vor allen Aussenstehenden geheim halten. Es gibt Gerüchte darüber, dass gewisse Einheiten, denen die alawitische Führung misstraut, in den Kasernen gehalten würden. Doch niemand kann dies mit Sicherheit sagen.

baz.ch/Newsnet

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