Tod in Palmyra

Die Kalifatskrieger des Islamischen Staates zerstören systematisch alle Zeugnisse früherer Kulturen. Diese Barbarei und Vergangenheitsauslöschung steht in der Tradition des Islam selber. Ein Kommentar.

Komplett zerstört: Der IS sprengt das Kulturerbe Palmyra in die Luft.

Komplett zerstört: Der IS sprengt das Kulturerbe Palmyra in die Luft.

(Bild: Keystone)

Ende Mai dieses Jahres nahmen die Krieger des Islamischen Staates (IS) die antike Oasenstadt Palmyra ein. Mit ihrem charakteristischen Feinsinn für sadistische Ästhetik choreografierten die Eroberer die Hinrichtung von gefangenen gegnerischen Soldaten. Auf der atemberaubend spektakulären Bühne des römischen Amphi­theaters mitten in der syrischen Wüste liessen sie 25 Gefangene niederknien, und nachdem ein Sprecher deren Todesurteil deklamiert hatte, marschierten IS-Kämpfer auf, meist Jugendliche, postierten sich hinter den Todgeweihten und schnitten ihnen synchron mit einem Dolch den Kopf ab. Das zahlreiche Publikum schaute fasziniert zu.

Verlust ist nicht bezifferbar

Es sollte die letzte Aufführung in diesem Theater sein. Danach konzentrierten sich die bärtigen Kalifatsanhänger auf die systematische Zerstörung des antiken Palmyra. Erst vor wenigen Tagen sprengten sie den weltberühmten Baalshamin-Tempel und enthaupteten den langjährigen Direktor des Antikendienstes, einen der besten Archäologen des Landes. Den Rumpf des 82-jährigen Gelehrten hängten sie an eine römische Säule.

Die Tempelanlagen, Schreine, Statuen, Inschriften aus 4000 Jahren eröffneten einen unersetzbaren Einblick in die Zivilisations­geschichte der Menschheit. Ihr Verlust ist nicht bezifferbar. Dasselbe Vernichtungswerk hat der IS in allen von ihm unterworfenen Gebieten vollzogen. Seine Absicht ist es, sämtliche Spuren vor- und nichtislamischer Kulturen zu zerstören.

Aus der übrigen islamischen Welt aber hört man keine Proteste, höchstens die Beteuerung, der IS und sein Vorgehen hätten nichts mit dem Islam zu tun. Eine Beschwichtigung, die im Westen gerne wiederholt wird. Stimmt sie wirklich?

Verhasste Götzen

Tatsächlich ist die Kulturbarbarei keine Erfindung des radikalen IS. Vor drei Jahren machten sich die muslimischen Aktivisten von Ansar Dine («Verteidiger der Religion») daran, im malischen Timbuktu in Nordwestafrika Jahrhunderte alte Schreine von Heiligen zu vernichten und Bibliotheken zu verbrennen. Sie konnten sich auf ihren Propheten Mohammed berufen, der Heiligenverehrung als Götzendienst verurteilt hatte. Unvergessen ist auch die Sprengung der grandiosen Buddha-Statuen in Afghanistan durch die Taliban – für die «Koranschüler» Götzenbilder, für die zivilisierte Menschheit ein Weltkulturerbe.

Und fast monatlich hört man von abgebrannten Kirchen in Nigeria, wo seit Jahren die Muslime von Boko Haram ihren Glauben durchzusetzen versuchen. Im Übrigen verdankt sich die gesamte in 1400 Jahren vollzogene imperiale Ausbreitung des Islam nicht dem frommen Gebet, sondern in erster Linie dem Schwert. Kulturruinen der islamischen Expansion kann man auf der halben Welt besichtigen.

Ob «radikal» oder «moderat», jeder gläubige Muslim teilt das Grundbekenntnis: «Es gibt keinen Gott ausser Allah, und Mohammed ist sein Gesandter.» Bevor dem Propheten der Erzengel Gabriel erschien und ihm das Wort Gottes offenbarte, lebte die Welt infolgedessen im Zustand der «Jahiliyya», in Unwissenheit und Barbarei. Daher sind alle Manifestationen dieser Vorzeit ohne Wert, verdienen kein Interesse, sind unwahr, ob Kunst, Literatur, Architektur oder Philosophie.

Unsagbare Brutalität

Diese moralische Überheblichkeit ist eine der Voraussetzungen für das trostlose intellektuelle Leben in der arabo-islamischen Sphäre und für die unsagbare Brutalität der apokalyptischen Kriegssekten.

Der Krieg im Nahen Osten hat erst begonnen. Will ihn das anämische Europa von sich fernhalten, muss es sich zuerst von seinen pazifistischen Illusionen und Wehleidigkeiten befreien und zu einem robusten Realismus zurückkehren.

Basler Zeitung

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