Terror mit Raubüberfall finanziert

Auch nach dem Ende des Kalifats bleibt die Hass-Ideologie des IS brandgefährlich.

Den Terroristen wird das Geld nicht ausgehen. Verkohlter Truck nach dem Anschlag auf Sinai.

Den Terroristen wird das Geld nicht ausgehen. Verkohlter Truck nach dem Anschlag auf Sinai.

(Bild: Keystone)

Nach dem verheerenden Anschlag vom Freitag im ägyptischen Sinai will Ägyptens Präsident Abdel Fattah al Sisi mit äusserster Härte zurückschlagen. Die Streitkräfte und die Polizei würden «unsere Märtyrer rächen» sowie «unsere Sicherheit und Stabilität mit äusserster Kraft wiederherstellen», sagte Sisi. Bereits wenige Stunden nach dem Massaker, bei dem mehr als 300 Menschen getötet und über 100 verletzt wurden, liess er Luftangriffe gegen mutmassliche Terroristen fliegen. Für diese Woche wird eine gross angelegte Militäroperation erwartet. Die mehr als Dutzend Angreifer, die laut Zeugenaussagen lange Bärte hatten und Kampfuniformen trugen, hatten fünf Vier-mal-vier-Fahrzeuge benutzt. Laut Armeeangaben wurden nach dem Blutbad mehrere Fahrzeuge zerstört und eine ungenannte Zahl von Attentätern aus der Luft getötet.

Lokaler IS-Ableger verdächtigt

Obwohl bis Sonntag keine Organisation die Verantwortung für das Attentat übernommen hat: In Kairo gilt es als praktisch sicher, dass Ansar Beit al-Maqdis als Anhänger eines lokalen Ablegers der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) das Blutbad in der Moschee geplant und ausgeführt hat.

Ansar Beit al-Maqdis hatte dem IS vor drei Jahren die Treue geschworen, weil sich die Sinai-Terroristen davon materielle Vorteile versprachen. Sie liessen sich ihre «Treue» mit Laptops, Pick-ups und ansehnlichen Salären vergüten. Zudem verlangten sie vom IS als Gegenleistung reichlich Waffen für ihren Kampf gegen den ägyptischen Staat und dessen abtrünnige Bürger.

Das Ende des IS als Kalifat, das einst über bequeme Finanzpolster verfügt hatte, hat bei Alliierten des IS im Sinai zu Liquiditätsengpässen geführt. Jetzt seien die Terroristen zunehmend auf Raubzüge angewiesen, um überleben zu können, sagte Mitte Oktober der Kommandant der ägyptischen Spezialeinheit 777, Hatem Saber, gegenüber der Zeitung Egypt Independent. Die Terror-Gruppe könne ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber ihren Milizen sonst kaum nachkommen.

Schmuggel mit Treibstoff

Die Erwartung, dass den Terroristen im Sinai das Geld ausgeht, ist allerdings unbegründet. Um ihre Schatullen zu füllen, überfiel Ansar Beit al-Maqdis Mitte Oktober in Al Arisch eine Bank. Beim Sturm auf den Safe fielen den IS-Verbündeten rund eine Million Dollar in die Hände. Das ist im Sinai mit seinen tiefen Lebenshaltunskosten sehr viel Geld. Jetzt, meinte damals ein Beobachter gegenüber der Zeitschrift Al-Monitor, sei mit weiteren Anschlägen zu rechnen. Tragischerweise sollte er recht behalten.

Die Terrorgruppe könnte künftig versuchen, Wechselstuben, Geldtransporte oder Juweliergeschäfte auszurauben, um weitere Massaker durchzuführen. Denn die IS-Schatulle ist nicht die einzige Finanzquelle, die leer ist. Seit die ägyptischen Sicherheitskräfte entschlossen gegen die Schmuggler vorgehen, ist es in diesem für die Terroristen einst einträglichen Handel zu einem empfindlichen Rückschlag gekommen, weiss der ägyptische Journalist und Sinai-Kenner Muhamed Sabry. In der Folge des «Arabischen Frühlings», der nach dem Sturz des Langzeitherrschers Hosni Mubarak zu Chaos und einem Mangel an Sicherheit geführt hatte, verdienten die Terroristen einst viel Geld mit dem Schmuggel von Waffen, Treibstoff und Konsumgütern, vor allem von und nach Gaza. Zudem half die Hamas dem IS im Sinai bei der Ausbildung und beim Training von Terroristen sowie bei der Vorbereitung von Terrorüberfällen im Sinai.

Lösegelder erpresst

Damit ist es jetzt vorbei. Die Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, geht auf Betreiben Sisis gegen die Schmuggler vor, um im Sinai die Waffenlager des IS trockenzulegen.

Lukrativ war zudem früher die Entführung von Flüchtlingen gewesen, die aus Afrika durch den Sinai nach Israel fliehen wollten. Viele wurden von Beduinen entführt, um von den Angehörigen zu Hause Lösegelder zu erpressen. Mit dem Erlös besorgten sich die Terroristen Waffen und Munition. Doch seit die Sinai-Route nach Israel wegen eines Zauns unpassierbar geworden ist, wird der Sinai von Flüchtlingen gemieden.

Künftig werde sich Ansar Beit al-Maqdis vor allem auf interne Finanzquellen stützen müssen, meinen jetzt Beobachter in Kairo. Dazu gehören Spenden von Islamisten am Nil, aber vermehrt auch Raubüberfälle. Ähnlich hatte sich bereits der IS finanziert. Was zeige, so Experten in Kairo, dass im Sinai auch nach dem Ende des Kalifats die Hass-Ideologie des IS nach wie vor terrorfähig ist.

Basler Zeitung

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