Rivalitäten innerhalb des IS

Neue Dokumente beweisen: Beim Islamischen Staat ist alles klar geregelt, auch der Umgang mit Sklavinnen. Das führt intern zu Streitigkeiten.

Verkündet das Urteil: Ein Mitglied der IS-Sittenpolizei Hisba.

Verkündet das Urteil: Ein Mitglied der IS-Sittenpolizei Hisba.

(Bild: Keystone)

US-Spezialeinheiten erbeuteten im Mai bei einem Einsatz in Syrien Computer-Festplatten, USB-Sticks, CDs, DVDs und Schriftstücke der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Nun erhielt die Nachrichtenagentur Reuters exklusiv Einsicht in die internen Unterlagen. Bei den meisten handelt es sich um Fatwas (Rechtsgutachten) und religiöse Beschlüsse, unter anderem über die Vergewaltigung weiblicher Gefangener – etwas, das beim IS offenbar zuhauf vorkommt (wir berichteten).

Regeln für Umgang mit Sexsklavinnen

So geht aus den beschlagnahmten Dokumenten hervor, dass der IS Regeln für seinen menschenverachtenden Umgang mit versklavten Frauen und Mädchen erlassen hat. Nach dieser Fatwa dürfen beispielsweise Vater und Sohn keinen Geschlechtsverkehr mit derselben Sklavin haben. Dasselbe gilt für zwei Kämpfer, die ein und dieselbe Frau «besitzen». Es werden 15 Verhaltensmassnahmen aufgelistet. So heisst es: «Wenn der Besitzer einer weiblichen Gefangenen mit deren empfängnisfähiger Tochter sexuell verkehrt, darf er nicht mit der Mutter Sex haben.»

Der IS-Experte Cole Bunzel von der amerikanischen Universität Princeton sieht in der Fatwa eine Reaktion der IS-Anführer auf sogar in ihren Augen schwere Übergriffe. Weibliche Gefangene, die aus dem Herrschaftsgebiet der Terrormiliz fliehen konnten, berichteten von systematischen Vergewaltigungen, anderen Arten sexueller Gewalt und dass sie verschenkt oder verkauft worden seien. Im neuen IS-Regelwerk wird auch dazu aufgerufen, die Frauen nicht zu erniedrigen und sie nicht an Männer zu verkaufen, die für die schlechte Behandlung von Sklavinnen bekannt seien.

«Er ist ein Dummkopf»

Den Handel mit Frauen zu unterbinden, kommt für den IS allerdings nicht infrage. Laut den Vereinten Nationen und Menschenrechtsgruppen werden weibliche Gefangene den Kämpfern zum Geschenk gemacht oder ihnen als Sexsklavinnen verkauft. Der IS hat eigens eine Verwaltungsabteilung für «Kriegsbeute» eingerichtet, die sich beispielsweise um die Förderung natürlicher Ressourcen wie Öl kümmert, aber auch die Verteilung der Frauen und Mädchen regelt.

Wie die vom US-Militär erbeuteten Unterlagen zeigen, sind solche Verwaltungseinheiten Teil einer komplexen Bürokratie. Der IS hat verschiedene Komitees und Räte, alles ist streng hierarchisch aufgebaut. Nur so war es ihm möglich, das grosse eroberte Gebiet zu verwalten und die verschiedenen Einkommensquellen zu bewirtschaften. Allerdings führt die straffe Rangordnung auch zu Konkurrenzkämpfen. Die Dokumente zeigen, dass persönliche Konflikte innerhalb der Terrormiliz ausgetragen werden. In einem Brief der Verwaltungsabteilung für «Kriegsbeute» steht, dass besser Abu Sayyaf für den Handel mit Antiquitäten verantwortlich sein sollte, «weil er sachkundig auf diesem Gebiet ist und Abu Jihad al-Tunisi ein Dummkopf ist, der diese Abteilung nicht leiten kann».

Unterlagen verraten Schwachstellen

US-Beamte sagten gegenüber Reuters, dass ihnen die gefundenen Dokumente halfen, die Terrormiliz besser zu verstehen und deren Schwachstellen aufzudecken. Davon habe die Anti-IS-Koalition profitieren können. Die Luftschläge, welche die USA und ihre Verbündeten in letzter Zeit geflogen haben, richteten sich gezielt gegen die Öl-Infrastruktur des IS oder dessen Anführer. Dass die Terrormiliz in den letzten Wochen immer mehr unter Druck kam, könnte also auch mit dem Fund der wichtigen Unterlagen zusammenhängen.

wig./SDA, Reuters

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