Nothilfe gegen Sex

UNO-Helfer sollen in Syrien Frauen missbraucht haben. Das ist ein weiterer Sex-Skandal von Hilfswerken. Eine Übersicht.

Gefahren drohen auch von Helfern: Frau in einem Flüchtlingslager in Syrien.

Gefahren drohen auch von Helfern: Frau in einem Flüchtlingslager in Syrien.

(Bild: Keystone)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Das Problem ist seit Jahren bekannt, geändert hat sich offensichtlich nichts. Sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Frauen, begangen von humanitären Helfern, sind im Syrien-Krieg an der Tagesordnung. In den Skandal verwickelt sind einheimische Helfer im Einsatz für UNO- und andere internationale Hilfsorganisation. Aus einem aktuellen Bericht des UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA) «Voices from Syria 2018» geht hervor, dass Helfer Lebensmittel und Hilfsgüter gegen sexuelle Gefälligkeiten verteilen.

«Mädchen und Frauen ‹heiraten› Offizielle für eine kurze Zeit, um sexuelle Dienste im Gegenzug für Essen zu leisten», heisst es im UNFPA-Bericht. Und weiter: «Hilfsgüter werden verteilt im Austausch für einen ‹Besuch daheim› oder für ‹Dienste, wie zum Beispiel gemeinsam eine Nacht verbringen›.»

Besonders gefährdet seien Frauen «ohne männlichen Beschützer», also vor allem Witwen oder Geschiedene, aber auch alleine geflohene Frauen. Die UNO-Flüchtlingshilfe will nun die Vorwürfe untersuchen. Dass Mädchen und Frauen in vielen Teilen Syriens Opfer von sexueller Gewalt werden, zeigte bereits ein 2015 veröffentlichter Bericht des Internationalen Roten Kreuzes.

«Frauen werden geopfert»

Die Britin Danielle Spencer, die 2014 und 2015 als Helferin in syrischen Flüchtlingscamps gearbeitet hatte, äussert in einem BBC-Bericht deutliche Kritik an internationalen Hilfsorganisationen. «Die UNO und das humanitäre System haben entschieden, die Frauen zu opfern, damit die humanitäre Hilfe mehr Menschen erreicht.» Dass sexuelle Ausbeutung und sexuelle Gewalt auch im humanitären Sektor in Syrien häufig passierten, werde von den Hilfswerken ignoriert, sagte Spencer.

Hilfsorganisationen sind in Syrien meistens auf lokale Organisationen und Offizielle angewiesen, um Hilfsbedürftige auch in gefährlichen Regionen erreichen zu können. Bei der UNO und anderen Organisationen heisst es offiziell, dass ihnen keine Missbrauchsfälle von Partnerorganisationen in Syrien bekannt seien.

Oxfam war nur der Anfang

Wegen Sex-Skandalen stehen verschiedene Hilfsorganisationen seit Wochen in der Kritik. Nach Vorwürfen gegen Mitarbeiter der Hilfsorganisation Oxfam in Haiti und im Tschad sind laufend neue Fälle publik geworden. Betroffen sind zum Beispiel die Kinderhilfeorganisation Plan International oder auch Ärzte ohne Grenzen. In diesen beiden Hilfswerken sollen mehr als zwei Dutzend Mitarbeiter entlassen worden sein. Bei den von Ärzte ohne Grenzen veröffentlichen Fällen handelt es sich um sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, nicht aber um Übergriffe auf Hilfsbedürftige.

Bei Oxfam mussten bisher sieben Mitarbeiter, darunter der Leiter für Haiti, gehen. Die Hilfsorganisation stellte inzwischen einen Aktionsplan vor, um sexuelle Missbräuche zu bekämpfen. Bei Save the Children in London gab es Vorwürfe von Mitarbeiterinnen gegen Vorgesetzte. Das Kinderhilfswerk kündigte bislang 19 Mitarbeitern.

Gemäss einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters sind im vergangenen Jahr über 120 Mitarbeiter von international führenden Hilfsorganisationen wegen sexuellen Fehlverhaltens entlassen worden. Kevin Watkins, Geschäftsführer von Save the Children, fordert nun ein internationales Überprüfungssystem für den humanitären Sektor, wobei Interpol beigezogen werden soll.

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