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Nach den Taliban kamen die Fluten

Den Bewohnern im Nordwesten Pakistans bleibt nichts erspart: Nach der Schreckensherrschaft durch die Taliban werden sie nun von Überschwemmungen heimgesucht. Und das nächste Problem droht bereits.

Noch immer sind zahlreiche Felder in Pakistan überflutet, und bald beginnt der Winter. Hier Shah Jamal, 5. September 2010.
Noch immer sind zahlreiche Felder in Pakistan überflutet, und bald beginnt der Winter. Hier Shah Jamal, 5. September 2010.
Keystone
29. August: Die Fluten ausserhalb von Thatta gehen zurück.
29. August: Die Fluten ausserhalb von Thatta gehen zurück.
Keystone
Leute, die von der Flut betroffen sind, demonstrieren in den Strassen von Nowshera gegen die Regierung.
Leute, die von der Flut betroffen sind, demonstrieren in den Strassen von Nowshera gegen die Regierung.
Keystone
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«Wir haben in den drei Jahren unter den Taliban und den anschliessenden Auseinandersetzungen der Extremisten mit dem Militär jede Menge Zerstörung gesehen. Aber das Ausmass der Verwüstung, das wir in den vergangenen drei Tagen mit ansehen mussten, ist viel grösser», sagte der 30-jährige Faisal Maula einem Reporter der Nachrichtenagentur Associated Press (AP), der in einem behelfsmässigen Boot am Sonntag das Dorf im Nordwesten des Landes erreichte. Bei den Überschwemmungen der letzten Tage, handelt es sich um die schlimmsten seit rund 80 Jahren.

Ein Schlag gegen die Wiederbesiedelung

Viel ist von Imam Dheri nicht übrig. Das Dorf ist wie viele Nachbarorte fast vollständig unter den Wassermassen verschwunden. Häuser, Läden, Autos, Ernte - nichts ist mehr da. Nur Wasser, und die Angst vor Seuchen. Rund 1.200 Menschen sind nach offiziellen Angaben in den Fluten bislang umgekommen. Nach heftigem Monsunregen waren zahlreiche Flüsse über die Ufer getreten. Das Swat-Tal wurde von der Flutkatastrophe am stärksten heimgesucht: Hier wurden mehr als 14.000 Häuser und 22 Schulen zerstört - und damit auch die mühsamen Wiederbesiedelungsversuche der Regierung auf einen Schlag zunichte gemacht.

Nach der Grossoffensive des pakistanischen Militärs gegen die Taliban im vergangenen Frühling hatte die Regierung in Islamabad versucht, die Menschen zur Rückkehr ins Swat-Tal zu bewegen. Doch viele der rund zwei Millionen, die vor den monatelangen Gefechten geflohen waren, wollten nicht zurück - ausserdem fehlten die nötigen Gelder für den Wiederaufbau. Diejenigen, die zurückgekehrt sind, fliehen nun erneut, diesmal vor den Wassermassen. Wer nicht habe fliehen können, drohe zu verhungern, schilderte Maula die dramatische Lage der Bevölkerung.

Erste Hilfslieferungen eingetroffen

Die Bundesregierung stelle für Soforthilfe bis zu 500.000 Euro zur Verfügung, gab Aussenminister Guido Westerwelle in Berlin bekannt. Mit dem Geld sollen unter anderem Notunterkünfte, Decken und Trinkwasser finanziert werden. Die USA haben am Sonntag Hilfe für Pakistan in Höhe von 10 Millionen Dollar (rund 7,7 Millionen Euro) versprochen. Die Regierung von US-Präsident Barack Obama sandte nach pakistanischen Angaben bereits vier Rettungsboote ins Katastrophengebiet, zudem zwei Anlagen zur Trinkwasseraufbereitung, vorgefertigte Stahlbrücken und 380.000 Lebensmittelpakete, die pakistanische Soldaten aus Hubschraubern für die Flutopfer abwarfen.

Nach den schweren Erdbeben vor fünf Jahren in Pakistan, die 80.000 Menschen das Leben kosteten, waren die Amerikaner mit ähnlichen Hilfsmassnahmen zur Stelle. Doch an der anti-amerikanischen Einstellung der Bevölkerung änderte das langfristig nichts.

Auf dem Rücken der Flutkatastrophe versuchten sich auch Hilfsgruppen der militanten Islamisten zu profilieren. Vertreter einer Wohltätigkeitsorganisation, die angeblich Verbindungen zu der Extremistengruppe Laschkar-e-Taiba haben soll, verteilten Essen und Medikamente an die Flutopfer in der Stadt Charsada. Mitglieder von Laschkar-e-Taiba, die Al-Kaida nahestehen soll, werden unter anderem mit dem Terroranschlag in Mumbai Ende 2008 in Verbindung gebracht, bei dem 166 Menschen starben.

Wut der Bevölkerung auf Regierung in Islamabad wächst

Ihm sei egal, von wem die Hilfe komme, sagte Maula. Er wolle wissen, wo seine Familie und er die nächste Nahrung herbekommen und wie sie ihr Leben wiederaufbauen sollten. Trotz Entsendung von mindestens 30.000 Soldaten in das Katastrophengebiet wuchs die Wut auf die Regierung in Islamabad: «Mein Sohn ist ertrunken, und die Regierung tut nichts,» klagte ein Flutopfer, Sehar Ali Schah, aus der Stadt Nowschera. Auch sein Haus wurde von den Fluten zerstört. Andere suchten weiter verzweifelt nach ihren Angehörigen. Hakimullah Khan beispielsweise vermisst seine Frau und drei seiner Kinder. «Ich weiss nicht, wo meine Familie ist,» sagte Khan. «Überall ist Wasser, und keiner hilft uns.»

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind landesweit über zwei Million Menschen von der Katastrophe betroffen. Auch die Zahl der Todesopfer könne weiter steigen, sagte ein Sprecher der Katastrophenbehörden, Adnan Khan. Viele Gebiete seien noch unzugänglich. Luftaufnahmen zeigten, dass die Fluten ganze Dörfer weggespült hätten, sagte ein Sprecher der Katastrophenschutzbehörde der Provinz Khyber-Pakhtoonkhwa (früher North West Frontier). Mit 43 Militärhubschraubern und mehr als 100 Booten versuchten Rettungskräfte, zu den Tausenden noch immer vom Wasser eingeschlossenen Einwohnern der Provinz vorzudringen.

dapd/mrs

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