Ministerpräsident nach Entführung: «Ich trete nicht zurück»

Der Chef der libyschen Übergangsregierung, Ali Zeidan, ist in Tripolis von Bewaffneten verschleppt worden. Wenige Stunden später liessen ihn die Rebellen wieder gehen.

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Wenige Stunden nach der Meldung über die Entführung von Ali Zeidan ist der libysche Ministerpräsident wieder auf freiem Fuss. Dies berichten libysche Staatsmedien. Der Chef der Übergangsregierung war am Morgen von schwer bewaffneten Männer aus seiner Residenz in der Hauptstadt Tripolis entführt worden. Dies teilte die Regierung des nordafrikanischen Landes mit.

Der Sprecher der Abteilung für Verbrechensbekämpfung im Innenministerium, Abdelhakim al-Balasi, sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Lana zwar, es handle sich nicht um eine «Entführung», sondern um eine «Festnahme». Das Justizministerium betonte jedoch, die Staatsanwaltschaft habe keinen Haftbefehl für Zeidan ausgestellt.

Nach seiner Entführung betonte Zeidan, er wolle nicht zurücktreten. «Wenn es das Ziel dieser Entführung war, mich zum Rücktritt zu bewegen, dann kann ich dazu nur sagen, dass ich nicht zurücktreten werde. Wir kommen nur langsam voran, aber wir sind auf dem richtigen Weg», schrieb er im Kurznachrichtendienst «Twitter».

Regierungssprecher Mohammed Kaabar sagte laut der amtlichen Nachrichtenagentur Lana, Zeidan sei «befreit und nicht freigelassen» worden. Der Regierungschef sei «bei guter Gesundheit».

Beobachter in der libyschen Hauptstadt vermuten einen Zusammenhang zwischen der Entführung und der Verschleppung des mutmasslichen Al-Qaida-Terroristen Abu Anas al-Libi. Dieser war am vergangenen Samstag von einem US-Spezialkommando in Tripolis gefangen und ausser Landes gebracht worden.

Bei guter Gesundheit

Die Abteilung für Verbrechensbekämpfung erklärte laut Lana weiter, Zeidan befinde sich in ihrem Gewahrsam und sei bei guter Gesundheit. Die Festnahme sei von der «Kommandozentrale der libyschen Revolutionäre», einem Zusammenschluss ehemaliger Milizen aus dem Bürgerkrieg 2011, angeordnet worden. Zeidan stehe im Verdacht, die nationale Sicherheit gefährdet zu haben. Ausserdem werde ihm Korruption vorgeworfen.

Unter dem Dach des Innenministeriums arbeiten neben Beamten aus der Ära des 2011 gestürzten Langzeitherrschers Muammar al-Gaddafi auch Angehörige sogenannter Revolutionsbrigaden, die sich einst für den Kampf gegen Gaddafis Truppen formiert hatten. Diese folgen nicht immer den Vorgaben der Regierung.

Erster gewählter Regierungschef

Das Büro des Generalstaatsanwalts verurteilte die Entführung des Ministerpräsidenten. Die Regierung rief die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren. Zeidan ist der erste gewählte Regierungschef Libyens. Der ehemalige Oppositionelle hatte in der Gaddafi-Ära im Exil gelebt, unter anderem im Irak und in Deutschland.

Nach dem Verschwinden des Al-Qaida-Terroristen Abu Anas al-Libi hatte es in der ostlibyschen Stadt Bengasi eine Protestaktion radikaler Islamisten gegeben. Auch einige Milizen, die nicht dem terroristischen Milieu angehören, hatten ihren Unmut darüber geäussert, dass Ausländer mitten in der Hauptstadt einen libyschen Staatsbürger verschleppen können.

Die Regierung in Tripolis hatte nach dem Verschwinden von Al-Libi die US-Botschafterin einbestellt, gleichzeitig aber betont, man hoffe weiterhin auf gute Beziehungen zu Washington.

wid/AFP/sda/AP

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