Migranten als Spielball der Milizen

Viele Migranten aus Afrika bleiben auf ihrem Weg nach Europa in Libyen stecken. Dort erleben sie «die Hölle» – deshalb werde sie auch das Drama vor Lampedusa nicht davon abhalten, ein Boot zu besteigen.

In den Händen der Bewaffneten: Ein Milizionär bewacht am Hafen von Tripolis Migranten, deren Überfahrt nach EUropa vereitelt wurde. (Archiv)

In den Händen der Bewaffneten: Ein Milizionär bewacht am Hafen von Tripolis Migranten, deren Überfahrt nach EUropa vereitelt wurde. (Archiv)

(Bild: AFP)

Der Seeweg nach Europa ist für afrikanische Flüchtlinge extrem gefährlich. Immer wieder kentern Boote, vor der italienischen Insel Lampedusa ertranken in dieser Woche vermutlich rund 300 Menschen. Doch um überhaupt an die afrikanische Mittelmeerküste zu gelangen, müssen es viele Flüchtlinge zunächst durch den Wüstenstaat Libyen schaffen – und dort werden sie zunehmend Opfer von skrupellosen Milizen.

Er stecke seit fünf Jahren in Libyen fest, berichtet George Ikbo aus Nigeria. Grund dafür seien «Betrügereien» von libyschen Schleusern, die mit den Milizen gemeinsame Sache machten. «Mir geht's genauso», sagt Patrick Adamo aus Kamerun. Die beiden Männer haben sich mit einigen anderen Einwanderern in einer Kirche in Tripolis versammelt, um die Toten des Schiffsunglücks vor Lampedusa zu betrauern.

Festnahme statt Überfahrt

«Ich habe alle möglichen unvorstellbaren Jobs gemacht und alle Entbehrungen hingenommen», um die umgerechnet gut 1000 Dollar (gut 900 Franken) für die Überfahrt nach Europa zusammen zu bekommen, berichtet Adamo. Mehr als 20 weitere Afrikaner hätten den gleichen Preis bezahlt. Am verabredeten Ausreisetag jedoch «haben sie uns nicht auf ein Boot gebracht, sondern bewaffnete Milizionäre geschickt, um uns festzunehmen».

Gemeinsam mit den anderen wurde Adamo in Tripolis festgehalten, erst nach vier Monaten kam er frei. «Seitdem versuche ich alle Vorkehrungen zu treffen, damit ich auf dem Weg nach Europa nicht noch einmal in eine solche Falle tappe.» Andere Afrikaner in der Kirche erzählen ähnliche Geschichten. Die Milizen verlangten 1000 bis 2000 Dollar pro Flüchtling für die Bootsreise, doch in letzter Minute sorgten sie für deren Festnahme.

Erstarkte Milizen

Im weitläufigen Wüstenstaat Libyen haben die Milizen seit dem Sturz von Machthaber Muammar al-Ghadhafi im Herbst 2011 an Stärke gewonnen. Unter Gaddafi seien Immigranten oft festgenommen und abgeschoben worden, doch von den Milizen drohten ihnen viel grössere Gefahren, sagt der Nigerianer Ikbo. Eine Frau aus Eritrea berichtet, sie sei bereits drei Mal um die erhoffte Weiterreise betrogen worden.

Die festgenommenen Flüchtlinge werden zum Teil von den Milizen selbst festgehalten, andere werden den libyschen Einwanderungsbehörden übergeben. Wer nicht für seine Freilassung bezahlen kann, dem droht die Abschiebung – in Lastwagen werden die Flüchtlinge an der Grenze zum Tschad oder zum Niger abgesetzt, mitten in der Wüste. Laut Zahlen von Amnesty International wurden von Mitte 2012 bis Mitte 2013 rund 25'000 Migranten aus Libyen abgeschoben.

Andere werden unter unwürdigen Umständen in Internierungslagern festgehalten. Amnesty nennt die dortigen Lebensbedingungen «beklagenswert», immer wieder gebe es Misshandlungen. Inhaftierte Flüchtlinge würden mit Wasserrohren und Elektrokabeln geschlagen. Die Lagerinsassen beklagen laut Amnesty Überfüllung, unhygienische Zustände, schlechte Versorgung mit Lebensmitteln sowie Brutalität und rassistische Übergriffe.

Drama wird niemanden abhalten

Libyen teilt mit seinen sechs Nachbarstaaten mehr als 4000 Kilometer Landgrenze, die Küste ist mehr als 1700 Kilometer lang. Die Führung in Tripolis sieht sich ausserstande, die Grenzen in ausreichendem Masse zu überwachen, und verlangt regelmässig Hilfe vom Westen. Mit dem Argument, Europa vor riesigen Flüchtlingsbewegungen zu bewahren, hatte bereits Ghadhafi milliardenschwere Hilfszahlungen der EU beansprucht.

In der Kirche in Tripolis denken die Flüchtlinge an diejenigen, die auf dem Weg nach Norden ihr Leben verloren haben. Das Wissen um das Unglück vor Lampedusa werde aber kaum jemanden abhalten, sagt Albert Obmila aus Ruanda: «Trotz der Schwierigkeiten werden die Afrikaner hier ihre Träume vom Leben in Europa nicht aufgeben.» Das Leben in Libyen sei für sie ohnehin «die Hölle».

ami/AFP

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