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Kampf um die Vorherrschaft

Moslems und Juden streiten sich darum, wer auf dem Tempelberg das Sagen hat.

Träger imperialer Botschaften. Einer der wichtigsten Herrscher Arabiens, Abd al-Malik, hat den Felsendom im 7. Jahrhundert dort gebaut, wo Mohammed zum Himmel aufgestiegen sein soll. Auch als Zeugnis der Grösse seiner Dynastie.
Träger imperialer Botschaften. Einer der wichtigsten Herrscher Arabiens, Abd al-Malik, hat den Felsendom im 7. Jahrhundert dort gebaut, wo Mohammed zum Himmel aufgestiegen sein soll. Auch als Zeugnis der Grösse seiner Dynastie.
Keystone

Moslems nennen ihn den Haram ash-Sharif, Juden bezeichnen ihn als Tempelberg. Seit Jahrzehnten steht er im Zentrum von Konflikten. So auch in dieser Woche: Die israelische Polizei hat ihre Präsenz in und um Jerusalem massiv verstärkt. Palästinenser wollen ihr Freitagsgebet heute Nachmittag zu einer grossen Kundgebung umfunktionieren. Damit protestieren sie gegen die verschärften Sicherheitsmassnahmen in der Jerusalemer Altstadt: Mithilfe von Metalldetektoren soll jeder Einzelne, der auf dem Haram ash-Sharif beten will, auf Waffenbesitz untersucht werden.

Die Metalldetektoren sind die Reaktion auf ein Attentat am vergangenen Freitag: Drei israelische Araber, die bewaffnet vom Tempelberg gekommen waren, hatten in der Altstadt zwei israelische Polizisten erschossen. Ein Video, das die israelische Polizei gestern veröffentlichte, soll belegen, dass das Attentat durch die inzwischen installierten Metalldetektoren wahrscheinlich hätte verhindert werden können.

Doch die religiöse Stiftung Wakf, die die Moscheen verwaltet, sieht mit den Metalldetektoren die bisher geltenden Arrangements und ihre Souveränität auf dem Tempelberg bedroht. Denn letztlich geht es beim Konflikt nicht um die Sicherheitsfrage, sondern darum: Wer hat auf dem Tempelberg das Sagen?

Kern religiöser Gegensätze

Der heilige Ort steht im Kern der religiösen Gegensätze des israelisch-palästinensischen Konflikts. Für Moslems ist der Haram ash-Sharif das noble Heiligtum, der Ort, von dem Mohammed gen Himmel aufgestiegen ist. Für Juden ist es der Tempelberg, auf dem einst der Erste und später der Zweite Tempel stand, bevor er im Jahr 70 von den Römern zerstört wurde. Die Klagemauer, an der Juden beten, ist eine Aussenmauer des damaligen Tempels. Islamisten, unterstützt von Ankara und Katar, schüren den Konflikt immer wieder – meistens mit Erfolg.

Das Plateau ist im Islam seit vielen Jahrhunderten religiös und imperial von zentraler Bedeutung. Es begann mit einem der wichtigsten Herrscher Arabiens, mit Abd al-Malik. Der Felsendom, den er gegen Ende des 7. Jahrhunderts bauen liess, war ihm ein Ersatz für Mekka. Die Heilige Stadt im heutigen Saudiarabien war für ihn damals noch ausser Reichweite.

Dass Malik die Anhöhe in Jerusalem als symbolträchtiges Zentrum wählte, war kein Zufall. Der Felsendom mit seiner markanten, selten schönen goldenen Kuppel sollte ein religiöser Mythos werden. Er steht dort, wo sich Adams Paradies, Abrahams Altar sowie Davids und Salomos Tempel befunden haben sollen. Für den Islam besonders wichtig: Der Kuppelbau wurde von Malik dort gebaut, wo Mohammed während der Nacht zum Himmel aufgestiegen sein soll.

Unter Malik erhielt die Moschee auf der Anhöhe eine neue Bedeutung. «Die goldene Kuppel, die üppigen Dekorationen und der glänzend weisse Marmor verkündeten, dass sich hier der neue Garten Eden und der Ort des Jüngsten Gerichts befanden, an dem Abd al-Malik und seine Dynastie ihr Königreich in der Stunde des Jüngsten Tages Gott übergeben würden», schreibt der Historiker Simon Sebag Montefiore in seiner sehr lesenswerten, 870 Seiten starken, Jerusalem-Biografie. Die goldene Kuppel «projizierte Maliks Glanz als islamischer Herrscher».

Der Felsendom hatte laut Montefiore auch eine «imperiale Botschaft»: Malik wollte der islamischen Welt die Grösse und Dauerhaftigkeit seiner Dynastie zeigen. Etwas später eroberte er Mekka und damit die Kaaba. Der Felsendom blieb im Islam zwar wichtig, stand aber an Bedeutung hinter Mekka und Medina zurück. Montefiore vermutet, dass Malik Jerusalem vielleicht zu einem neuen Mekka gemacht hätte, wäre Mekka nicht schlussendlich in seinen Einflussbereich gefallen.

So oder so: Als der Bau am Ende des 7. Jahrhunderts fertig war, veränderte er Jerusalems Skyline und Gesicht für immer. Besonders wichtig für den Islam: Der Dom war höher als die Grabeskirche. Von da an, so Montefiore, mokierten sich Moslems bis ins 21. Jahrhundert hinein über die Grabeskirche und nannten sie despektierlich «Misthaufen».

Immer wieder Zentrum der Gewalt

Was vor über 1'300 Jahren gebaut wurde, vergiftet das Klima im Nahen Osten bis heute. Denn der Felsendom ergänzte und überwand die rivalisierenden – wenngleich verwandten – Ansprüche von Juden und Christen auf denselben Ort «und konfrontierte beide mit der überlegenen Neuerung des Islam», schreibt Montefiore.

Doch der mystische Palast, der die Herrlichkeit des Islam beweisen und die beiden Vorgängerreligionen, das Christentum und das Judentum, beschämen sollte, war keine Moschee. Deshalb bauten al-Malik und sein Nachfolger, sein Sohn Walid, die «Ferne Moschee», die al-Aqsa. Sie sollte am Südrand des Plateaus für das übliche Freitagsgebet zur Verfügung stehen. Damit wurde die Anhöhe, wo einst der jüdische Tempel gestanden hatte, endgültig zu einem islamischen Heiligtum. Ein Fussabdruck auf dem Felsen des Tempelbergs, den man zuvor christlichen Pilgern als Abdruck Jesu gezeigt hatte, wurde nun zum Fussabdruck Mohammeds uminterpretiert.

Seit Moslems den Haram ash-Sharif oder Tempelberg in Beschlag genommen haben, stand er immer wieder im Zentrum von Angriffen, zum Beispiel der Kreuzritter, und im letzten Jahrhundert der britischen Kolonialverwaltung, und 1967 erfolgte die Eroberung durch israelische Truppen im Sechs-Tage-Krieg. 1980 wurde ein Angriff jüdischer Terroristen vereitelt: Die radikalen Frommen hatten das islamische Heiligtum in die Luft sprengen wollen, um dem Dritten Tempel Platz zu machen.

Vor 17 Jahren hatte ein Besuch des damaligen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Tempelberg die zweite Intifada ausgelöst. Palästinenserführer Yassir Arafat hatte die Brigaden, die er mit dem Auftrag ins Leben rief, Juden zu töten, «Aksa Märtyrer-Brigaden» benannt. Vier Jahre zuvor war es zu Unruhen gekommen, als der damalige Premier Benjamin Netanyahu die Bewilligung gab, unter der Westmauer einen Tunnel zu graben. Die Palästinenser befürchteten (zu Unrecht), die Ausgrabungen würden der Aksa-Moschee Schaden zufügen. Bei den Ausschreitungen starben 16 israelische Soldaten und 80 Palästinenser.

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