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In Idlib findet ein blutiges Kräftemessen statt

Im Kampf um die Rebellenhochburg rüstet die Türkei ständig nach. Sie will sie als Faustpfand, um die Kontrolle über Kurdengebiete zu erhalten.

Ankara erhöht die Truppenpräsenz: Türkische Soldaten rücken in ein Dorf in der Nähe von Idlib ein. Foto: Omar Haj Kadour (AFP)
Ankara erhöht die Truppenpräsenz: Türkische Soldaten rücken in ein Dorf in der Nähe von Idlib ein. Foto: Omar Haj Kadour (AFP)

Erst jubelten die Anhänger von Machthaber Bashar al-Assad, kurz darauf seine Gegner. Zu einem baldigen Ende der Kämpfe in der Rebellenprovinz Idlib im Nordwesten Syriens wird jedoch keine der beiden Erfolgsmeldungen beitragen, im Gegenteil: Nach Scharmützeln zwischen türkischen und syrischen Truppen steigt die Gefahr einer Eskalation, zumal Ankara weiter Verstärkungen schickt: Am Dienstag sandte die türkische Armee weitere Einheiten und Material nach Idlib, mehr als 60 Lastwagen überquerten bis zum frühen Abend die Grenze.

Zuerst vermeldeten am Vormittag regimenahe Medien einen fast historischen Sieg im nun bald neun Jahre andauernden Krieg: Assad-treuen Verbänden – nach Angaben türkischer Experten handelt es sich um von iranischen Kommandanten befehligte Milizen afghanischer Kämpfer – war beim Ort Khan al-Assal ein weiterer Vorstoss gelungen. Zum ersten Mal seit 2012 kontrolliert Damaskus so wieder die gesamte Verkehrsverbindung zwischen der Hauptstadt und der einstigen Handelsmetropole Aleppo im Norden.

Noch vor wenigen Wochen war die Autobahn M5 tief im Rebellengebiet verlaufen, der Verkehr hingegen auf provisorischen Behelfsstrassen weiter östlich. Auch wenn die Autobahn noch lange nicht sicher genug für eine Wiedereröffnung ist, hat Assads Offensive eines der wichtigsten Etappenziele erreicht – auch um den Preis, dass die Zahl der vor den Kämpfen Geflüchteten auf bald 700'000 gestiegen ist.

Helikopter abgeschossen

Die Begeisterung der Regimeunterstützer dämpften bald ­Videos, die Rebellenanhänger im Netz verbreiteten: Bei der umkämpften Stadt Nayrab, die in dem nur zehn Kilometer breiten Streifen zwischen der Front und der Provinzhauptstadt Idlib liegt, war es Rebellen gelungen, einen Helikopter der syrischen Luftwaffe abzuschiessen.

Im Vergleich zu den Geländegewinnen des Regimes erscheint dies wie ein nachgeordneter Erfolg – jedoch einer mit Symbolkraft: Mit Helikoptern wie dem abgeschossenen Mi-17 hat das Regime über Jahre Zerstörung und Terror über die Zivilbevölkerung in den Rebellengebieten gebracht. Sie warfen die gefürchteten Fassbomben ab, die kaum zielgenau treffen, dafür aber ganze Häuserblöcke zum Einsturz bringen. Unbestätigte Videos zeigten am Dienstagnachmittag, wie islamistische Rebellen die Leichen der Piloten aus der ­Absturzmaschine schändeten.

Welcher Miliz der Abschuss gelang und welche Waffen sie dafür benutzte, ist noch unklar – viele Beobachter äusserten jedoch die Vermutung, dass der in grosser Höhe fliegende Militärhelikopter mit neu aus der Türkei geliefertem Material an Bord getroffen wurde.

In der Nacht zum Dienstag hatten syrische Kräfte einen türkischen Konvoi getroffen und Panzer zerstört – nur wenige Stunden zuvor waren fünf türkische Soldaten bei einem Angriff auf einen Militärposten ums Leben gekommen. Insgesamt hat die Türkei somit 13 Soldaten binnen einer Woche in Idlib verloren – und reagiert nun mit einer Mischung aus Drohungen und Verhandlungsangeboten.

Türkische Drohungen

Devlet Bahceli, der Parteivorsitzende der nationalistischen MHP, die informeller Koalitionspartner der türkischen Regierungspartei AKP ist, forderte am Dienstag gar den Einmarsch in Damaskus. «Syrien soll brennen», sagte er. Der Stab von Präsident Recep Tayyip Erdogan bemühte sich gleichzeitig um Verhandlungen mit Moskau. Ein Sprecher Erdogans hatte gesagt, im März sei eine neue Runde von Astana-Gesprächen möglich.

Bei der bisher letzten Konferenz in der kasachischen Hauptstadt hatte sich die Türkei mit Assads Verbündeten Russland und dem Iran geeinigt, eine sogenannte Deeskalationszone in Idlib einzurichten sowie eine Kette von Observationspunkten entlang der damaligen Front. Nach den Vorstössen Assads liegen heute sieben dieser Stützpunkte unter Belagerung, syrische Truppen haben sie umzingelt. Dass Damaskus ein von Erdogan gestelltes Ultimatum ernst nimmt und seine Truppen bis Ende des Monats aus allen neu eroberten Gebieten zurückzieht, daran dürften selbst in Ankara nur wenige glauben.

Zusagen für einen neuen Gipfel konnte die Türkei am Dienstag nicht vermelden. Der Kreml bestätigte ein geplantes Telefongespräch der beiden Präsidenten. Nach Ansicht des ehemaligen türkischen Militärberaters Metin Gurcan versucht Erdogan mit dem Vorgehen in Idlib vor allem seine Position für Gespräche über andere Gebiete in Nordsyrien zu stärken.

Die gesteigerte Truppenpräsenz soll Moskau zu Verhandlungen zwingen, so Gurcan. In diesen Gesprächen könnte Erdogan einen Teilabzug aus Idlib anbieten, wenn ihm im Gegenzug eine türkische Präsenz in den Gebieten um die Städte Afrin und Jarablus garantiert wird. In diese Gegenden war seine Armee eingerückt, um kurdische Kräfte zu vertreiben oder ihnen zuvorzukommen. Die Schwächung des kurdischen Quasi-Autonomiegebiets in Nordsyrien zählt zu Erdogans wichtigsten Kriegszielen.

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