Ihr letzter Bericht aus Homs

Hintergrund

Jahrelang berichtete die gestern getötete Journalistin Marie Colvin über blutige Konflikte. Ihre letzten Wochen verbrachte die preisgekrönte Reporterin in Syrien – dort erlebte sie die schrecklichsten Szenen ihrer Karriere.

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Michèle Widmer@MiWidmer

Wenige Stunden vor ihrem Tod berichtete Marie Colvin noch in Interviews im britischen und amerikanischen Fernsehen über die Lage in der umkämpften syrischen Stadt Homs. Die 56-jährige Kriegsreporterin war eine der ganz wenigen Journalisten, die im improvisierten Medienzentrum der Aufständischen im Stadtteil Baba Amr geblieben sind. BBC «Es macht einen absolut krank», sagte sie der in einem Telefoninterview. «In unserem Viertel sind die ersten Bomben bereits um 6.30 Uhr eingeschlagen. In nur 30 Sekunden habe ich den Knall von 14 weiteren Granaten in der Umgebung gehört.»

Gegenüber dem britischen Fernsehsender berichtete sie kurz vor dem tödlichen Einschlag einer Bombe im Medienzentrum in Homs aus einem Feldlazarett. «Die nennen das hier Klinik, aber es ist in Wahrheit ein Apartment. Die Blutplasmabeutel hängen an Kleiderbügeln», sagte sie. Zudem erzählte sie vom Tod eines Zweijährigen. «Er hatte ein Schrapnell in der Brust. Der Arzt sagte, er könne nichts mehr machen. Der kleine Bauch hob und senkte sich hektisch, dann bekam er keine Luft mehr.»

Kurze Zeit später beschrieb Colvin das Erlebte auch gegenüber CNN. «Der Tod des Kindes war einfach herzzerreissend, vielleicht auch, weil der Kleine ganz ruhig geblieben ist. Seine Grossmutter war auch im Lazarett und begann zu schreien, als sie ihren Enkel sah. ‹Das ist mein Enkel, wo habt ihr ihn gefunden?› Doch die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun.»

Menschen zum Nachdenken bewegen

Der Zweijährige ist nur einer unter vielen Kindern, die in Syrien jeden Tag sterben. Colvin, die über 25 Jahre bei der britischen «Sunday Times» beschäftigt war, fand es überaus wichtig, über solche Schicksale zu berichten. «Hier in Syrien leben 28'000 Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder, die wehrlos versuchen, nicht getroffen zu werden. Die Geschichte über den kleinen Jungen würde vielleicht mehr Menschen darüber nachdenken lassen, was hier jeden Tag passiert», sagte sie gegenüber CNN.

Kurz nachdem sie das Gespräch mit Anderson Cooper von CNN beendet hatte, starb die engagierte Journalistin – durch eine Bombe, die frühmorgens im Haus in der Widerstandshochburg Homs einschlug. Die Reporter und die Aufständischen wurden offenbar durch einen Knall geweckt. Sie versuchten, sich zu retten, schafften es aber nicht, aus dem Haus zu kommen, bevor die nächste Rakete einschlug. Die Kriegsjournalistin Marie Colvin und der junge französische Kriegsfotograf Rémi Ochlik starben noch vor Ort.

Journalistenverfolgung in Syrien

Sie sind nicht die ersten Journalisten, die im Syrien-Konflikt sterben. Mitte Januar wurde der Franzose Gilles Jacquier als erster ausländischer Journalist im umkämpften Land getötet. Er berichtete als Kriegsreporter für France 2. Aber nicht nur professionelle Journalisten mussten bisher ihr Leben lassen. Auch etliche Bürgerjournalisten starben, die auf eigene Faust mit ihrer Videokamera loszogen, um das Massaker zu dokumentieren. Unter ihnen der 24-jährige Mazhar Tayyara, der westlichen Medien über das aktuelle Geschehen in seinem Land erzählte. Er starb, als er einem Verwundeten helfen wollte.

Gerüchten zufolge war es kein Zufall, dass genau das Haus im Stadtteil Baba Amr, in dem sich Colvin und Rémi aufhielten, bombardiert wurde. Wie der «Daily Telegraph» unter Berufung auf den libanesischen Geheimdienst berichtete, seien die Einheiten des Assad-Regimes explizit angewiesen worden, auf das Pressezentrum in Homs zu schiessen.

Nur gute Worte

Mit Colvin ist eine der prominentesten und engagiertesten Kriegsreporterinnen der Welt gestorben. Seit mehr als 30 Jahren hat die Amerikanerin aus zahlreichen Konfliktzonen im Nahen Osten und Asien berichtet. Ihr Markenzeichen war eine schwarze Augenklappe am linken Auge. Dieses verlor sie 2001 durch eine Schrapnell-Verletzung in Sri Lanka.

Kollegen sind entsetzt über den Tod Colvins und finden nur gute Worte. «Sie glaubte fest daran, dass Berichterstattung die exzessiven Gewaltorgien brutaler Regime eindämmen kann und dass sie die Internationale Gemeinschaft dazu bringen kann, aufmerksam zu werden», sagte der Chefredaktor der «Sunday Times», John Witherow, gegenüber der BBC.

baz.ch/Newsnet

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