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Historiker warnt vor «übertriebenen Erwartungen»

Den Aufständen in Nordafrika wird dieselbe Bedeutung beigemessen wie den europäischen Revolutionen im 19. Jahrhundert. Der Historiker Martin Lengwiler verweist auf einige Unterschiede.

Vereint durch den Wunsch nach Demokratie: Ägypter und Libyer demonstrieren vor der libyschen Botschaft in Kairo.
Vereint durch den Wunsch nach Demokratie: Ägypter und Libyer demonstrieren vor der libyschen Botschaft in Kairo.
Reuters

Wie schätzen Sie den oft erwähnten Vergleich zwischen der Arabischen Revolution und dem Revolutionsjahr 1848 in Europa ein? Auf den ersten Blick gibt es einige Parallelen: der Aufstand gegen autoritäre Herrschaftssysteme, die Forderungen nach demokratischen Verfassungen, die grenzüberschreitende Dynamik der Ereignisse. Gleichwohl muss man die Unterschiede im Auge behalten. Die Revolution von 1848 ging von säkularen, liberalen Bewegungen aus; die Kirche war vielen Revolutionären ein Feindbild. Dagegen sind heute viele autoritäre Regimes der arabischen Staaten säkular ausgerichtet; religiöse Bewegungen bilden umgekehrt einen wichtigen Teil der Opposition. Auch hatten viele europäische Staaten schon um 1800 unter Napoleonischer Herrschaft einen revolutionären Bruch mit den ständisch-autokratischen Traditionen erlebt und konnten sich 1848 gleichsam auf die eigene progressive Vergangenheit berufen. Ein ähnlich positiv bewertetes und mit der eigenen Geschichte verknüpftes Modell scheint mir im arabischen Raum zu fehlen.

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