Hausgemachte Hungersnot in Afrika

Millionen Menschen sind bedroht. Die UNO bittet um Hilfe, aber Spenden fliessen spärlich. Einer der Gründe für die Not ist der Vormarsch des Islams. Doch dazu schweigt der Westen.

In Südsudan folgt Desaster auf Desaster. Eine Frau sorgt sich in einer ­Einrichtung der Unicef um ihren dehydrierten Sohn.

In Südsudan folgt Desaster auf Desaster. Eine Frau sorgt sich in einer ­Einrichtung der Unicef um ihren dehydrierten Sohn.

(Bild: Keystone)

Erstmals seit sechs Jahren bedroht wieder eine Hungersnot Teile Afrikas und Jemen. Die Krise ist akut. 20 Millionen Menschen in Südsudan, in Somalia, in Jemen und in Nigeria sind mit einer «verheerenden Ernährungsunsicherheit» konfrontiert, sagen UNO-Experten. 1,4 Millionen Kindern droht wegen Mangelernährung zudem der Hungertod. UNO-Generalsekretär António Guterres schlägt Alarm: In Südsudan sei Hunger bereits Realität, andere Regionen und Länder würden davon in einem halben Jahr betroffen sein. Um eine Katastrophe abzuwenden, seien bis Ende März mindestens 4,4 Milliarden Dollar nötig.

Experten bezeichnen die sich an­bahnende Hungersnot als beispiellos in den vergangenen Jahrzehnten. Doch so prekär die sich anbahnende Tragödie auch ist – sie wird von der Welt kaum zur Kenntnis genommen. Die Spenden für die vom Hunger bedrohten Menschen fliessen bloss spärlich. Experten bezweifeln, ob die von der UNO anvisierte Summe in nützlicher Frist aufgebracht werden kann. Bisher, sagte Guterres kürzlich, seien lediglich 90 Millionen Dollar gespendet worden – «rund zwei Cent für jeden Dollar, den wir benötigen.» Das sei «sehr besorgniserregend».

Kriege, Konflikte, Kollaps

Ob Hilfsgelder die Katastrophe abwenden können, ist freilich eine andere Frage. Der grösste Teil der Not ist nicht das Resultat von Naturgewalten, sondern die Folge politischen ­Versagens. Nur in einem Land sind Nahrungsmittelknappheit und Hunger das Resultat von Dürre: in Somalia.

Dort sind die letzten zwei Regen­zeiten praktisch ausgefallen. Und die Regenzeit, die im April einsetze, werde nur eine «minimale Verbesserung» bringen, befürchten Experten. Doch auch in Somalia ist nicht nur die Natur für das Desaster verantwortlich, sondern vor allem auch die Politik. Teile des Landes sind wegen Angriffen der islamistischen Terrormiliz Al-Shabaab für Konvois und Helfer kaum zugänglich.

Die Hungerkrise sei in ganz Afrika das Resultat von Kriegen, Konflikten und dem Kollaps staatlicher Strukturen, sagt Chris Hillbruner vom amerikanischen Famine Early Warning Systems Network. Während Dürreperioden nach einem oder zwei Jahren ausgestanden sind, seien Konflikte hartnäckig, sie dauerten oft mehrere Jahre.

Versäumnisse der Politiker

Für die sich abzeichnende Hungerkatastrophe ist weniger die Natur ­verantwortlich, sondern vor allem ­Afrikas Politiker. So hat die nigerianische Regierung während Jahren dem Terror der Milizen keine Beachtung geschenkt. Sie liess Boko Haram ge­­währen und versäumte es, die Milizen zu bekämpfen. Im Nordosten des Landes, der von Boko Haram kontrolliert wird, ist die Versorgungslage deshalb besonders prekär.

Als dramatisch wird auch die Ernährungslage in Südsudan geschildert. 100'000 Menschen seien am Verhungern, sagt die UNO-Mission in Südsudan. In gewissen Landesteilen leide ein Drittel der Bevölkerung an mangelnder Ernährung. Hunger sei in einigen Regionen von Südsudan «tragische Realität», fasst die UNO-Hilfsmission die Lage zusammen. Betroffen seien vor allem auch Farmer, deren Land durch den Krieg verwüstet worden sei, sagt Serge Tissot, Experte der UNO-Ernährungsorganisation.

Nach einem zwanzigjährigen Krieg gegen Sudan war Südsudan vor sechs Jahren unabhängig geworden. Die junge Republik fusste auf einer zerstörten Infrastruktur. Kaum war das Land unabhängig, begann in Südsudan das nächste Desaster: ein Bürgerkrieg. Die korrupte Regierung wirtschaftete zudem in die eigene Tasche, statt für Einheit zu sorgen und den Aufbau des Landes voranzutreiben. 42 Prozent der Bevölkerung drohe jetzt Hunger oder gar der Hungertod, heisst es in einem Expertenbericht. In Jemen, wo seit ­Jahren ein heftiger Bürgerkrieg tobt, bedroht die ­Hungersnot ebenfalls grosse Teile der Bevölkerung. Mehrere Hunderttausend Kinder seien mit dem Hungertod konfrontiert, warnen Hilfsorganisationen. Und es gebe Anzeichen dafür, dass die Hungersnot regional um sich greifen werde.

Frauen als Gebärmaschinen

Krisen, Kriege und Korruption sind nicht die einzigen Ursachen einer Hungersnot. Der Hunger sei auch auf die Bevölkerungsexplosion in den armen Ländern zurückzuführen, meint der Journalist Wolfgang Drechsler, der seit Jahren die Entwicklung in Afrika vor Ort mit grösster Sorge verfolgt.

Der Vormarsch des Islam beunruhigt ihn. Ein von vielen Koranschulen gepredigter islamischer Bildungskodex reduziere Frauen auf die Rolle von Gebärmaschinen, «wozu Hilfsorgani­sationen aber schweigen». Statt Gegensteuer zu geben, würde der Westen schweigen. Familienplanung sei «zum Tabu der Entwicklungspolitik» geworden, so Drechsler.

Dabei wäre spätestens jetzt ein ­klares Wort der Länder angebracht, die Afrika vor dem Hungertod retten ­wollen. Laut UNO-Experten wird sich die Bevölkerung Afrikas bis zum Ende des Jahrhunderts vervierfachen. Sollte diese Prognose eintreffen, wird im Jahr 2100 ein Drittel der Menschheit in Afrika leben.

Basler Zeitung

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