Gestellte Bilder und bizarre Lügen

Hintergrund

In einem Krieg gilt es nicht nur Schlachten zu gewinnen, sondern auch Herzen. Es ist darum wenig erstaunlich, dass Saif al-Islam Ghadhafi erst als verhaftet galt, dann aber plötzlich siegessicher in die Kameras winkte.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Die Nachricht, die libysche Rebellen Anfang dieser Woche verbreiteten, versetzte die Welt in Aufregung. Saif al-Islam Ghadhafi sei verhaftet worden, liessen die Kämpfer aus Tripolis verlauten. Sie taten es mit einer solchen Überzeugungskraft, dass nicht nur unter den Rebellen eine intensive Diskussion entbrannte, was mit Ghadhafi junior zu geschehen sei. Auch der Internationale Strafgerichtshof (ICC) glaubte ihnen. Der ICC forderte umgehend, dass der wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesuchte Saif al-Islam nach Den Haag ausgeliefert würde.

Die Meldung war falsch. Nur einen Tag später tauchte der Ghadhafi-Sohn in einem Hotel in Tripolis auf, in dem sich ausländische Journalisten aufhalten, und er liess sich feiern. Die Rebellen hatten nicht die Wahrheit gesagt. Das ist wenig überraschend: In einem Krieg gibt es nicht nur Schlachten zu gewinnen, sondern auch Herzen. Mit Worten, Bildern, gehissten Flaggen, die allzu oft falsch, gestellt, inszeniert sind.

«Es wird gelogen, getäuscht und vertuscht»

«Wieder gilt der Satz: Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst», sagt Peter Forster, Chefredaktor der Militärzeitschrift «Schweizer Soldat», einst Kriegsberichterstatter und Verfasser von Büchern über die Medienberichterstattung im Nahen Osten. «Es wird gelogen, getäuscht, vertuscht und vor allem abgeschottet», erklärt er im Gespräch mit baz.ch/Newsnet.

Die Bedeutung der Fotos, die einen selbstbewussten und siegesgewissen Ghadhafi-Sohn zeigen, stuft Forster als gross ein. Er macht einen Vergleich zum Auftritt von Adolf Hitler am 20. Juli 1944, als Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Führer mit einer Sprengladung töten wollte. «Hier bin ich, ich lebe», sei die Botschaft von Hitler gewesen. Dies habe den Widerstand aus den eigenen Reihen zerstört.

Eine Botschaft der Unbesiegbarkeit

Auch der Ghadhafi-Sohn überbrachte mit seinem überraschenden Auftritt vor den internationalen Medien eine klare Botschaft. «Ich lebe, ich führe, ich bin unverwüstlich, bin unbesiegbar», sagt dazu Forster. Die Botschaft von Saif al-Islam habe sich an die eigenen Anhänger gerichtet, um die Reihen zusammenzuhalten, aber auch an die Aufständischen, um sie abzuschrecken und zu demoralisieren. Schliesslich sollte die öffentliche Meinung beeinflusst werden, in Europa, insbesondere Frankreich und Grossbritannien, die auf der Seite der Rebellen sind, in den USA sowie in der gespaltenen arabischen Welt.

Aber auch die libyschen Rebellen wissen mit Geschick, die Wahrheit zu verbiegen. Und dies erstaunt wenig. Sie seien aufgewachsen in einer «Republik der Lügen», schreibt David D. Kirkpatrick, Reporter der «New York Times» (NYT). Kirkpatrick betont, dass die Führer der Rebellen, die bis im letzten Frühling dem Ghadhafi-Regime angehörten, «ähnlich sprechen wie Ghadhafi, weil er der einzige Leader ist, den sie je kannten». Aus langjähriger Erfahrung mit der Ghadhafi-Herrschaft haben die Chefs der Aufständischen offensichtlich gelernt, ihre eigenen Wahrheiten zu inszenieren.

«Wenn Ghadhafi lebt und wohlauf ist, müsste er sich zeigen»

Zum Krieg gehören auch bizarre Lügen. «Tripolis ist unter unserer Kontrolle», behauptete Saif al-Islam Ghadhafi bei seinem Überraschungsauftritt. Eine Aussage, die trotz lückenhafter Informationen aus dem Kriegsgebiet, weit weg von der Realität ist.

Im libyschen Bürgerkrieg könnten TV-Auftritte von Muammar Ghadhafi eine noch grössere Wirkung entfalten als jene seines Sohnes Saif al-Islam. «Wenn er lebt und wohlauf ist, müsste er sich zeigen», meint Peter Forster. Vielleicht habe Ghadhafi taktische Gründe, sich nicht zu zeigen. «So lässt er seine Gegner im Ungewissen, so gibt er ihnen keine taktisch verwendbaren Informationen und Anhaltspunkte.» Ein anderer Grund, dass es keine aktuellen Auftritte von Ghadhafi im Fernsehen gibt, könnte sein, dass er die Kontrolle über die libyschen Medien verloren hat.

Inzwischen hat sich Ghadhafi mit mehreren Audiobotschaften über einen syrischen Radiosender an die Öffentlichkeit gewandt. «Ich gehe unerkannt spazieren, ohne dass die Menschen mich sehen», sagte Ghadhafi, der mit solchen Aussagen wohl Furchtlosigkeit und Souveränität markieren möchte. Bei seinem Rundgang habe er junge Menschen gesehen, die bereit seien, die Stadt zu verteidigen. Ausserdem rief der arg bedrängte Despot die Bevölkerung zum Kampf auf. «Offenbar musste Ghadhafi jetzt seinen Anhängern doch zeigen: Ich lebe noch», erklärt Peter Forster.

Die symbolträchtigen Bilder mit den Siegerflaggen

Aus propagandistischer Sicht haben im libyschen Krieg beide Seiten starke Bilder geliefert, die laut Forster in hohem Masse einen Einfluss auf den Konfliktverlauf haben können. In den letzten Tagen waren vor allem Bilder zu sehen, die die Rebellen auf dem Vormarsch und bei der Eroberung von neuen Gebieten zeigen. Immer wieder ist auf den Bildern die eigene Fahne, also die schwarz-grün-rote Rebellenflagge, zu sehen. Forster erinnert an das weltberühmte Foto vom Mai 1945, als die Rote Armee auf dem Berliner Reichstag die Sowjetfahne hisste. Oder auch an die Bilder der nordvietnamesischen Vietcong-Fahne in Saigon, die im April 1975 die Flucht der Amerikaner und das Ende des Vietnamkriegs versinnbildlichte.

Symbolkraft haben im laufenden Libyen-Konflikt insbesondere die Aufnahmen auf dem Grünen Platz im Herzen von Tripolis sowie die Bilder aus dem Militär- und Wohnkomplex Bab al-Aziziya, wo Ghadhafi und seine Familie wohnten. Die Rebellen haben inzwischen Journalisten erlaubt, in Ghadhafis Residenz zu gehen und Aufnahmen zu machen.

In jedem Krieg ist Desinformation ein mächtiges Instrument. Damit lassen sich Feinde irreführen, militärische Taktiken verbergen, Ängste beim Gegner schüren und die Gunst der öffentlichen Meinung gewinnen. Selbst die normalen Wirren des Krieges, die Konfusion in der Kommunikation und das Chaos auf den Schlachtfeldern verhindern Informationen, die den Tatsachen entsprechen. Gerade in Libyen, so die Meinung von NYT-Reporter David D. Kirkpatrick, spielen diese Faktoren eine aussergewöhnlich grosse Rolle.

baz.ch/Newsnet

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