Gegen den IS braucht es «dringend eine arabische Strategie»

Die Armee kann der Lage in Libyen nicht Herr werden. Nicht ohne Mithilfe der arabischen Liga. Diese will nun den IS aus Libyen vertreiben.

Sie braucht Hilfe: Die libysche Armee kommt ohne Unterstützung der Arabischen Liga nicht aus.

Sie braucht Hilfe: Die libysche Armee kommt ohne Unterstützung der Arabischen Liga nicht aus.

(Bild: Keystone Mohammed Ben Khalifa)

Paul-Anton Krüger@pkr77

Libyens Aussenminister Mohammed el-Dayri war mit einem Hilferuf nach Kairo geeilt. Mit Luftangriffen solle die Arabische Liga gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu Felde ziehen, forderte der Vertreter der international anerkannten Regierung, die in Bayda im Osten des Landes sitzt. Wegen des UN-Waffenembargos, das wegen des Aufstandes gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi verhängt worden sei, könne die Armee der Lage nicht Herr werden – sie verfüge nur über zwei Kampfflugzeuge. Die Jihadisten hatten jüngst in Sirte, der Heimat Gaddafis, Dutzende Angehörige eines Stammes bestialisch massakriert, der sich weigert, sich den Regeln des Kalifats zu unterwerfen. Leichen wurde zur Abschreckung an Laternen aufgeknüpft. Zuvor waren bei schweren Gefechten um Sirte vermutlich Hunderte Menschen getötet worden.

Öffentlich teilte die Liga mit, es bedürfe «dringend einer arabischen Strategie», um den IS in Libyen zu bekämpfen. Details wurden nicht mitgeteilt – nur dass keine Luftangriffe beschlossen wurden, wurde bekannt. Zudem unterstützt die Liga nach den Worten ihres Generalsekretärs Nabil al-Arabi die Forderung der Regierung, das UN-Waffenembargo aufzuheben. Im UN-Sicherheitsrat dürfte das allerdings auf wenig Gegenliebe stossen, solange die vom UN-Sondergesandten Bernardino Léon vermittelten Friedensgespräch zwischen den rivalisierenden libyschen Fraktionen in Genf keine Einigung auf eine Regierung der nationalen Einheit zeitigen.

IS nutzt das Machtvakuum

Das Land ist gespalten zwischen rivalisierenden Regierungen. Das international anerkannte Kabinett von Premier Abdullah al-Thinni in Bayda mit dem Parlament im 60 Kilometer entfernten Tobruk kontrolliert mehr schlecht als recht den Osten Libyens. Die von Islamisten dominierte Gegenregierung des Milizen-Bündnisses «Morgenröte» herrscht in der Hauptstadt Tripolis und an der Mittelmeerküste von Tunesien bis 140 Kilometer östlich von Sirte.

Seit 2013 machen sich dazwischen Ableger des IS breit. Sie nutzen das Machtvakuum – trotz zweier Regierungen gibt es keine zentrale Staatsgewalt, sonder nur lokale Milizen, die jeweils versuchen, ihre Stadt und die Versorgungswege zu kontrollieren. Dazwischen ist leere Wüste und Anarchie – ein ideales Rückzugs- und Trainingsgebiet für militante Islamisten, so wie es Afghanistan oder Somalia sind.

Augenfällig wurde die IS-Präsenz in Libyen erstmals im November 2014, als drei junge Medienaktivisten enthauptet in Derna aufgefunden wurden. Diese Tötungsmethode ist zum makaberen Markenzeichen der Terrormiliz Islamischer Staat geworden – in Libyen hatte man sie zuvor bei aller Gewalt und Grausamkeit nicht gesehen.

Jihadisten drohten, Rom zu erobern

Bald wagten die Jihadisten weitere Attacken. Im Januar griffen sie das Corinthia-Hotel in Tripolis an, wo der Premier der Gegenregierung residierte, Omar al-Hassi. Es war wohl ein früher Versuch, die Macht in Tripolitanien zu erobern. Ein Sprecher des Aussenministeriums der Gegenregierung leugnetet noch im Mai im Gespräch mit dem Tages-Anzeiger IS-Aktivitäten in «Morgenröte»-Gebieten. Da hatte es schon Autobombenanschläge auf die Botschaften Irans und Algeriens gegeben, und Bewohner von Tripolis berichteten, dass ein Brunnen mit einer Bronzefigur einer nackten Frau aus der italienischen Kolonialzeit zerstört worden sei, dass Maskierte eine Sufi-Moschee verwüsteten – deutliche Hinweise auf die Bilderstürmer des IS.

Lange war unklar, wie eng die libyschen IS-Ableger mit der Zentrale des Kalifats in Irak und Syrien in Verbindung stehen. Die grausame Antwort gaben Hinrichtungsvideos Mitte Februar und Mitte April: Im ersten wurden 21 koptischen Christen an einem Strand enthauptet, die zuvor in Sirte entführt worden waren, einer der IS-Hochburgen. Die Opfer trugen orange Overalls – exakt die gleichen Merkmale wie bei Horrorvideos aus Irak und Syrien. Bei der Gelegenheit drohten die Jihadisten Rom zu erobern – was in Italien durchaus als Warnung aufgefasst wurde.

Im zweiten Film wurden 30 äthiopische Christen niedergemetzelt, einige von ihnen durch Kopfschüsse in einer Wüste, die anderen wieder durch Enthauptungen an einem Strand. Gegengeschnitten waren die Aufnahmen in dem halbstündigen Film mit Bildern aus Raqqa, Hauptstadt des IS in Syrien. Dort erläuterte ein Bärtiger den Umgang des IS mit Christen; christliche Bewohner der Gegend mussten erklären, dass sie unbehelligt unter dem IS leben könnten, solange sie die Kopfsteuer Dschizya zahlten.

Massaker von Sirte nach irakischem Vorbild

Westliche Geheimdienste hatten in Libyen nach dem ägyptischen Sinai die grösste Gefahr eines Strukturtransfers der Jihadisten gesehen – nicht nur lose Verbindungen oder Treueschwüre, sondern enge Koordination und Übernahme von Kampftaktiken. Der Terror-Experte Guido- Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sagt: «Bis Anfang 2013 waren Libyer stark vertreten beim IS in Syrien, dann waren sie plötzlich verschwunden». Er vermutet eine bewusste Entscheidung des IS, die Libyer nach Hause zu schicken, um dort eine neue Basis aufzubauen – entsprechend ernst müsse man die inzwischen drei Provinzen des IS dort nehmen.

Auch das Massaker von Sirte hat Vorbilder in Irak: Dort ermordete der IS Hunderte Angehöriger sunnitischer Stämme, die sich nicht dem Kalifat unterwerfen wollten. Ähnlich wie in Syrien kämpfte der IS in Libyen derzeit auch gezielt gegen andere Dschihadis mit Verbindungen zu al-Qaida, es zirkulieren Todeslisten im Internet.

Inzwischen sehen allerdings etliche libysche Gruppen den IS als Bedrohung: Die mächtige Misrata-Miliz rückte im März mit anderen «Morgenröte»-Kämpfern gegen den IS in Sirte vor. Nun wehren sich Stämme in Derna, und auch in Bengasi, seiner dritten Hochburg, wird der IS attackiert. Noch kontrolliert der IS anders als in Irak und Syrien in Libyen keine nennenswerten Territorien. Doch wenn sich die zerstrittenen Fraktionen nicht bald gegen die Bedrohung durch den IS verbünden, könnte sich das bald ändern.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt