Gefährlicher Showdown

Der syrische Bürgerkrieg mutiert zum globalen Konflikt.

Die Verurteiler. Emmanuel Macron (l.) und Donald Trump erwägen einen Angriff auf «chemische Einrichtungen unter Kontrolle des syrischen Regimes».

Die Verurteiler. Emmanuel Macron (l.) und Donald Trump erwägen einen Angriff auf «chemische Einrichtungen unter Kontrolle des syrischen Regimes».

(Bild: Keystone)

Martin Suter@sonntagszeitung

Als Vergeltung für den mutmasslichen Giftgaseinsatz in Duma droht US-Präsident Donald Trump Syrien und Russland mit einem Militäranschlag. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann Trump den Befehl zum Angriff auf Syrien geben wird. Das könnte in den nächsten Tagen der Fall sein. Beobachter rechnen mit einer massiven Aktion Amerikas. Bereits ist eine Einsatzträgergruppe um den Flugzeugträger Harry S. Truman in Richtung Mittelmeer unterwegs. Bis die Schiffe vor Syriens Küste in Stellung gehen können, werden indes noch einige Tage vergehen. Inzwischen können US-Strategen eine Liste möglicher Ziele in Syrien vorbereiten. Dabei werden sie von israelischen Kollegen unterstützt, heisst es in Tel Aviv.

Den Raketenangriff auf Syrien hat Trump gestern in aller Deutlichkeit in einem Tweet angekündigt: «Bereite dich vor, Russland, denn die Raketen werden kommen, hübsch und neu und ‹smart›!» In Anspielung auf Syriens Despoten Assad twitterte Trump: Man solle sich nicht mit einem «Tier verbrüdern, das sein Volk mit Gas tötet und das geniesst».

Vorbereitungen laufen

Die USA und andere westliche Staaten machen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad für Giftgasangriffe in der Stadt Duma verantwortlich, bei denen nach Angaben von Hilfsorganisationen am Samstag mehrere Dutzend Menschen getötet wurden. Syrien und Russland bestreiten, dass es einen Giftgasangriff gegeben hat.

Weil Trump seine Strafaktion zuerst androht und dann handelt, gibt er der Gegenseite Gelegenheit, sich auf den Militärschlag vorzubereiten. So zog Russland gestern alle Kriegsschiffe vom syrischen Mittelmeerhafen Tartus ab. Auch Syrien sorgt vor und hat seine Luftwaffe auf russischen Militärbasen in Sicherheit gebracht, in der Annahme, dass es Trump nicht wagen würde, in Syrien russische Installationen anzugreifen.

Im Moskau wartet man inzwischen mit gemischten Gefühlen auf den von Trump angekündigten Militärschlag gegen Syrien, wo Russland mehrere Stützpunkte hat. Während Propaganda-Medien und Hurra-Patrioten schon in Kriegs- und Siegesfantasien schwelgen, hoffen Experten auf einen glimpflichen Ausgang. Manche warnen gar vor der Überlegenheit des Gegners.

Nervosität macht sich ebenfalls an der israelischen Nordgrenze breit, wo derzeit eine erhöhte Alarmstufe gilt. Israel werde «um jeden Preis» verhindern, dass ‹‹sich Iran mit Militärbasen in Syrien festsetze», sagte Verteidigungsminister Avigdor Liberman. Teheran solle wissen, sagte zudem ein israelischer Offizier, dass ein Angriff auf Israel das Ende der iranischen Militärpräsenz in Syrien wäre.

Das sind keine leeren Worte. Diese Woche hatte Israels Luftwaffe in der Nähe der syrischen Stadt Palmyra einen iranischen Stützpunkt angegriffen. Jerusalem hat diese Militäroperation zwar nicht bestätigt, wohl aber haben Washington und Moskau dies getan. Teheran hat zudem Bilder publiziert, die das Ausmass der Zerstörung zeigen und veröffentlichte die Namen der getöteten iranischen Militärs – und droht Israel mit Vergeltung.

Um die Stimmung in der Region nicht weiter anzuheizen, hat Israels Premier Benjamin Netanyahu seinen Ministern verboten, sich in irgendeiner Weise zum absehbaren Schlagabtausch zu äussern. Zuvor hatten zwei Minister ziemlich unverhohlen Drohungen gegen Assad ausgesprochen. Er hoffe, dass Assad beim erwarteten Angriff umkommen werden, wurde zum Beispiel ein Kabinetsmitglied zitiert, und ein anderer Minister sprach sich für eine gezielte Tötung Assads aus. Ein namentlich nicht genannter Vertreter im Verteidigungsministerium meinte sogar, von Assads Regime würde keine Spur übrig bleiben, sollte es in Syrien zu einem israelisch-iranischen Krieg kommen.

Die rote Linie

Der Kreml gibt sich demgegenüber zurückhaltend. «Man möchte hoffen, dass alle Seiten Schritte vermeiden», sagte der Präsidentensprecher Dmitri Beskow gestern. Alexander Sasypkin, der russische Botschafter im Libanon, wird dagegen vom TV-Sender Al Manar mit dem drohenden Worten zitiert, Russland werde das umsetzen, was sein Präsident zu jeder Aggression der USA gegen Syrien erklärt hat: «Indem es amerikanische Raketen abschiesst und die Quellen des Feuers attackiert.»

Zuvor hatte der Generalstabschef Waleri Gerasimow angekündigt, falls russische Soldaten in Syrien in Bedrohung gerieten, werde man nicht nur auf die feindlichen Raketen, sondern auch auf ihre Träger, also US-Kriegsschiffe oder Flugzeuge in der Nähe von Syrien, feuern.

Die meisten russischen Fachleute sind sich aber einig, dass die Grenzen der Orte, an denen russische Militärs stationiert sind, jene rote Linie darstellen, deren Überschreiten durch die Amerikaner und ihre Verbündeten einen russischen Gegenschlag auslösen würden. «Wir haben keinen Vertrag unterschrieben, dass wir Syrien gegen die USA verteidigen», sagt der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin zur BaZ. Er schliesst andererseits aus, dass die Amerikaner russische Positionen angreifen werden. «Sie wollen auch keinen Dritten Weltkrieg.»

Die Mehrzahl seiner russischen Kollegen rechnet damit, dass der Westen Raketen- oder Luftschläge gegen syrische Flugplätze führen wird, von denen Assads Truppen chemische Angriffe gestartet haben könnten. Litowkin glaubt nicht, dass die Amerikaner Baschar Assads Präsidentenpalast attackieren. «Auch dort sitzen russische Berater.» Es sei übrigens möglich, dass US-Militärs ihre russischen Kollegen vorwarnten, wie bei dem Tomahawk-Salvenangriff auf die syrische Luftwaffenbasis Al-Schairat im vergangenen April. Im Ergebnis seien dort nur alte und defekte Maschinen zerstört worden.

Öffentlichkeit und Armee in Russland harren der amerikanischen Flotteneinheiten, die sich Syrien nähern, mit betont breiter Brust. Die Zeitung Kommersant zitiert eine Quelle im Verteidigungsministerium, die US-Kriegsschiffe würden bereits erwartet, unter anderem von Atom-U-Booten. Und die Komsomolskaja Prawda schwenkt ein ganzes Arsenal «hoch effektiver, treffgenauer» oder «berühmter» Raketen sowie das «weltbeste» Flugabwehrsystem.

Die Zeitung Nesawissimoje Wojennoje Obosrenije aber verweist auf die heftigen taktischen Debatten von Sofastrategien im Internet und zitiert einen Blogger, der ausrechnet, dass die Nato in Syrien 15 bis 20 russische Flugzeuge vernichten müsse und dabei nicht mehr als ein bis zwei Schlachtschiffe und 15 bis 20 Flugzeuge verlieren dürfe, um sich als Sieger des bevorstehenden Syrienkriegs fühlen zu dürfen. Angesichts solcherlei Schiffchen-Versenkens verweist das Fachblatt darauf, dass die USA gar keinen offenen Krieg benötigen, um Russland enormen Schaden zuzufügen – Wirtschaftssanktionen reichten dafür völlig aus.

Auch Admiral Wladimir Komojedow, Exkommandeur der Schwarzmeerflotte, predigt gegenüber RIA Nowosti nur sehr bedingt Attacke. Man müsse Raketen, die auf die Syrer fliegen, abschiessen. Aber was ihre Träger angehe, Schiffe und Raketen, das sei eine schwierige Frage. Denn das bedeute Krieg. Und man dürfe den Gegner nicht unterschätzen. «Krieg zu Meer bedarf sehr ernsthafter Marinekräfte. Wir besitzen solche Kräfte in der Region nicht. Die Amerikaner dominieren dort in der Luft und zu Wasser, hinter ihnen steht die Nato.»

Wie ernst die Lage ist, macht eine Warnung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) und der Flugsicherung Eurocontrol deutlich. Die Fluggesellschaften sollten wegen der Gefahr von Luftangriffen in Syrien besondere Vorsicht im östlichen Mittelmeer walten lassen. Innerhalb der nächsten drei Tage könnten Luft-Boden-Raketen und Marschflugkörper eingesetzt werden. Auch könne es zu Störungen von Navigationsgeräten kommen.

Trump hatte vor einem Jahr bereits als Vergeltung für einen Giftgaseinsatz in der nordsyrischen Stadt Chan Scheichun einen Raketenangriff auf eine syrische Luftwaffenbasis angeordnet. Nach Angaben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron könnten beide Länder nun wieder «chemische Einrichtungen unter Kontrolle des Regimes angreifen».

Russisches Ablenkungsmanöver

Die syrische und russische Regierungen bestreiten nach wie vor, Giftgas eingesetzt zu haben. Um den Verdacht von sich abzulenken, hatten sie am Dienstag internationale Experten gebeten, den mutmasslichen Chemiewaffenangriff zu untersuchen. Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) kündigte daraufhin an, bald ein Expertenteam nach Duma zu schicken. Gestern forderte auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) «sofortigen und ungehinderten Zugang» zum Gebiet, um die Opfer behandeln zu können. Bei etwa 500 Spitalpatienten seien Symptome festgestellt worden, die aufträten, wenn man giftigen Chemikalien ausgesetzt sei.

Während die Zeichen auf Krieg stehen, misslang dem UNO-Sicherheitsrat am Dienstagabend der Versuch, eine Resolution zu dem vermuteten Giftgaseinsatz zu verabschieden. Russland legte sein Veto gegen einen von den USA vorgelegten Resolutionsentwurf ein, in dem es um eine Untersuchung der Vorwürfe ging. Zwei Vorlagen Russlands wurden ebenfalls abgelehnt.

Basler Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt