«Für das Regime sind Ärzte Terroristen»

Tawfik Chamaa ist der bekannteste Kritiker des syrischen Regimes in der Schweiz. Er erzählt, was er aus Syrien erfährt und sieht Parallelen zum Massaker, das Assads Vater vor dreissig Jahren in Hama verüben liess.

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Monica Fahmy@fahmy07

Welche Nachrichten erhalten Sie aus Syrien?
Täglich hört man von Hunderten Toten allein in Homs. Gestern war es vergleichsweise ruhig, es habe «nur» 20 Tote gegeben. Man darf aber nicht vergessen, dass unter den Toten sechs Kinder und vier Frauen waren.

Was hört man von den Spitälern in Homs und Hama?
Es ist eine humanitäre Katastrophe. In Homs zählt man mittlerweile mehr Tote als Verletzte. Man hört, das Regime soll Spitäler gezielt angreifen. Sie bombardieren ganze Quartiere, drohen, alles darin auszulöschen. Frauen, Kinder, es ist ihnen egal. Ärzte warnen davor, es könnte das Massaker des Jahrzehnts werden.

Sehen Sie Parallelen zum Massaker von Hama 1982, als Assads Vater Hafiz je nach Quelle 10'000 bis 40'000 Menschen töten liess?
Natürlich gibt es Parallelen. Hama wurde damals, wie nun Homs und Hama, von der Armee umzingelt und bombardiert. Assad und seine Leute denken, sie könnten es wieder tun, da Hafiz Assad damit durchgekommen ist. Nur schaut diesmal die Welt zu. Und es gibt Proteste in ganz Syrien, nicht nur in einer Stadt.

Vor welchem Hintergrund muss man die Kämpfe in Syrien sehen?
In den grossen Städten Homs und Hama haben Zehntausende gegen das Regime von Bashar Assad protestiert. Die Antwort seiner Armee war, Zivilisten zu beschiessen. Wer sich weigert, auf Demonstranten zu schiessen, wird selber zum Ziel. Armeeangehörige werden so gezwungen, zu desertieren. Sie haben sich zur Freien Armee Syriens zusammengeschlossen. Da Deserteuren die Todesstrafe droht, verstecken sich diese Männer in den Städten, verteidigen Quartiere und kämpfen gegen die Armee Assads. Die wiederum greift zur Kollektivstrafe, umzingelt die Quartiere und schiesst auf alles, was sich bewegt. Das russische und chinesische Veto im Uno-Sicherheitsrat hat der Armee die Legitimation gegeben, das eigene Volk abzuschlachten.

Eine unabhängige Berichterstattung vor Ort ist quasi unmöglich, weil Ausländer kaum ins Land gelassen werden. Wie überprüfen Sie die Nachrichten, die Sie aus Syrien erhalten?
Es ist tatsächlich sehr schwierig, an Informationen zu kommen. Telefon und Internet sind abgeschaltet, Quartiere umzingelt. Wie man dennoch Informationen erhält? Syrien ist ein kleines Land mit einer grossen, unbewohnten Fläche. Es gibt Satelliten-Telefone. Nahe der Grenze kann man übers Mobilnetz anderer Anbieter telefonieren, etwa in Daraa im Süden an der Grenze zu Jordanien, oder im Sektor von Homs bei der libanesischen Grenze, oder an der türkischen Grenze. Das Regime stellt das Heizöl ab. Wer mit Medikamenten im Auto erwischt wird, kann auf der Stelle exekutiert werden, weil er als Terrorist gilt. Ärzte, die Verletze versorgen, werden gefoltert und umgebracht.

Das Regime von Bashar Assad behauptet, bei diesen Meldungen handle es sich um Propaganda. Was sagen Sie dazu?
Man hat unzählige Male angeboten, die Berichte von unabhängigen Journalisten prüfen zu lassen. Doch sie lassen die internationalen Medien nicht ins Land. Und wenn sie es doch tun, dann tun sie alles, um den Medienschaffenden klar zu machen, wie gefährlich es in Syrien für sie ist. So wurde der französische Journalist Gilles Jacquier umgebracht. Für einen Journalisten, der bei ihm war, ist klar, dass es sich um eine Falle gehandelt hat. Eine Farce war die Beobachtermission der Arabischen Liga. An der Spitze der Mission stand tatsächlich ein Sudanese, der vom internationalen Gerichtshof verurteilt worden war und Assads Regime unterstützt. Nebst China, Russland und Iran, hält der Sudan zu Assad.

Wie werten Sie es, dass die Arabische Liga nun mit der UNO zusammenspannen will?
Das ist eine normale Evolution. Der Sudanese, der die Beobachtermission geleitet hat, musste zurücktreten. Die anderen Beobachter hatten Beweise erbracht, dass Assads Regime sein Volk massakriert. Die Liga kann nicht wegschauen, wenn sie nicht als machtlos angesehen werden will. Syrien hatte ja mit der Liga vereinbart, die Kämpfe einzustellen, was es nicht gemacht hat. Die Arabische Liga reagiert darauf, die Welt soll wissen, dass sie nicht hinter Assad steht.

Es mutet komisch an, wenn Bahrains König Hamad Bin Issa Al Chalifa sagt, Assad solle auf sein Volk hören, obwohl er den Aufstand im eigenen Land blutig niederschlagen liess.
Wir beobachten etwas in den arabischen Ländern, was niemand für möglich hielt. Es gibt tatsächlich einen arabischen Frühling, auch wenn einige behaupten, er sei fabriziert. Nun versuchen natürlich alle, an der Macht zu bleiben. Herrscher können nicht mehr die Augen vor einer katastrophalen Situation woanders verschliessen. Darum kommt es zur Doppelmoral. Es gehört zum Machtspiel. Auch in Bahrain wird es irgendwann zur Revolution kommen. Assad hatte ja die tunesische und ägyptische Revolution begrüsst, sagte dann, in Syrien sei es nicht dasselbe.

Sie sind Mitgründer der Union des Organisations Syriennes de Secours Médicaux, eine Vereinigung von 1500 Ärzten in den USA und Europa, die in Syrien helfen wollen. Wie?
Es gibt einen Schwarzmarkt im Land. Wir lassen den Leuten Geld zukommen, damit sie dort Medikamente kaufen können. Oder wir schmuggeln Medikamente ins Land, unter Lebensgefahr. An der türkischen Grenze ist vor ein paar Monaten ein junger Arzt gestorben, der Medikamente ins Land schmuggelte. Für das Regime sind Ärzte Terroristen.

baz.ch/Newsnet

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