Zum Hauptinhalt springen

«Es ist so viel schlimmer als beim letzten Krieg»

Die Ärzte in Gaza müssen sich um Verletzte und Verzweifelte kümmern, obwohl es ihnen an allem fehlt – an Medikamenten, an Betten und an Hoffnung.

Rund ein Drittel der Opfer sind Kinder: Ärzte behandeln ein verletztes Mädchen im Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. (18. Juli 2014)
Rund ein Drittel der Opfer sind Kinder: Ärzte behandeln ein verletztes Mädchen im Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. (18. Juli 2014)
Keystone
Arbeiten unter prekären Bedingungen: Ein verletzter Palästinenser wird auf dem Gang des Krankenhauses behandelt. (12. Juli 2014)
Arbeiten unter prekären Bedingungen: Ein verletzter Palästinenser wird auf dem Gang des Krankenhauses behandelt. (12. Juli 2014)
Reuters
Die Zahl der Opfer ist in der zweiten Woche der Militäroffensive auf 338 gestiegen – Familienangehörige trauern um einen Getöteten. (18. Juli 2014)
Die Zahl der Opfer ist in der zweiten Woche der Militäroffensive auf 338 gestiegen – Familienangehörige trauern um einen Getöteten. (18. Juli 2014)
Keystone
1 / 4

Nachts ist es am schlimmsten. «Dann kommen fortlaufend nur Notfälle.» Kamel Saksuk ist Arzt im Krankenhaus Nasser in Chan Junis im Gazastreifen – und das im Moment rund um die Uhr. Seit dem Beginn des israelischen Militäreinsatzes gegen den Gazastreifen wird seine Klinik überschwemmt mit Verletzten und Verzweifelten, einige verlieren den Kampf um ihr Leben vor seinen Augen. Chan Junis ist ein bevorzugtes Ziel der israelischen Angriffe, denn die Stadt ist eine Hochburg der radikalislamischen Palästinenserbewegung Hamas. Auch am Wochenende sterben wieder ganze Familien durch israelische Geschosse.

«Die Lage ist sehr, sehr kompliziert, so viel schlimmer als beim letzten Krieg», sagt Saksuk und meint die israelische Militäroperation «Säule der Verteidigung» vom November 2012. Fast zwei Wochen dauert der jüngste Einsatz nun schon, und die Kräfte der Ärzte und Krankenschwestern in der Nasser-Klinik gehen allmählich genauso zur Neige wie die medizinische Ausrüstung. Es fehlt an Medikamenten und Verbandszeug, an Betten sowieso, und an Hoffnung.

«Überall flogen Granatsplitter herum»

Auf der Intensivstation liegt Chadija Abu Hamad, eine 25-jährige Frau. Granatsplitter haben ihren Körper zerfetzt und sich in ihr Gehirn gefressen. Ihr Arm ist gebrochen, ihr linkes Auge hat sie verloren, und was von ihrem Gesicht unter dem Verband hervorlugt, ist blau und gelb geschwollen. Neben ihr liegt der 18-jährige Uday al-Astal, er ist jetzt rechtsseitig gelähmt.

Am anderen Ende des Saals kämpft Jussef Astal ums Überleben. Er wurde bei einem israelischen Luftangriff schwer am Oberschenkel verletzt. «Wir mussten sein Bein amputieren», sagt der Arzt Moatas al-Dshubur. Weniger Glück hatten Astals Verwandte, vier von ihnen starben. Dshubur überwacht die Intensivstation, er legt viele Bluttransfusionen in diesen Tagen, oft umsonst. Gerade kümmert er sich um einen Patienten, dem Granatsplitter in Magen, Darm und Nieren eingedrungen sind. «Es geht ihm sehr schlecht.»

Unten am Empfang warten diejenigen mit weniger schweren Verletzungen, sie warten auf eine Behandlung oder Neuigkeiten von ihren vermissten Verwandten. Ibrahim Fajjad sass am Freitagmorgen vor seinem Haus, als ein israelischer Jagdbomber angriff. «Ich bin voller Angst weggerannt», erzählt der 24-Jährige. «Dann gab es noch einen Angriff, ein Flugzeug hat dreimal gefeuert, es gab eine riesige Explosion, und überall flogen Granatsplitter herum.»

Traurige Gewohnheit

Dshubur arbeitet schon seit Jahren als Arzt in der Klinik Nasser, die Szenen sind für ihn traurige Gewohnheit. Ende 2008 bis Anfang 2009 gab es die israelische Offensive «Gegossenes Blei», bei der 1400 Palästinenser und 13 Israelis starben, 2012 die «Säule der Verteidigung» – mit 177 Toten auf palästinensischer und 6 Toten auf israelischer Seite. Durch den jetzigen Einsatz, der den Raketenbeschuss Israels aus dem Gazastreifen dauerhaft beenden soll, starben schon mehr als 330 Palästinenser und 3 Israelis.

Die UNO schätzt, dass rund ein Drittel der Todesopfer Kinder sind. «Die ganze Welt schaut zu, während die Palästinenser abgeschlachtet werden», klagt Dshubur. Israels Angriffe gelten der Hamas und ihren Stellungen, doch die meisten Opfer sind Zivilisten. «Es sind Unschuldige, Menschen, die mit ihren Verwandten zusammensitzen», sagt der Arzt. «Wohin sollen diese Menschen denn gehen?»

AFP/fko

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch