Einst war er der gute Ghadhafi

Kopf des Tages

Heute beginnt in Libyen der Prozess gegen den Diktatorensohn Saif al-Islam Ghadhafi.

Einst Hoffnungsträger, jetzt vor Gericht: Saif al-Islam, zweitältester Sohn von Muammar al-Ghadhafi.

Einst Hoffnungsträger, jetzt vor Gericht: Saif al-Islam, zweitältester Sohn von Muammar al-Ghadhafi.

(Bild: Reuters)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Er galt als der Gute einer schrecklichen Familie, er war der weltgewandte Sympathieträger eines üblen Regimes – heute nun steht er im eigenen Land vor Gericht: Saif al-Islam Ghadhafi, Jahrgang 1972, der zweitälteste Sohn des einstigen libyschen Revolutionsführers Muammar al-Ghadhafi.

Saif al-Islam war anders als seine Brüder. Er war kein Schläger wie Hannibal und Saif al-Arab. Er hielt keinen hohen Posten in der Armee wie Muttasim Billah und Chamis. Er war kein Hallodri wie Saadi, der Möchtegern-Fussballprofi. Und er vermied politisch brisante Missionen, wie sie seine Schwester Aisha als Anwältin Saddam Husseins wahrnahm.

Und doch gilt Saif al-Islam inzwischen selber als Bösewicht. In dem heute anlaufenden Prozess geht es um «Verbrechen gegen das libysche Volk während der Revolution», wie es in der Anklageschrift heisst.

Lichtgestalt des Ghadhafi-Regimes

Der Architekt und Ökonom, diese Lichtgestalt des Ghadhafi-Regimes, war früh ins Ausland gegangen. Er lebte in Österreich. Und in England. Dort erwarb er an der London School of Economics einen zweifelhaften Doktortitel; seine Dissertation trug den Titel «Die Rolle der Zivilgesellschaft für die Demokratisierung globaler Regierungsinstitutionen».

Hernach betätigte sich Saif al-Islam zunächst als Architekt und Bauunternehmer, aber auch als Künstler mit Ausstellungen in Europa. Dann wirkte er als sozial engagierter Aktivist und internationaler Krisenmanager. Beispielsweise vermittelte er im Konflikt um Entschädigungszahlungen für die Opfer des Lockerbie-Attentats.

Schliesslich machte sich Saif al-Islam einen Namen als Politiker und Reformer, der auch am Weltwirtschaftsforum in Davos gern gesehen war. Der Ghadhafi-Sohn plädierte für eine stärkere politische Liberalisierung. Für mehr Rechtsstaatlichkeit. Und für eine Transformation der libyschen Wirtschaft in Richtung soziale Marktwirtschaft.

Saif al-Islam benannte zwar mit klaren Worten Missstände in seinem eigenen Land und kritisierte damit letztlich die Politik seines Vaters Muammar. Dennoch genoss er dessen politisches Vertrauen. Das diplomatische Geschick des Sohnes nützte dem Despoten, der nach jahrelanger Isolation auf die internationale Bühne zurückdrängte.

Im Westen galt Saif al-Islam als designierter Nachfolger seines Vaters, als kommender starker Mann eines moderneren Libyens. «Wenn wir mit dem Westen tanzen wollen, müssen wir im selben Rhythmus und zur selben Musik tanzen», sagte der Hoffnungsträger einmal dem US-Magazin «Time».

Arabischer Frühling änderte alles

Seit dem arabischen Frühling, der vor zwei Jahren das blutige Ende der Ghadhafi-Diktatur herbeiführte, ist alles anders. Das «Schwert des Islam», so die Übersetzung des Vornamens Saif al-Islam, muss sich deshalb in der Stadt Sintan vor Gericht verantworten. Der einst mächtige Ghadhafi-Sohn wird von einer Miliz gefangen gehalten. Die Vorwürfe der libyschen Staatsanwaltschaft sind happig: Es geht um Aufruf zu Vergewaltigung und Entführung sowie um mehrfachen Mord und Kriegsverbrechen.

Bei einer Verurteilung droht Saif al-Islam die Todesstrafe. Auch ein anderer Prozess – es geht um angebliche Spionage – könnte mit der Verhängung der Todesstrafe enden. Saif al-Islam würde denn auch lieber beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag über sich richten lassen. Doch seine Libyer verweigern eine Auslieferung.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt