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Die vielen Gesichter des Diktators

Am 20. Oktober 2011 endet die Ära Ghadhafi: In den über 40 Jahren seiner Herrschaft wurde der Oberst vom Feind zum Freund des Westens und wieder zur Persona non grata.

Der Diktator in Operettenuniform: Ghadhafi im September 2009 an der Parade zum 40. Jahrestag der libyschen Revolution. (1. September 2009)
Der Diktator in Operettenuniform: Ghadhafi im September 2009 an der Parade zum 40. Jahrestag der libyschen Revolution. (1. September 2009)
Keystone
Das Bild zeigt den jungen Ghadhafi salutierend mit dem ägyptsichen Ministerpräsidenten Gamal Abdel Nasser. (Suez 1969)
Das Bild zeigt den jungen Ghadhafi salutierend mit dem ägyptsichen Ministerpräsidenten Gamal Abdel Nasser. (Suez 1969)
Farouk Ibrahim, Keystone
Ghadhafi 1977 in Tripolis an einem Gipfel der Arabischen Liga.
Ghadhafi 1977 in Tripolis an einem Gipfel der Arabischen Liga.
Keystone
Fidel Castro und Muammar al-Ghadhafi bei einer Besprechung in Tripolis. (März 1977)
Fidel Castro und Muammar al-Ghadhafi bei einer Besprechung in Tripolis. (März 1977)
Ex-Press
Der Privatmann: Ghadhafi mit seiner Frau (hinten rechts) und unbekannten Verehrerinnen ... (undatierte Aufnahme)
Der Privatmann: Ghadhafi mit seiner Frau (hinten rechts) und unbekannten Verehrerinnen ... (undatierte Aufnahme)
AFP
... und an einer Familienhochzeit. (undatierte Aufnahme)
... und an einer Familienhochzeit. (undatierte Aufnahme)
AFP
Während der Amtszeit von George W. Bush schwor Ghadhafi Massenvernichtungswaffen und dem Terror ab. Daraufhin normalisierte die US-Regierung die eingefrorenen Beziehungen zu Libyen. Waffenlieferungen an Tripolis und Abkommen über Erdölförderung folgten. Ghadhafi avancierte zum Liebling des Westens ... (Dezember 2003)
Während der Amtszeit von George W. Bush schwor Ghadhafi Massenvernichtungswaffen und dem Terror ab. Daraufhin normalisierte die US-Regierung die eingefrorenen Beziehungen zu Libyen. Waffenlieferungen an Tripolis und Abkommen über Erdölförderung folgten. Ghadhafi avancierte zum Liebling des Westens ... (Dezember 2003)
Keystone
... und empfing die neuen Freunde gern. Der britische Premier Tony Blair flog 2004 zu Gesprächen mit Ghadhafi nach Libyen und lobte den Revolutionsführer für seine Abkehr vom libyschen Nuklearprogramm. Es folgten britische Geschäftsverbindungen mit Libyen. Unter anderem verkauften die Briten Libyen militärische Ausrüstung im Wert von 40 Millionen Pfund. (29. Mai 2007)
... und empfing die neuen Freunde gern. Der britische Premier Tony Blair flog 2004 zu Gesprächen mit Ghadhafi nach Libyen und lobte den Revolutionsführer für seine Abkehr vom libyschen Nuklearprogramm. Es folgten britische Geschäftsverbindungen mit Libyen. Unter anderem verkauften die Briten Libyen militärische Ausrüstung im Wert von 40 Millionen Pfund. (29. Mai 2007)
Reuters
Nachdem Ghadhafi Kompensationszahlungen für die Opfer des Anschlags auf eine Berliner Diskothek im Jahr 1986 zugesagt hatte, reiste der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2004 nach Tripolis. Während des Besuchs wurden deutsche Ölbohrungen eingeleitet. (2004)
Nachdem Ghadhafi Kompensationszahlungen für die Opfer des Anschlags auf eine Berliner Diskothek im Jahr 1986 zugesagt hatte, reiste der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder 2004 nach Tripolis. Während des Besuchs wurden deutsche Ölbohrungen eingeleitet. (2004)
Reuters
2007 schlug Ghadhafi sein Zelt in der französischen Hauptstadt Paris auf und wurde von Staatspräsident Nicholas Sarkozy mit allen militärischen Ehren empfangen. Waffen- und Atomgeschäfte wurden verhandelt, Ghadhafi blieb drei Tage länger als geplant. Noch im Herbst 2010 einigten sich die beiden Länder auf eine strategische Partnerschaft zum Bau eines Kernkraftwerks und der Lieferung von Airbus-Kampfjets an Libyen. (10. Dezember 2007)
2007 schlug Ghadhafi sein Zelt in der französischen Hauptstadt Paris auf und wurde von Staatspräsident Nicholas Sarkozy mit allen militärischen Ehren empfangen. Waffen- und Atomgeschäfte wurden verhandelt, Ghadhafi blieb drei Tage länger als geplant. Noch im Herbst 2010 einigten sich die beiden Länder auf eine strategische Partnerschaft zum Bau eines Kernkraftwerks und der Lieferung von Airbus-Kampfjets an Libyen. (10. Dezember 2007)
Reuters
Der Oberst wohnte auch auf Auslandreisen stets in einem Zelt. Hier empfängt er in Kiew die ukrainische Premierministerin Julija Tymoschenko. (November 2008)
Der Oberst wohnte auch auf Auslandreisen stets in einem Zelt. Hier empfängt er in Kiew die ukrainische Premierministerin Julija Tymoschenko. (November 2008)
Keystone
Silvio Berlusconi: Bei Ghadhafis Besuch in Italien im Juni 2009 sprach Berlusconi von einer «echten und tiefen Freundschaft» zum libyschen Staatschef. Im Jahr zuvor hatte die Regierung in Rom zugesagt, Libyen Entschädigungszahlungen für die Kolonialzeit von 1911 bis 1941 zu gewähren. (10. Juni 2009)
Silvio Berlusconi: Bei Ghadhafis Besuch in Italien im Juni 2009 sprach Berlusconi von einer «echten und tiefen Freundschaft» zum libyschen Staatschef. Im Jahr zuvor hatte die Regierung in Rom zugesagt, Libyen Entschädigungszahlungen für die Kolonialzeit von 1911 bis 1941 zu gewähren. (10. Juni 2009)
Reuters
Hugo Chávez: Der venezolanische Staatspräsident hat Ghadhafi in der Vergangenheit mehrfach verteidigt und die libyschen Rebellen als Terroristen bezeichnet. Den NATO-Einsatz wertete er als «imperialistischen Krieg» um Öl auf Kosten Unschuldiger. Die beiden Generäle und Ölgiganten verbindet eine jahrelange Freundschaft. Unter anderem wurde ein Stadion bei Benghazi nach Chávez benannt. (23. Oktober 2010)
Hugo Chávez: Der venezolanische Staatspräsident hat Ghadhafi in der Vergangenheit mehrfach verteidigt und die libyschen Rebellen als Terroristen bezeichnet. Den NATO-Einsatz wertete er als «imperialistischen Krieg» um Öl auf Kosten Unschuldiger. Die beiden Generäle und Ölgiganten verbindet eine jahrelange Freundschaft. Unter anderem wurde ein Stadion bei Benghazi nach Chávez benannt. (23. Oktober 2010)
Reuters
Nato-Bombardement zur Unterstützung der libyschen Rebellen: Einsätze vom französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle aus. (28. März 2011)
Nato-Bombardement zur Unterstützung der libyschen Rebellen: Einsätze vom französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle aus. (28. März 2011)
Reuters
Noch in Siegerpose: Muammar al-Ghadhafi in seinem Fort Bab al Aziza in Tripolis. (10. April 2011)
Noch in Siegerpose: Muammar al-Ghadhafi in seinem Fort Bab al Aziza in Tripolis. (10. April 2011)
Keystone
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Monatelang hat Muammar Ghadhafi seine Verfolger genarrt, nun aber haben ihn seine Gegner erwischt. Der langjährige libysche Machthaber ist am Donnerstag nach Angaben des Nationalen Übergangsrates in seiner Heimatstadt Sirte getötet worden. Damit endet das Leben eines Mannes, der wie kaum ein anderer afrikanischer Politiker die Welt erzürnt und zugleich fasziniert hat. Eigentlich hatten die Truppen der jetzigen libyschen Führung gehofft, Ghadhafi schon in Tripolis zu erwischen. Doch beim Sturm der Hauptstadt vor ziemlich genau zwei Monaten war der ewige «Revolutionsführer» spurlos verschwunden. Er hielt sich erfolgreich versteckt – und er hatte die Möglichkeit, immer wieder Botschaften an sein Volk zu verbreiten. Darin rief er zum Widerstand bis zum bitteren Ende auf und kündigte an, mit seinen Getreuen bis zum Sieg zu kämpfen oder «als Märtyrer» zu sterben.

Martialische Botschaften waren schon immer eines der Markenzeichen des Obersts, der mit fast 42 Jahren an der Macht Afrikas dienstältester Herrscher war. Während sich die Staatschefs von Libyens Nachbarländern Tunesien und Ägypten im arabischen Frühling dem Druck der Massen beugten und zurücktraten, zeigte sich Ghadhafi unbeeindruckt von den Protesten im eigenen Land. «Mein ganzes Volk liebt mich», versicherte er. Dass dem nicht so ist, hat ihm sein Volk in den vergangenen Monaten in einem opferreichen Kampf bewiesen.

«Staat der Massen»

Der Legende nach wurde Ghadhafi am 7. Juni 1942 in einem Beduinenstamm in der Wüste nahe der Stadt Sirte geboren. Schon mit Ende 20 gelangt der Oberst in Libyen an die Macht, indem er 1969 den greisen König Idris in einem unblutigen Putsch vom Thron stösst. Einige Jahre später ruft Ghadhafi den «Staat der Massen» aus, der sich selbst regieren soll. Deshalb lässt sich der Revolutionsführer auch nie als Staatschef bezeichnen.

Seine Macht festigt Ghadhafi, indem er politische Gegner gnadenlos unterdrückt. Sein «grünes Buch» wird in Libyen zur Pflichtlektüre und dient als Landesverfassung. Wahlen sind in Ghadhafis Weltbild nicht vorgesehen. Die seien nichts als «Maskerade», erklärt er.

Zu den harmlosen Absonderlichkeiten des 69-Jährigen gehört das berühmte Beduinenzelt, das er selbst zu Staatsbesuchen ins Ausland mitnimmt. Eine weitere Schrulle Ghadhafis ist die frische Kamelmilch, auf die er morgens nicht verzichten mag, weshalb immer auch einige Kamelstuten mit ins Flugzeug müssen. Aufsehen erregt auch immer wieder die weibliche Leibgarde des sich gerne in Phantasie-Uniformen kleidenden Ghadhafi. Personenkult und theatralische Auftritte liebt der Oberst, der seine Kollegen nach seiner Wahl an die Spitze der Afrikanischen Union auffordert, ihn «König der afrikanischen Könige» zu nennen.

Die Opfer schliesslich entschädigt

Zum international Geächteten wird Ghadhafi nach einer Serie von Anschlägen, die seinem Regime zugeschrieben werden: Im April 1986 sterben bei einem Anschlag auf die Berliner Diskothek «La Belle» drei Menschen, mehr als 230 weitere werden verletzt. Zwei Jahre später explodiert über dem schottischen Lockerbie ein US-Flugzeug und reisst 270 Menschen in den Tod, im Jahr darauf sterben 170 Menschen beim Absturz einer französischen Maschine in Niger.

Anfang der 90er-Jahre verhängen die Vereinten Nationen ein Handelsembargo gegen Libyen. Jahrelang hält Ghadhafi dem Druck stand, doch im Frühjahr 2003 entschädigt er schliesslich die Opfer der beiden Flugzeuganschläge, wenig später schwört er öffentlich seinem Rüstungsprogramm ab. Im folgenden Jahr zahlt die Ghadhafi-Stiftung auch Entschädigungen an die Opfer des La-Belle-Anschlags. Damit vollzieht Ghadhafi eine radikale Kehrtwende. Libyen wird wieder hoffähig, und Ghadhafi kann zurück auf die Weltbühne.

Doch während die internationale Gemeinschaft Ghadhafi unter anderem wegen des Ölreichtums seines Landes wieder hofiert, wächst im eigenen Land der Zorn auf ihn. Letztlich wurde der «Revolutionsführer» Opfer der Revolution seines Volkes.

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