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Die umstrittenen Warnmethoden der israelischen Armee

Bevor das israelische Militär palästinensische Häuser bombardiert, warnt es die Bewohner. Zum Beispiel mit einem «knock on roof».

204 Menschen sind im Gazastreifen seit Beginn der jüngsten israelischen Militäroffensive gestorben. Laut dem UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) sind rund drei Viertel der Toten Zivilisten. Dies, obwohl die israelische Armee ein System entwickelt hat, mit dem sie Zivilisten warnt, bevor ihre Häuser mit Raketen angegriffen werden. Wie gut dieses System funktioniert, ist allerdings umstritten.

Hat die Armee ein Ziel in Gaza lokalisiert – beispielsweise weil es sich um ein mutmassliches Waffenlager oder einen Kommandoposten der Hamas handelt –, tätigt sie zunächst einen Telefonanruf. Die Bewohner des Gebäudes werden gewarnt und dazu aufgefordert, das Haus zu verlassen. Sind die Angreifer sich nicht sicher, ob die Bewohner tatsächlich geflüchtet sind, aktivieren sie die zweite Warnstufe: den «knock on roof» (Aufs-Dach-Klopfen). Dabei bombardieren sie das Gebäude mit einer Rakete, die keinen oder nur wenig Sprengstoff enthält und darum nur begrenzte Zerstörung anrichtet.

Die Methode solle die Menschen dazu bringen, die Warnung ernst zu nehmen, sagt ein ehemaliges Mitglied der israelischen Armee gegenüber dem TV-Sender CNN. In einem dritten Schritt wird dann die tatsächliche Rakete gezündet. Wie viel Zeit zwischen dem Warnschuss und dem Angriff vergeht, ist nicht festgelegt, es können Minuten oder Stunden sein.

«Keine Warnung, sondern ein Angriff»

Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Methode aus mehreren Gründen. So sei der Beschuss eines Hauses immer ein Angriff, auch wenn kein oder nur wenig Sprengstoff verwendet werde. «Der Abschuss einer Rakete ist keine Warnung. Es ist das Zielen auf Zivilisten mit einer Waffe, egal wie klein diese ist, und darum eine Verletzung der Genfer Konventionen», sagt Mahmoud Abu Rahma vom Al Mezan Center for Human Rights gegenüber CNN. Amnesty International berichtet von Fällen, in denen Unschuldige durch die Warnraketen verletzt oder gar getötet wurden. Der Schaden, der durch den «knock on roof» angerichtet werde, sei zudem oft gross, gerade in dicht besiedelten Gebieten.

Ausserdem würden die Warnungen von den Hausbewohnern häufig überhört oder nicht als solche wahrgenommen. «Stellen Sie sich vor, Sie sind in Gaza, um Sie herum werden Luftangriffe geflogen, Familien verstecken sich in den untersten Geschossen ihrer Häuser. Da klingt ein ‹knock on roof› nicht anders als eine gewöhnliche Explosion in der Nachbarschaft», sagt Abu Rahma.

Der «knock on roof» werde zudem oft missverstanden. Berichtet wird von einer Familie, die ihr Haus nach einem Warnanruf per Telefon verlassen hatte. Es folgte der Einschlag der Warnrakete – die Familie glaubte, es handle sich bereits um den Angriff, und kehrte in ihr Haus zurück. Beim folgenden, scharfen Raketenbeschuss wurden alle Familienmitglieder getötet.

Aufforderung zur Flucht per Flugblatt

Die israelische Armee setzte die Warnmethode erstmals im Gazakonflikt im Jahr 2009 ein. Schon damals wurde sie von der UNO kritisiert, weil sie laut einem Bericht «nicht als effektive Warnung dient und eine Form des Angriffs auf die Hausbewohner» darstellt. Die Tatsache, dass eine Warnung abgesetzt worden sei, entbinde die israelische Armee nicht von ihrer Verantwortung, den Schutz von Zivilisten und Unschuldigen zu gewährleisten.

Zusätzlich zu den Telefonanrufen und Warnraketen lässt die israelische Armee immer wieder Tausende Flugblätter über Gebieten abwerfen, die unter Beschuss genommen werden. Darin fordert sie die Menschen dazu auf, ihre Häuser zu verlassen und sich auf sicheres Terrain zu begeben. Gerade heute sei es über Gaza zu einer solchen Aktion gekommen, schreibt ein Sprecher der israelischen Armee auf Twitter.

Hunderttausende Menschen zur Flucht aufzufordern, während rundherum Luftangriffe stattfinden und jedes Haus zum Ziel wird, sei allerdings eher Bedrohung als Warnung, so Abu Rahma.

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