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«Die Situation ist nicht stabil»

Nach dem Abzug der letzten US-Kampftruppen ist der Irak wieder eine souveräne Nation. Viel zu früh, warnen Kritiker.

Keine Ruhe: Irakische Soldaten am Ort eines Anschlages in Bagdad.
Keine Ruhe: Irakische Soldaten am Ort eines Anschlages in Bagdad.
Keystone

Die US-Kampftruppen haben den Irak verlassen, fortan werden noch 50'000 amerikanische den irakischen Sicherheitskräften im Hintergrund zur Seite stehen. Bis 2011 werden auch diese amerikanischen Restbestände das Land verlassen haben. Der Irak ist nach den Worten von US-Präsident Obama eine «souveräne Nation». Euphorisch begrüsst wurde der Abzug von der irakischen Bevölkerung dennoch nicht.

Das Land ist noch weit weg von der gewünschten Stabilität. Eine politische Führung fehlt. Die Parteien feilschen seit einem halben Jahr ergebnislos an einer Regierungsbildung, nachdem die Wahlen keinen klaren Sieger ergeben hatten. Zudem haben die Terroranschläge im August wieder markant zugenommen. Vor ein paar Tagen riss ein Selbstmordattentäter in Bagdad 56 Iraker in den Tod.

«Sie sollten nicht gehen, die Situation ist nicht stabil», wird ein 55-jähriger Gemüseverkäufer in einem Bagdader Quartier von «Spiegel Online» zitiert. Die Politiker seien inkompetent und die Lage auf den Strassen weiterhin «brutal». Die 19-jährige Studentin Seinab Ali zeigt sich ebenfalls enttäuscht: «Statt das politische Chaos zu beenden, überraschen uns die Amerikaner mit dem Entschluss, ihre Truppen abzuziehen.»

Die Angst vor der politischen Lähmung

Die Reaktionen widerspiegeln das tiefe Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung. Einen weiteren Verbleib der US-Truppen hätten selbst einige irakische Kriegsveteranen als das kleinere Übel empfunden. «Ein Rückzug zu diesem Zeitpunkt ist nicht im Interesse Iraks», meint der Sunnit Abu Mudschahif gegenüber «Spiegel Online». 2004 verlor er als Soldat bei der Schlacht von Falludscha ein Bein.

Die politische Lähmung des Landes bereitet den Irakern dabei die grösste Sorge. Eine Einigung zwischen Ministerpräsident Nuri al-Maliki vom Rechtsstaat-Bündnis und dem früheren Ministerpräsidenten Ijad Alaw von der nationalistisch-säkularen Irakija-Liste scheint unter den gegebenen Bedingungen nicht zustande zu kommen. «Kein Politiker will in die Opposition. Oppositionelle landeten in der arabischen Welt traditionell im Gefängnis», erklärt Mahmud Othman, Parlamentsabgeordneter der Kurdischen Liste Iraks.

Zeit zu gehen

Es besteht kein Zweifel, dass ein Grossteil der Iraker die amerikanische Besatzung während all den Jahren abgelehnt hat. An einer Rückkehr zu diktatorischen Verhältnissen wie unter Saddam Hussein oder zu den chaotischen Jahren der Besatzung hat jedoch kaum ein Iraker ein Interesse.

Dies erklärt das plötzliche Wohlwollen gegenüber den einst verhassten US-Truppen. Der amerikanische Brigade-General Mark Corson sieht aber im Gespräch mit «Spiegel Online» trotzdem den richtigen Moment für den Abzug gekommen: «Ist man hier, ist man der böse Besatzer, geht man, lässt man sie im Stich.» Es sei daher besser, dass man gehe.

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