Die Helden von einst haben Südafrika ruiniert

Ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid wird das Land von der Regierungspartei ANC ausgebeutet. Höchste Zeit, dass sich Südafrika von den einstigen Befreiern befreit.

Vor den Wahlen am Mittwoch lässt sich Präsident Cyril Ramaphosa in Johannesburg von seinen Anhängern feiern. Foto: Keystone

Vor den Wahlen am Mittwoch lässt sich Präsident Cyril Ramaphosa in Johannesburg von seinen Anhängern feiern. Foto: Keystone

Die Stimmen der paar Dutzend Bewohner von Robben Island werden am Mittwoch wieder die ersten sein, die ausgezählt sind bei den Wahlen in Südafrika. Sie werden die ersten sein, weil es so wenige sind – ein paar ehemalige Wärter und Gefangene leben dort – und weil es eine schöne Symbolik hat: Drei Jahrhunderte lang haben die Weissen auf der Insel vor Kapstadt Menschen verbannt und eingesperrt, die ­ihnen bei der Eroberung, Ausbeutung und Unterdrückung im Wege standen. Der Apartheidstaat internierte dort auch die Freiheitskämpfer des African ­National Congress (ANC), allen ­voran Nelson Mandela. Die Insel steht für 300 Jahre Unfreiheit. Nun zählen in der Freiheit ihre Stimmen als erste.

Aber was ist das für eine Freiheit?, fragen viele in Südafrika, vor allem die, die so lange darauf ­gewartet haben. Die Organisation der ehemaligen politischen Gefangenen von Robben Island klagte jüngst wieder, Misswirtschaft und Korruption machten selbst vor diesem Ort nicht halt. Die Leitung des Museums soll die Kassen geplündert haben, die Boote zur Insel werden kaum gewartet und fallen immer wieder aus. So ist es überall in Südafrika. Das Land hat sich 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid von der hoffnungsvollen Regenbogennation zur korruptesten Nation Afrikas entwickelt.

Parlament ohne Strom

Der ANC war einst eine Befreiungsbewegung, die jahrzehntelang einen heroischen Kampf gegen die Apartheid führte. Doch mittlerweile gleicht die Partei eher einer mafiösen Verbrecherbande. Auf allen Ebenen des Staates bereichert sich eine kleine Elite, steckt sich viele Milliarden in die eigenen Taschen. Die staatlichen Unternehmen stehen am Abgrund, der Finanzminister erklärte, er persönlich würde keinen Cent in die Fluglinie South African Airways investieren. Als ein Untersuchungsausschuss des Parlaments darüber diskutieren wollte, warum der staatliche Energieversorger das Land mit immer neuen Schulden versorgt, aber kaum mit Strom, fiel im ­Sitzungssaal der Strom aus, wie immer wieder im ganzen Land.

«Ein besseres Leben für alle», mit diesem Motto startete der ANC unter Mandela in die neue Zeit. Die begann ganz gut, Millionen kleiner Wohnungen wurden ­gebaut, der Kampf gegen Aids ­erfolgreich aufgenommen – die Zahl der Schwarzen an Universitäten vervielfachte sich, die Lebenserwartung stieg um ein Jahrzehnt. Vor zehn Jahren aber kam Jacob Zuma an die Macht, der Präsident, der sich den Staat zur Beute machte, der die Losung ausgab: «Jetzt sind wir dran.»

Es ist die Mentalität sehr ­vieler ehemaliger Befreiungsbewegungen, denen es nicht darum geht, den Kuchen für alle grösser zu machen, sondern darum, das grösste Stück für sich zu bekommen. Sie verhalten sich nicht viel anders als die weissen Ausbeuter und Unterdrücker, gegen die sie einst angetreten sind. Aus einem «besseren Leben für alle» wurde ein «besseres Leben» für eine kleine, korrupte Elite, die ihre Ideale und Millionen arme Schwarze verraten hat, denen es heute nicht besser geht als am Ende der Apartheid.

Keine Alternative zum ANC

Es wäre an der Zeit, Südafrika von seinen Befreiern zu befreien. Der ANC hat kein einziges Jahr mehr an der Macht verdient. Trotzdem wird er die Wahlen am Mittwoch gewinnen, Zumas Nachfolger Cyril Ramaphosa wird die Mehrheit im Parlament behalten. Ramaphosa hat es geschafft, den Verfall des ANC zu seinem überzeugendsten Wahlkampfargument zu machen: Die Lage ist so dramatisch, dass nur ich euch retten kann.

Es ist traurig und hoffnungsvoll zugleich, dass er damit wohl recht hat. Traurig, weil es in Südafrika immer noch keine andere Partei mit einer realen Macht­option gibt, weil vor allem in ländlichen Gebieten auch jene immer noch treu ihre Stimme dem ANC geben, die von ihm so bitter betrogen wurden.

Es herrscht eine Kultur der Straflosigkeit, der moralischen Verwahrlosung im politischen Raum.

Hoffnungsvoll stimmt, dass sich Ramaphosa selbst bisher nichts hat zuschulden kommen lassen und dass er einigermassen glaubhaft erklärt, er wolle die Korruption bekämpfen. Die korrupten Genossen sind überall, sein Vize und sein Generalsekretär gehören zu den Schlimmsten. Ramaphosa hat Kommissionen eingesetzt, die erstaunlich transparent enthüllen, wie der Staat zur Beute wurde. Die grosse Frage ist, ob jemand zur Rechenschaft gezogen wird.

Die Schwarzen haben den Weissen nach dem Ende der Apartheid ihre Verbrechen verziehen. Es war eine grosse Geste – deren Nachwirkungen bis heute zu spüren sind. Es herrscht eine Kultur der Straflosigkeit, der moralischen Verwahrlosung im politischen Raum: Warum sollen wir für ein bisschen Bereicherung ins Gefängnis, wenn die weissen Mörder von damals frei herumlaufen, sagen Zuma und seine Mittäter. Sie sind alle wieder im Wahlkampf für den ANC unterwegs – gegen den Willen Ramaphosas. Sie wollen ihm zeigen, dass sie bereitstehen, wenn er Schwäche zeigt.

Der Präsident kann den Kampf um ein gerechtes Süd­afrika nur gewinnen, wenn sich für viele Millionen verarmter Schwarzer das Leben verändert. Dazu braucht es eine Landreform, dazu müssen die Weissen auf einen Teil ihres Reichtums verzichten. Denn sie sind bisher die wahren Gewinner des Endes der Apartheid. Sie durften ihren Wohlstand behalten und werden nicht mehr international geächtet. Mehr mussten sie nicht tun für ein neues Südafrika. Auch das muss sich ändern.

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