Die Gewinner und Verlierer von Trumps Rückzug aus Syrien

Wer profitiert von Trumps Entscheidung? Welche Folgen hat der Abzug amerikanischer Truppen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Kündigt den vollständigen Rückzug seiner Truppen aus Syrien an: US-Präsident Donald Trump. Video: Reuters
Yannick Wiget@yannickw3
Patrick Vögeli@PVoegeli

Gegen den Willen seiner Sicherheitsberater hat Donald Trump den vollständigen Abzug der US-Truppen aus Syrien befohlen. «Wir haben gegen den IS gewonnen, wir haben ihn vernichtend geschlagen. Und nun ist es Zeit für unsere Soldaten, nach Hause zu kommen», sagte Trump in einem Video auf Twitter. Laut dem Weissen Haus hat der Rückzug bereits begonnen und soll in 30 Tagen abgeschlossen sein.

Im US-Verteidigungsministerium wurde nach Informationen verschiedener Medien bis zuletzt versucht, Trump umzustimmen – vergebens. Der Präsident beklagt sich seit langem darüber, dass er von seinem Vorgänger Barack Obama den endlosen Militäreinsatz in Syrien geerbt habe, den er für falsch hält. Nun zieht er die Konsequenzen und stösst damit auf massive Kritik, auch aus den eigenen Reihen.

«Das ist ein grosser Fehler.»Marco Rubio, republikanischer Senator

«Wenn Obama das getan hätte, würden wir alle durchdrehen, weil es eine so schlechte Idee ist», sagte der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham. Sein Kollege Marco Rubio sprach von einem «grossen Fehler». Jeder sei gegen diese Entscheidung. Auch US-Verteidigungsminister Jim Mattis gilt als Gegner des Abzugs und hat vor negativen Folgen gewarnt.

Bis jetzt waren etwa 2000 amerikanische Spezialkräfte in Syrien stationiert, im Norden und Osten des Landes. Sie haben dort gegen die Terrormiliz IS gekämpft, lokale Militäreinheiten und Oppositionstruppen beraten und trainiert. Ihr wichtigster Verbündeter war die Kurdenmiliz YPG, welche die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) anführt.

Wer welche Gebiete in Syrien kontrolliertEin Bürgerkriegsland, fünf Konfliktparteien: Die Machtverhältnisse in Syrien. Karte: pvo/Quelle: «New York Times» (Klicken Sie hier, um die Karte zu vergrössern)

Stand heute halten die Kurden den Nordosten des Landes, eingekeilt zwischen der Türkei und den Truppen des Regimes von Bashar al-Assad. Ankara kontrolliert seit seinen Militäroperationen «Schutzschild Euphrat» 2016 und «Olivenzweig» Anfang 2018 den Norden westlich des Flusses Euphrat, Assads Soldaten konnten viele verlorene Gebiete in den letzten Jahren wieder zurückerobern.

Rebellengruppen kontrollieren Regionen im Nordwesten und Süden. Der IS hält immer noch kleinere Gebiete im Zentrum und im Osten. Für die Machtverhältnisse im Bürgerkriegsland wird der Rückzug der US-Truppen aus Sicht von Analysten weitreichende Folgen haben und die Situation weiter verschärfen.

Die VerliererArbeiteten bisher Hand in Hand: US-Soldaten und eine Einheit der Syrischen Demokratischen Kräfte nahe der Grenze zur Türkei. (Bild: Reuters)

Grosser Verlierer ist die kurdisch geführte SDF als bisheriger Verbündeter. Der US-Rückzug wird von Kritikern denn auch als Verrat an den Kurden betrachtet. Diese kämpfen einerseits gegen den IS, müssen nun aber auch einen Angriff der türkischen Armee befürchten. Die Türkei will verhindern, dass sich in Syrien ein selbstständiges kurdisches Gebiet abspaltet, was den Separatismus unter den Kurden in der Türkei anfachen könnte. Ankara droht deshalb mit einer Ausweitung seiner Militärpräsenz in Syrien.

Für Israel, das eine permanente iranische Militärpräsenz des Iran jenseits der Grenze fürchtet, ist der Abzug ebenfalls eine schlechte Nachricht. Es wirft dem Iran vor, die Hizbollah im Libanon mit Waffen durch Syrien zu beliefern, die gegen Israel eingesetzt werden. Auch die Regierungen in Jordanien und im Libanon, Verbündete der USA, gehören zu den Verlierern. Bei Verhandlungen über Syriens Zukunft haben sie nun nicht mehr viel Einfluss.

Die GewinnerProfitieren beide vom US-Rückzug: Der russische Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan. (Bild: Reuters)

Bis anhin hat die US-Präsenz im Norden des Landes verhindert, dass es zu einer grösseren Konfrontation zwischen türkischen und kurdischen Streitkräften kam. Nun hat Ankara freie Hand, seine angedrohte Offensive in Syrien in die Tat umzusetzen. Neben der Türkei profitieren auch das Assad-Regime und seine Verbündeten in Moskau und Teheran vom Abzug. Russland wird zur dominierenden militärischen Kraft im Bürgerkriegsland, der Iran kann seine Präsenz in Syrien ausbauen und die syrische Regierung so ihre Kontrolle über noch mehr Gebiete im Land ausbauen, inklusive ölreicher Gebiete, in denen US-Truppen stationiert waren.

Nicht zuletzt könnte der amerikanische Rückzug laut Analysten auch zu einem Wiedererstarken des IS führen. Offiziell kontrolliert die Terrormiliz nur noch kleine Gebiete. Doch es wird vermutet, dass sich in Syrien noch Tausende IS-Kämpfer versteckt halten und zu Attacken bereit sind. Kurz bevor Donald Trump gestern seine Entscheidung verkündete, bekannte sich der IS zu einem Bombenattentat in Raqqa.

Die FolgenKönnte bald eine Offensive gegen die Kurden starten: Die türkische Armee, hier mit einem Panzer auf dem Weg an die Grenze zu Syrien. (Bild: Reuters)

Aus Sicht von Analysten gibt es zwei wahrscheinliche Szenarien: Erstens könnte die Türkei ihre Drohung wahr machen und die Militärpräsenz ausweiten. Ihre Truppen würden dann die Kurden angreifen und Gebiete östlich des Flusses Euphrat erobern. Die Folge wäre ein verheerender Konflikt, der den Kampf der Kurden gegen den IS schwächen und zu einer neuen Migrationswelle führen würde.

Zweitens, aber unwahrscheinlicher, könnten die Konfliktparteien zu einer gemeinsamen Lösung kommen. Derzeit verhandeln Russland, der Iran und die Türkei mit Vertretern des syrischen Regimes und der Aufständischen über Möglichkeiten einer Friedenslösung. Im Gespräch ist ein sogenannter Verfassungskonvent, der Wahlen unter UNO-Aufsicht vorbereiten soll. Die Regierung in Damaskus wehrt sich allerdings dagegen. Denn Bashar al-Assad könnte von einer Schwächung der Kurden profitieren und versuchen, wieder das ganze Land unter seine Kontrolle zu bringen.

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