Die Facebook-Revolution

In Ägypten tobte die grösste Demonstration seit 30 Jahren. Schuld hat unter anderem Mark Zuckerbergs Internetplattform.

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Ägyptens Innenminister Habib al-Adly benannte schnell seine üblichen Verdächtigen: Organisatoren der Demonstrationen in Kairo und anderen ägyptischen Städten seien die Islamisten von der verbotenen Muslimbruderschaft, dazu das ausserparlamentarische Oppositionsbündnis «Kefeya – es reicht» sowie die vom Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei locker zusammengefügte Anti-Mubarak-Allianz «Bündnis für den Wechsel».

Doch die grössten Demonstrationen seit 30 Jahren, mit denen allein in Kairo Tausende das Regime von Präsident Hosni Mubarak überraschten, waren vor allem das Werk von Facebook und Twitter: Die Organisatoren der Proteste hatten auf Facebook eine Gruppe organisiert, die seit Monaten gegen den Tod des Bloggers Khaled Said protestiert. Der regimekritische Blogger war im Sommer in Alexandria von Polizisten auf offener Strasse zu Tode geprügelt worden. Mit den Demonstrationen am nationalen «Feiertag der Polizei» sollte gegen seinen Tod protestiert werden sowie gegen das Mubarak-Regime und seine Polizei.

Beteiligung fakultativ

Auch wenn die ägyptischen Oppositionellen untereinander eng vernetzt sind: Die friedlichen, später von der Polizei gewaltsam beendeten Demonstrationen vom Dienstag trugen nicht die Handschrift der Muslimbrüder oder der anderen offiziellen Oppositionsparteien: Mubaraks Innenminister versuchte, trotzdem an die reflexhaften Ängste des Westens vor den islamischen Fundamentalisten zu appellieren.

Aber die Muslimbrüder gehörten bisher nicht zu den erkennbaren Organisatoren der Proteste: Hart und brutal verfolgt und stets in Sorge vor der frontalen Konfrontation mit dem Regime, hatten sie sich vor dem offiziellen Demonstrationsaufruf gedrückt. Sie hatten ihren Mitgliedern lediglich freigestellt, sich zu beteiligen.

Regierung stellt Twitter ab

In Kairo war vor allem die mehr oder minder säkulare Mittelklasse auf die Strasse gegangen. Keine bärtigen Fundamentalisten, sondern Studenten, Beamte, Selbstständige. Einer in Anzug und Krawatte, der stark blutete von den Schlägen mit den Polizeiknüppeln, sagte dem Fernsehsender al-Jazeera: «Ich bin also ein Staatsfeind? Ich will nur meine Rechte. Dieses Regime ist seit 30 Jahren an der Macht. Mir reichts.»

Die protestierenden Ägypter wissen, dass sie die Gelegenheit nutzen und die Kundgebungen fortsetzen müssen. «Wir haben nur diese eine Chance», sagten Demonstranten: «Wenn wir sie jetzt nicht nutzen und weitermachen ist, es vorbei.» Auch bei den Protestaufrufen für den Mittwoch spielte Facebook eine zentrale Rolle, der Mobiltelefon-Nachrichtendienst Twitter hingegen war inzwischen von der Regierung unterbrochen worden.

Auf der Facebook-Site der BaradeiAllianz gegen Mubarak schrieb ein Mann namens Al-Razan Marsal: «30 Jahre Armut, Folter, Korruption. Wir protestieren, bis sie nachgeben. Wir fordern, dass Mubarak geht, sein Premier samt Regierung entlassen wird, das gefälschte Parlament aufgelöst wird.» Ein anderer Facebook-User äusserte sich praktischer: «Bringt Farbdosen mit. Wenn sie Wasserwerfer einsetzen, müsst ihr die Fenster mit Farbe übergiessen. Und schlitzt ihnen die Reifen auf.»

Tages-Anzeiger

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