Der Jemen steht vor dem Zerfall

Nach dem Rücktritt von Präsident Hadi konsolidieren die schiitischen Rebellen ihre Macht. Gleichzeitig bahnt sich eine humanitäre Katastrophe an.

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Nach dem Rücktritt des Präsidenten und der Regierung sind Tausende im Jemen auf die Strasse gegangen. In der Hauptstadt Sanaa unterstützten viele den Machtanspruch der schiitischen Houthi-Rebellen, im sunnitisch dominierten Süden wurde für eine Abspaltung vom Norden demonstriert. Die seit mehr als 30 Jahren im Jemen tätige Hilfsorganisation Oxfam warnte, das Land sei «am Rande einer humanitären Katastrophe mit Millionen Leben in Gefahr».

Staatschef Abd Rabbuh Mansur al-Hadi und das gesamte Kabinett waren zurückgetreten, nachdem ihn die Houthis, die mehr Macht in der Regierung wollen, in seinem eigenen Haus festgesetzt hatten. Heute stand er nach wie vor unter Hausarrest.

Abspaltung im Süden?

In Sanaa, das die Houthis bereits im September unter ihre Kontrolle gebracht hatten, versammelten sich die Anhänger der Rebellen auf der Strasse zum Flughafen. Sie schwenkten grüne Flaggen und skandierten:«Tod für Amerika, Tod für Israel, verflucht seien die Juden und Sieg für den Islam» – eine Variation einer von iranischen und libanesischen Schiitenmilizen verwendeten Parole.

Kritiker werfen den Houthis vor, ein verlängerter Arm des Iran im Jemen zu sein, was diese bestreiten. Die schiitischen Rebellen wiederum beschuldigten den zurückgetretenen Präsidenten Hadi, die sunnitische al-Qaida zu schützen, mit der die Houthis ebenfalls verfeindet sind.

Den Vormarsch der Houthis aus ihren Machtbastionen im Norden und den völligen Zusammenbruch der Regierung in Sanaa nutzten Separatisten, um Stimmung für eine Abspaltung des seit 1990 mit dem Norden vereinten Südjemen zu machen. In der dortigen Stadt Aden gingen ebenfalls Tausende auf die Strassen. Am Flughafen und im Hauptquartier der örtlichen Sicherheitskräfte wurde die alte Flagge des Südjemen gehisst, wie Augenzeugen berichteten.

Rebellen festigen ihre Macht

Wie es politisch nach dem Rücktritt des Präsidenten weitergehen soll, war unklar. Houthi-Vertreter sagten der Nachrichtenagentur AP, sie erwögen verschiedene Szenarien. Darunter sei etwa die Gründung eines «Rettungsrates» mit Vertretern aus dem Süden und aus dem Norden. Doch dem dürften sich die politischen Führer im Süden widersetzen, die jeglichen Machtanspruch der Houthis und deren Vormarsch nach Süden ablehnen.

In Sanaa festigten die Rebellen ihre Machtstellung. Kontrollposten mit bewaffneten Kämpfern waren an vielen Kreuzungen zu sehen. Lieferwagen mit aufmontierten Flugabwehrgeschützen patrouillierten durch die Strassen. Neben Hadis Haus waren auch die Residenzen mehrerer Minister belagert.

Durch die Krise in dem ohnehin bitterarmen Jemen sei fast die Hälfte der Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen, berichtete Oxfam. Fast eine Million Kinder leiden demnach an Unterernährung.

ajk/AP

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