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Auf der falschen Seite der Geschichte

Mit der Aufnahme von Ghadhafis Familie könnte die algerische Regierung schlafende Hunde im eigenen Volk wecken. Ein Experte sieht die Schliessung der Grenze zu Libyen als erstes Zugeständnis.

Demonstrieren gegen das Bildungssystem: Studenten treffen in Algier auf Polizisten. (Archivbild)
Demonstrieren gegen das Bildungssystem: Studenten treffen in Algier auf Polizisten. (Archivbild)
Keystone

Lange war es ruhig um Algerien. Um genauer zu sein: seit Ende März, als die seit Januar anhaltenden Proteste gegen das Regime von Präsident Abelaziz Bouteflika langsam abflauten. Das Land ist neben Marokko der einzige Staat Nordafrikas, in welchem noch die alte Regierungsgarde im Sattel sitzen blieb. Während Marokkos König aber Reformen ankündigte, im Juli eine neue Verfassung verabschiedete und sogar öffentlich den Übergangsrat der Rebellen in Libyen anerkennt, scheint Algerien nun als letztes Überbleibsel einer reaktionären Ordnung exponiert zu sein.

Denn, wie die englische Zeitung «The Guardian» betont, hat Algerien nicht nur den libyschen Übergangsrat nicht anerkannt, sondern nun auch Ghadhafis Ehefrau Safia sowie seine Kinder Hannibal, Mohammed und Aisha aufgenommen. Das Beherbergen von Ghadhafis Familie wurde von der algerischen Regierung als rein humanitärer Akt bezeichnet. Trotzdem könnte sich das Verhalten der Regierung innenpolitisch langfristig negativ auswirken. Laut dem Blatt besteht durchaus die Möglichkeit, dass die momentane Situation unter der Bevölkerung den Wunsch nach einem Umbruch erneut aufflammen lässt.

«Ghadhafi ist nicht erwünscht»

Mit der Unterstützung der Ghadhafis habe Algerien zum einen versäumt, die Veränderungen in den Nachbarländern richtig einzustufen und sich zum anderen sozusagen auf der falschen Seite der Geschichte positioniert, meint der «Guardian». In den algerischen Medien und Blogs würden Präsident Bouteflika bereits als isolierten Dinosaurier beschrieben, welcher sich den Umsturz bisher nicht mit Reformen, sondern mit der Ausschüttung von Geldern aus der Ölkasse vom Hals hielt.

Skeptischer sieht Algerienkenner Alexander Gschwind die aktuelle Entwicklung. In der Sendung «Aktuell» von DRS4 sagte er, Algier habe betont, dass die aufgenommenen Mitglieder des Ghadhafi-Klans im Regime keine Rolle gespielt hätten. «Die algerische Regierung hat Muammar al-Ghadhafi zudem schon vor mehr als zwei Monaten klar gemacht, dass er nicht erwünscht ist,» meinte Gschwind weiter.

Bouteflikas schrumpfendes Regime

Die Schliessung der Grenzen sieht er als Zugeständnis an die Kritik des libyschen Übergangsrats – und als Zeichen dafür, dass man keine Lust habe, sich weitere Probleme aufzuhalsen. Gleichzeitig sehe Algerien aber auch die nationale Sicherheit in Gefahr, weshalb eine Revolte schwierig werden könnte: «Das Militär wird den Ton angeben, zumal Bouteflika sehr krank ist und kaum mehr als eine repräsentative Funktion an der Staatsspitze ausübt,» so Alexander Gschwind in der Sendung.

Ausgerechnet letzterer Punkt wird laut dem «Guardian» in der Entwicklung Algeriens aber die entscheidende Rolle spielen. Bouteflikas Regime habe in den vergangenen Jahren viele der tragenden Politpersönlichkeiten und militärische Hardliner verloren. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die jetzige Regierung schlicht nicht mehr handlungsfähig sei und das Land endgültig vor einem Umsturz stehe. Dann wird entscheidend sein, ob es die verschiedenen Gruppierungen im Gegensatz zum Januar 2011 schaffen, ihre Individualinteressen zur Seite zu legen und zusammen zu spannen.

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