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Auch heute wird weggeschaut

Die Weltgemeinschaft liess den Völkermord in Ruanda vor 25 Jahren mehr oder weniger tatenlos geschehen.

Über 800'000 Tote: Familienfotos von ermordeten Tutsi hängen zum 25. Gedenken beim Völkermord-Denkmal in Kigali. Foto: Keystone/AP
Über 800'000 Tote: Familienfotos von ermordeten Tutsi hängen zum 25. Gedenken beim Völkermord-Denkmal in Kigali. Foto: Keystone/AP

Vor 25 Jahren trafen zwei Raketen ein Flugzeug. In der Maschine sassen die Präsidenten von Ruanda und Burundi. Ihr Tod markiert den Beginn des Völkermordes in Ruanda, als Hutu-Milizen im Blutrausch mehr als eine halbe Million Tutsi massakrierten.

Der Genozid wurde mit Macheten und Pistolen begangen. Nachbarn kämpften gegen Nachbarn, Familien gegen Familien. Der Völkermord war nur durch die staatlich organisierte Entmenschlichung der Tutsi-Minderheit möglich, so wurden zum Beispiel im Radio Vernichtungslisten verlesen.

Der Westen und die ganze Weltgemeinschaft liessen dies alles mehr oder weniger tatenlos geschehen. Das lag auch an unterschiedlichen Interessen der ständigen Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats. In Ruanda versagte das Gewissen der UNO und ihrer Mitgliedsstaaten. Einer der verhängnisvollsten Fehler war der Beschluss des Sicherheitsrates vom Oktober 1993, nur eine kleine Friedensmission nach Ruanda zu entsenden. Sie war nicht geeignet einzugreifen.

Die USA waren nicht bereit für eine weitere Intervention in Afrika.

Berichte über anhaltende Menschenrechtsverletzungen in Ruanda fanden im Sicherheitsrat kaum Gehör. Die internationale Gemeinschaft versteckte sich hinter Euphemismen: Die US-Regierung vermied den Begriff Völkermord und sprach lieber von «Chaos». Erst ein Jahr zuvor waren bei einer humanitären Mission in Somalia 18 US-Soldaten getötet worden. Bilder ihrer geschändeten Leichen waren weltweit zu sehen gewesen. Die USA waren nicht bereit für eine weitere Intervention in Afrika. Frankreich stellte dem ruandischen Militär sogar Waffen und Soldaten. Erst 2010 räumte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy Fehler seines Landes ein.

Würde die UNO heute anders reagieren? Die Antwort ist nicht ermutigend. Westliche Regierungen haben den zermürbenden Missionen in Afghanistan, im Irak oder in Libyen Tribut gezollt und sich aus zahlreichen schwelenden Konflikten lange herausgehalten, etwa in der Zentralafrikanischen Republik, wo sich muslimische Rebellen und christliche Milizen bekriegen, oder in Syrien. Die Wähler im eigenen Land danken es ihnen. Draussen in der Welt wird weiter gestorben.

In Ruanda leben Tutsi und Hutu, Überlebende und ehemalige Mörder, heute Seite an Seite. Trotzdem bleibt Ruanda das grosse Fragezeichen hinter der neuen Doktrin des Westens, sich nicht einzumischen. Symbol für das Versagen der Weltgemeinschaft bleibt die Warnung des kanadischen Generalmajors Roméo Dallaire, Befehlshaber der Hilfsmission in Ruanda. Im Januar 1994 – fast drei Monate vor Beginn des Völkermords – schickte er ein Telegramm an die UNO. Darin drängte er seine Vorgesetzten zum Handeln. Leider gab es damals keinen Willen. 25 Jahre später hat sich daran kaum etwas geändert.

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