Terrorchef al-Zawahiri verstösst Elitetruppe

Hintergrund

Im Mutterhaus des islamistischen Terrors kommt es zum Zerwürfnis. Im Zentrum steht die kampfstärkste Truppe Isis.

Die Rebellen in Syrien bekämpfen sich längst untereinander: Isis-Kämpfer in der syrischen Stadt Raqqa.

Die Rebellen in Syrien bekämpfen sich längst untereinander: Isis-Kämpfer in der syrischen Stadt Raqqa.

(Bild: Keystone)

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Für die al-Qaida war der Konflikt in Syrien bisher eine Erfolgsgeschichte: ein Bürgerkrieg, in dem eine Armee gegen ein Sammelsurium aus radikalislamischen Milizen kämpft. Dazu kommen offene Grenzen zu vier Nachbarstaaten, also ein ungehinderter Zugang für ausländische Jihadisten: Araber, Europäer, Kaukasier oder Asiaten. Allein über die unkontrollierte Grenze zum Irak konnten Tausende Al-Qaida-Kämpfer einsickern. Dennoch kriselt es im Terrornetzwerk: Wegen der Eigenmächtigkeiten des kampfstärksten Verbands in Syrien hat die al-Qaida diesen aus dem Mutterhaus des radikalislamischen Terrors verstossen: «Isis gehört nicht zur al-Qaida», erklärte die Organisation. Der Versuch einer Versöhnung scheiterte an einem Selbstmordattentat der Isis bei Aleppo.

Dem Terrornetzwerk nahestehende Gruppen wie die Al-Nusra-Front oder eben der Islamische Staat im Irak und Grosssyrien (Isis), die in Syrien an vorderster Front stehen, waren immer als Al-Qaida-Ableger bekannt. Dank der Jihad-Erfahrung ihrer Kämpfer sind sie auf dem Schlachtfeld besonders erfolgreich. Warum Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri, der Nachfolger des 2011 getöteten Gründers Osama Bin Laden, sich nun ausgerechnet von Isis trennt, ist unklar. Mit der Kontrolle über ganze Landstriche vor allem im Nordosten Syriens hatte die Gruppe Kleinstemirate in Dörfern und Städtchen errichten können.

Für Brutalität bekannt

Zawahiri scheint die notorische Eigenmächtigkeit von Isis-Chef Abu Bakr al-Baghdadi als so bedrohlich empfunden zu haben, dass er sich nun von dieser Organisation lossagt. Der Streit zwischen dem Isis-Führer, einem Iraker, und dem Ägypter Zawahiri schwelte schon länger. Baghdadi war mit seinen Kämpfern gegen den Willen der Al-Qaida-Führung aus dem Irak nach Syrien gegangen. Für Zawahiri war die kleinere Al-Nusra-Front der offizielle syrische Arm des Terrornetzwerks.

Die Isis-Kämpfer sind für ihre Brutalität bekannt. Das Köpfen von Gefangenen zählt dazu, aber auch Kämpfe gegen weniger radikale syrische Milizen. Oft geht es dabei um den Zugang zu Waffen. Die Rebellen bekriegen sich längst untereinander, was dem Al-Qaida-Image vom uneigennützigen Heiligen Krieg schadet. Ebenso gegen Zawahiris Willen hat Baghdadi begonnen, den Untergrundkrieg zurück in den Irak zu tragen: Die Zahl der Al-Qaida-Angriffe ist dort in den vergangenen Monaten drastisch gestiegen. In der von Sunniten bewohnten Provinz Anbar kämpft die irakische Armee derzeit gegen Al-Qaida-Milizionäre, die Teile der Städte Ramadi und Falluj kontrollieren.

Möglicherweise geht es um mehr als den Führungsanspruch in der noch immer bekanntesten islamischen Terrorgruppe. Isis droht, der Marke al-Qaida den Rang im internationalen Jihad-Geschäft abzulaufen – schliesslich sind damit Geldquellen und der Zulauf an Kämpfern verbunden. Aussenstehende behaupten, Isis sei eine Schöpfung des Assad-Regimes, um den bewaffneten Widerstand der syrischen Opposition zu schwächen.

Gefängnisse geöffnet

«Assad hat die Gefängnisse geöffnet, viele bekannte Islamisten freigelassen. Erst danach trat die Gruppe in Erscheinung», erklärte ein führender libanesischer Politiker gegenüber dem TA. Ihm fällt auf, dass sich die verheerenden Luftangriffe des Regimes nicht gegen die Isis-Hochburgen richten. Andere Beobachter berichten von einem Ölgeschäft der Al-Qaida-Truppe mit dem Regime: Isis habe das Assad-Regime mit Öl versorgt, das aus einem von der Jihadisten-Gruppe kontrollierten Ölfeld in Syrien stamme.

Auch ohne den Segen des obersten Al-Qaida-Chefs wird Isis in Syrien und im Irak bleiben. Dank der offenen Grenze kann sich die Gruppe in zwei Staaten bewegen. Zawahiri hingegen versteckt sich wahrscheinlich, wie seinerzeit Bin Laden, irgendwo in Pakistan. Er hat nur begrenzten Einfluss auf das, was in Syrien geschieht. Der Ägypter tritt nur noch im Internet auf. Er hat möglicherweise im internationalen Terrorgeschäft inzwischen weit weniger zu sagen, als er mit seinen Videobotschaften glauben machen will.

Mit dem Zerwürfnis zwischen der al-Qaida und Isis wird die militante Islamistenszene in Syrien noch unübersichtlicher. Unklar ist, wer wen finanziert. Der Krieg ist längst kein syrischer mehr – ausländische Mächte, die den Kampf gegen das Regime von Bashar al-Assad unterstützen, bewaffnen und bezahlen die Militanten ebenso wie gemässigte syrische Milizen, solange es Assad schadet.

Die Al-Nusra-Front steht angeblich auf der Liste Saudiarabiens, was Geld und Waffen angeht. Zu den Financiers von Isis soll das für seine eigenwillige Aussenpolitik bekannte Golf-Emirat Katar zählen. Beide Staaten treten als Anführer der internationalen Anti-Assad-Front auf, streiten aber untereinander um die Regie. Die Türkei ihrerseits stützt die als halbwegs säkular geltende Freie Syrische Armee (FSA). Vor wenigen Tagen beschossen türkische Soldaten einen Isis-Konvoi: Angeblich hatten die Militanten die türkischen Truppen über die Grenze hinweg angegriffen.

Angst vor zweitem Afghanistan

So oder so verstärkt sich der Eindruck, dass in der bewaffneten Opposition gegen das Assad-Regime Gruppen wie die al-Qaida das Sagen haben. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass die internationale Gemeinschaft nicht interveniert. Alle fürchten ein zweites Afghanistan, ein Land am Mittelmeer, über das radikale, militante Islamisten herrschen. In Wahrheit ist die Islamistenszene in Syrien vielfältiger, wie eine Analyse der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zeigt: «Obwohl die Politik und die Medien al-Qaidas Rolle betonen, gehen die meisten Schätzungen von nur einigen Tausend al-Qaida-nahen Kämpfern aus, während die anderen bewaffneten Gruppen einige Zehntausend Mitglieder haben», heisst es in der Studie «Islamisten, Religion und die Revolution». Die Uneinigkeit der moderaten Gruppen verstärke die vermeintliche Dominanz der al-Qaida.

Die FES-Studie aus Jordanien weist darauf hin, dass die meisten salafistischen Gruppen in Syrien eine lokale Agenda hätten. Sie sähen sich nicht als Teil des internationalen Jihad, zu dem die al-Qaida aufrufe: «Es wäre falsch, den gesamten islamistischen Diskurs unter einem einzigen politischen Label abzulegen.» Unbeachtet bleibe, dass der Sufismus in Syrien Tradition habe. Während die meisten Sufi-Organisationen sich vor Beginn des Aufstands 2011 mit dem Regime arrangiert hätten, stünden Teile der als moderat bekannten Sufis inzwischen aufseiten der Opposition. Auch die Muslimbruderschaft Syriens, die vom Assad-Staat brutal unterdrückt wurde, stimme nicht mit der al-Qaida überein und spiele eine politische Rolle. Der Autor meint, dass sich die Gleichgewichte im islamistischen Lager nach einem Sieg über das Assad-Regime verschieben könnten – zum Nachteil der al-Qaida.

Tages-Anzeiger

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