Stürzen Twitter, Facebook und Mobiltelefone Mubarak?

Hintergrund

Ob Iran, Tunesien oder Ägypten: Moderne Protestbewegungen mobilisieren die Massen mit Facebook, Twitter und SMS. Kein Wunder, dass Mubaraks Regime die Internet- und Mobiltelefonnetze stillgelegt hat.

Das Volk als Berichterstatter: Eine Zusammenstellung von Fotos des ägyptischen Volksaufstandes. Die Fotos stammen von Demonstranten (Quellen: Twitter.com/Twitpic.com, Flickr.com). Die Tonspur wurde einem Video entnommen, das an einer Demonstration am 28. Januar am Galea Platz in Kairo aufgenommen wurde (Quelle: Vimeo.com). (Schnitt: Jan Derrer)
Jan Derrer@JanDerrer

Ganz erfolgreich ist Mubaraks Kampf gegen das Internet nicht. Twitter, Facebook, Youtube, Video, Blogs oder das Fotoportal Flickr - die ägyptische Protestbewegung ist überall. Es gelangen minütlich neue Meldungen, Fotos und Videos online und vermitteln ein Bild der Lage. Viele berichten über selbst Erlebtes, andere verlinken auf Fernsehsender wie al-Jazeera und BBC oder verweisen auf Blogger und Twitterer.

Die Meldungen auf den diversen «Social Media»-Plattformen vermitteln nahezu in Echtzeit einen guten Eindruck über die Protestbewegung. Aus den Twittermeldungen von «Sarah Carr» und den Blogeinträgen von «Mona Sosh» erschliessen sich zum Beispiel die Euphorie, Hoffnung und Atemlosigkeit einer jungen, gebildeten Generation, die endlich in Freiheit und mit Perspektiven leben will. Wenn «Sarah Carr» in kurzen Sätzen von ihren Erlebnissen in den Strassen Kairos berichtet gibt sie einem das Gefühl, neben ihr durch die Protestmassen zu gehen. Unzählige Handyfotos dokumentieren friedliche Protestmärsche, Polizeigewalt und Zerstörungen.

Die Mauer stürzte ohne Internet

So lange es dem Regime nicht gelingt, alle Internetverbindungen zu unterbrechen, werden weiterhin Tausende von Meldungen an die Öffentlichkeit dringen. Denn jeder, der einen Computer oder ein Mobiltelefon hat, ist ein potentieller Berichterstatter. Die riesige Menge an Informationen droht jedoch schnell, die Leser zu überfordern. Sich wirklich ein Bild zu machen braucht viel Zeit. Die Quellen sind nur schwer oder gar nicht zu überprüfen. Sind die Informationen vertrauenswürdig? Handelt es sich allenfalls um Desinformation?

Bei aller Begeisterung für «Social Media» ist nüchtern festzustellen, dass Volksbewegungen nicht wegen oder trotz Internet und Mobiltelefonen erfolgreich sind. In der DDR zum Beispiel organisierten sich die Demonstranten ohne Internet und Mobiltelefon. Und zwar sehr erfolgreich, wie der Fall der Mauer zeigte. Auf den Philippinen organisierten sich 2001 die Protestierenden mit Hilfe von SMS. Der damalige Präsidenten Joseph Estrada trat nach mehrtägigen Demonstrationen zurück. Die Iraner setzten bei ihren Protesten gegen das klerikale Regime auf soziale Medien und Mobiltelefone. Die Volksbewegung wurde jedoch blutig unterdrückt.

Entscheidend ist das Militär

Ob der Aufstand der Ägypter erfolgreich ist oder nicht, hängt nur unwesentlich davon ab, dass Internet und Mobiltelefonnetz lahmgelegt sind. Viel wichtiger ist, ob sich das Militär hinter oder gegen das Volk stellt. Denn das Beispiel Iran zeigt leider, dass rohe Gewalt zivile Proteste gnadenlos bekämpfen kann.

baz.ch/Newsnet

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