Ist der Goldrausch bald vorbei?

Der Goldrausch geht ins zehnte Jahr, doch die Flucht ins Gold verlangsamt sich. Der Markt ist nervös.

Schön gestapelt, bereit für den möglihen Transport: Die Zürcher Kantonalbank hortet über 2600 Tonnen Edelmetall.

Schön gestapelt, bereit für den möglihen Transport: Die Zürcher Kantonalbank hortet über 2600 Tonnen Edelmetall.

(Bild: Thomas Burla)

Andreas Flütsch@tagesanzeiger

Die Meldung der Zürcher Kantonalbank war dürr, ihr Inhalt umso eindrücklicher. Die Zürcher Staatsbank hütet für ihre Kunden einen Schatz aus edlen Metallen, dessen Wert auf über 10 Milliarden Franken angewachsen ist. In Tresoren unter der Zürcher Bahnhofstrasse und in Olten lagern 184 Tonnen Gold, 2410 Tonnen Silber, 14 Tonnen Palladium und 9,6 Tonnen Platin. Europaweit liegt nur in London ein noch grösserer Goldschatz, was zeigt, wie bedeutend die ZKB in dem Geschäft geworden ist.

Über 2000 Tonnen im Umlauf

Verantwortlich für diese Anhäufung ist die explodierende Nachfrage nach Edelmetall-Fonds, die im Fachjargon Exchange Traded Funds (ETF) genannt werden. Diese Wertpapiere werden an Investoren verkauft, die sich gegen Finanzkrise und Staatsverschuldung, gegen Währungsschwäche und Inflation absichern wollen.

Allein seit Anfang Jahr haben ZKB-Kunden für 2 Milliarden Franken Edelmetall-ETF gekauft. Die Bank Julius Bär, die zweite grosse Schweizer Anbieterin solcher ETF, hat einen Bestand von 314 Tonnen Silber und 87 Tonnen Gold – im Wert von knapp 4 Milliarden Franken. Weltweit sind derzeit ETF-Titel für über 2000 Tonnen Gold im Umlauf.

Schweizer ETF voll gedeckt

Das Einmalige an Schweizer ETF ist, dass sie zu 100 Prozent gedeckt sind: Für jeden verkauften ETF muss die Bank den Gegenwert im gewünschten Edelmetall in ihren Tresor legen. Geht die Bank pleite, können Investoren sich «ihr» Gold, Silber, Platin oder Palladium aushändigen lassen. Bei vielen Gold-Fonds im Ausland sei «nicht so klar, wie weit die Anteile mit Edelmetall gedeckt sind», sagt Stephan Müller von Swiss & Global Asset Management, welche die Fonds von Julius Bär exklusiv managt. Die voll gedeckten Schweizer ETF dagegen gäben den Investoren «den guten, alten Goldstandard zurück».

Die Nachfrage sei immer noch rege, versichern die beiden Banken. Das anfänglich stürmische Mengenwachstum ist jedoch flacher geworden. Die ZKB, die den Markt 2006 geschaffen hat, setzte in den letzten 12 Monaten nur 33 Tonnen ETF-Gold ab – trotz Griechenland- und Eurokrise, welche die Flucht ins Gold anheizten. In den 12 Monaten wuchs die ETF-Goldmenge der ZKB mit 90 Tonnen fast dreimal so stark. Julius Bär setzte seit letztem Herbst 21 Tonnen Gold ab. In der Vorjahresperiode waren es 64 Tonnen – also dreimal so viel.

Wie nervös der Goldmarkt ist, zeigte sich am Freitag. An einem Tag musste der US-Fonds Spider Gold Shares 13,34 Tonnen Gold verkaufen, weil Anleger massiv Gelder abzogen. Als Auslöser reichte aus, dass der Goldpreis gut ein Prozent eingebrochen war.

Grosse Sprünge möglich

Der Goldrausch geht ins zehnte Jahr. Er brach nach dem Terrorangriff vom 11. September auf die Zwillingstürme des World Trade Center in New York aus. «Das Gold-Rally ist schon weit fortgeschritten, viel Unsicherheit ist beim Gold bereits eingepreist», warnt Susanne Toren, Edelmetall-Spezialistin bei der ZKB. Der Preis für eine Unze Gold (31,1?Gramm) kletterte diese Woche auf einen Höchstwert von 1364 Dollar.

Der imposante Goldpreis in Dollar ist indes auch ein Ausdruck der Schwäche der US-Währung, sagt Toren: «Der Goldpreis hat sich seit 2001 in Dollar mehr als verfünffacht.» In starken Schweizer Franken ist die Entwicklung mit einer Verdreifachung nicht ganz so imposant. In Franken gerechnet brach der Goldpreis diesen Sommer zeitweise gar ein. Ist die Luft also raus? «Wir rechnen, dass der Goldpreis in Franken sich in den nächsten zwölf Monaten eher seitwärts bewegt», sagt Goldspezialistin Toren.

Wichtige Absicherung

Wenn aber der laufende Abwertungswettbewerb der Währungen sich verschärfe oder die Staatsverschuldung zu einer neuen Krise führe, könne das Gold durchaus wieder «grosse Sprünge machen». So wie im letzten Jahrhundert im Gold-Rally der Dreissigerjahre. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese düsteren Szenarien eintreffen, schätzt die ZKB nicht als hoch ein. «Die Erwartungen an weitere Preissteigerungen sollte man entsprechend dämpfen», sagt Toren.

Die Absicherung des Währungsrisikos wird aber immer wichtiger. «Unsere Fonds schalten Währungsrisiken, etwa bei Dollar und Euro, über Absicherungsgeschäfte aus», sagt Goldspezialist Stephan Müller von Swiss & Global. Wer Gold ohne Absicherung gekauft habe, habe in den letzten Monaten, je nach Währung, herbe Ertragseinbussen oder gar Verluste hinnehmen müssen.

Jede Hausse ist einmal zu Ende

Was hoch fliegt, kommt irgendwann wieder runter. «Die Anleger müssen sich bewusst sein, dass jede Hausse einmal zu Ende geht – das gilt auch für die Goldhausse», sagt eine Sprecherin der ZKB. Die Zürcher Staatsbank stellt sich darauf ein, dass das Gold irgendwann einmal wieder aus den Tresoren verschwinden wird. Die lange Zeit in grossen Haufen gelagerten Goldbarren werden «fein säuberlich auf Paletten geschichtet», damit sie rasch abtransportiert werden können, wenn die Anleger aussteigen und ihre ETF-Anteile zu Geld machen.

Tages-Anzeiger

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