Öcalans Scharfschützinnen

Hintergrund

Der Bürgerkrieg in Syrien hat die jungen Kurdinnen und Kurden radikalisiert. Tausende kämpfen im Norden des Landes gegen die al-Qaida und für ein freies Kurdistan.

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Ein Optimist hat bereits eine Starbucks-Filiale eröffnet. Grün strahlt das runde Logo durch die schwarze Nacht, die das Städtchen verschluckt hat. Grün wie die Hoffnung. Da macht es auch nichts, dass es sich um eine Kopie handelt, wie sich bei genauerem Hinsehen zeigt: In dem leuchtenden Kreis steht nicht Starbucks, sondern Show Café. Chic ist es allemal: Der Marmorboden glänzt, die Stühle sind mit Leder bezogen, der Espresso kostet so viel wie fünf Sandwichs in der Imbissbude. Drinnen langweilt sich ein Wasserpfeifen-Boy in einem 1001-Nacht-Kostüm. Draussen brummen die Generatoren und liefern in den matschigen Strassen den Soundtrack der Belagerung.

Afrin, eine kurdische Stadt nördlich von Aleppo, ist umgeben von Dörfern in endlosen Olivenhainen. Und von Feinden. Weiter im Norden, an der türkischen Grenze, tröpfelt es wie eine Infusion durch die Lücken im Stacheldraht. Ausgerechnet den Türken sind die Kurden hier ausgeliefert: Die Grenzpolizisten drücken beide Augen zu, wenn Brot, Medikamente und Journalisten nach Syrien kommen und Flüchtlinge hinausgehen.

Hinter einem Schnauz

Unten im Süden hocken die Islamisten. Die beiden syrischen Al-Qaida-Ableger, der «Islamische Staat im Irak und der Levante» und die Jabhat al-Nusra blockieren die Wege nach Aleppo und Idlib. Wer Diesel aus dem Süden durch die Al-Qaida-Stellungen schmuggelt, riskiert seinen Kopf. Ohne Diesel für Generatoren und Öfen aber bleibt es dunkel und kalt. Strom kommt schon lange nicht mehr durch die Leitungen aus Aleppo. Einst kostete ein Liter Diesel in Syrien umgerechnet sieben Rappen, heute zahlt man in Afrin zwei Franken. Für manche ist der Krieg das grosse Geschäft, für die meisten reicht es gerade so zum Leben. Immerhin. Auch wenn es am Tag nur noch eine warme Mahlzeit gibt – Afrin ist in Syrien ein lebenswerter Ort.

Hier fallen keine Bomben und schlagen keine Raketen ein. Hier gibt es keine Gotteskrieger, die einen schächten, bloss weil man Christ, Alawit oder eben Kurde ist. Hier, im äussersten Zipfel Syriens, 50 Kilometer nordwestlich von Aleppo, gibt es noch Hoffnung. Und die ist hier nicht starbucksgrün. Die Hoffnung weht grün-gelb-rot im bissigen Wind. Auf dem Polizeihauptquartier, dem Spital und der Bäckerei, ebenso wie an den Checkpoints der Miliz, die immer häufiger werden, je weiter man rausfährt. Trikolor flattert die Hoffnung, und wo die Fahne der Partiya Yekitîya Demokrat weht, ist Serok Apo, Abdullah Öcalan, nicht weit. Wo früher die Konterfeis des Assad-Clans hingen, lächelt nun der inhaftierte Chef der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) hinter seinem Schnauz hervor.

Die Partiya Yekitîya Demokrat ist die syrische Schwester der türkischen PKK. Im Westen steht die PKK auf der Terrorliste, in Afrin und den anderen Kurdengebieten im Norden Syriens sichert sie den relativen Frieden. Als der Krieg ausbrach, kamen Kader und Kämpfer aus den irakischen Kandil-Bergen herunter, dem Rückzugsgebiet im jahrzehntelangen Kampf gegen den türkischen Staat. Rasch wurde eine kurdische Miliz in Syrien aufgebaut: Ende Sommer 2012 war Assad in den drei kurdischen Hauptsiedlungsgebieten Geschichte. Dank ihrer militärischen Überlegenheit, sagt die PKK. Wegen eines Kuhhandels, den die Kurden mit dem Regime eingegangen seien, sagen die arabischen Rebellen. Viele glauben, dass die PKK jahrzehntelang mit den syrischen Geheimdiensten zusammenarbeitete. Für Assad war sie ein Pfand, das er aussenpolitisch ausspielen konnte.

Bewaffnetes Misstrauen also zwischen der PKK und den Rebellen, die gegen Assad kämpfen. Die al-Qaida stellt sich in diesem Konflikt auf keine Seite, sie verfolgt ihre ganz eigenen Ziele. Ebenfalls mit Gewalt. Weil die Gotteskrieger im Nordwesten Syriens erstarkt sind in den letzten Monaten, herrscht jetzt Krieg in der Nachbarschaft von Afrin.

Die Kurden sind für die Fundamentalisten Ungläubige, die sich lieber einen Stalin-Schnauz als einen Bart wachsen lassen. Bei denen die Frauen ohne Kopftuch und mit Zigarette rausgehen und zu Hause den Tee nicht nur servieren, sondern sich dazusetzen. Das Kalifat und die Kurden, das verträgt sich schlecht.

Aus Deutschland zurückgekehrt

«Unsere Frauen sind die besseren Scharfschützen», sagt Shakur Sheik. «Sie haben eine ruhige Hand und viel Geduld.» Und das Beste: «Die Islamisten glauben, dass nicht in den Himmel kommt, wer von einer Frau getötet wird.» Shakur spricht ein Deutsch, wie man es in deutschen Fabrikhallen hört. Nach 15 Jahren in Saarbrücken ist er nach Syrien zurückgekehrt: «Ich kann nicht in Deutschland sitzen, während meine Heimat im Krieg versinkt.» Seine Mutter lebt hier, etwas ausserhalb von Afrin, nahe der Front mit den Islamisten.

Jetzt verbringt Shakur seine Tage im Polizeihauptquartier von Afrin, und die Nächte oft auch. Auf seinem Schreibtisch liegen Funkgeräte und die Schlüssel zu den Pick-ups, mit denen seine Polizisten patrouillieren. Shakur ist ein kleiner Mann, kaum grösser als eins sechzig. Auch er trägt einen Schnauz im hochroten Gesicht. Shakur ist ein fröhlicher Mensch, das ändern auch die Pistole in seinem Hosenbund und die AK-47 in seinem Kofferraum nicht.

Aber bei Al-Qaida-Kämpfern hört der Spass für ihn auf. Wenn die PKK-Miliz welche gefangen nimmt an der Front, werden sie zu Shakur gebracht. Neulich verhörte er einen jungen Mann aus Tunesien. «Der weinte die ganze Zeit», erzählt Shakur. «Der hatte Angst und konnte mir nicht in die Augen sehen. Gebettelt und gefleht hat der.» Er sei verwirrt gewesen, als er sich der al-Qaida angeschlossen habe. Er wolle zurück nach Hause. «Das geht doch nicht», sagt Shakur. «Dann steht der zwei Tage später wieder hier und schiesst auf unsere Leute.» Was hat er mit dem Islamisten gemacht? Vielleicht hat Shakur die Frage wirklich nicht verstanden. Er wendet sich bereits dem nächsten Bittsteller zu.

Die PKK ist nicht nur das Assad-Regime losgeworden. Auch viele Kurden, die mit Öcalans Ideologie der hierarchielosen kommunalen Selbstverwaltung und der Überwindung des Staates nicht einverstanden sind, mussten gehen. Das ist der Preis für die relative Ruhe in einem Land, das im Blut ertrinkt. Viele Kurden, aber auch Araber, sind aus Aleppo, Idlib oder gar Damaskus hierher geflohen. Die Stadt und ihr Umland zählten einst gut 400 000 Einwohner, heute sollen es mindestens doppelt so viele sein. Doch auch im Auge des Orkans fordert der Krieg seinen Blutzoll.

1007 Kriegsverletzte

Doktor Azad Sabri verteilt grüne Häubchen, die über Haare und Schuhe gezogen werden. Dann führt er durch sein improvisiertes Reich, das derzeit eines der am besten funktionierenden Spitäler Syriens sein dürfte. 80 Ärzte arbeiten in dem zweistöckigen Blockbau. Es gibt drei Operationssäle, ein Labor zur Blutanalyse und eine Intensivstation.

Der Doktor führt genau Buch: 1007 Kriegsverletzte wurden in den letzten zwölf Monaten hier operiert, Zivilisten und Kämpfer. Alles schwere Fälle, «die leichten Verletzungen zählen wir gar nicht». Auch Verwundete der Gegenseite waren darunter. «Über 200 Kämpfer der Freien Syrischen Armee und 7 Jihadisten», so Sabri. «Aber jetzt gerade sind keine da.» Wenn sie genesen sind, nimmt sich die PKK ihrer an und tauscht sie gegen gefangene Kurden ein.

Sabri ist einer von fünf Ärzten, die das Spital in Afrin leiten. Früher war es ein staatliches Krankenhaus, heute garantiert die PKK den Betrieb. 35 Millionen syrische Pfund, rund 220'000 Franken, hat die Partei laut Sabri eingeschossen. Ohne die PKK, die straff organisiert und bei einem Teil der Bevölkerung tief verankert ist, wäre zu Beginn des Bürgerkriegs wenig möglich gewesen.

Und jetzt geht erst recht nichts mehr ohne sie. Ihr Gewaltmonopol reicht von der Front bis in die Operationssäle. «Früher war in Afrin fast die Hälfte der Jugendlichen drogensüchtig», sagt Doktor Sabri. Assads Polizisten hätten konfiszierte Drogen jeweils wieder verkauft, «um sich etwas dazuzuverdienen und um die kurdische Jugend zu verderben.» Die PKK habe sich um diese jungen Leute gekümmert. Statt ins Gefängnis kamen sie in Trainingslager. «Etwa ein Viertel der Milizionäre sind ehemalige Drogensüchtige», behauptet der Arzt.Auch sonst kümmert sich die PKK um die Jugend, die unter der Diktatur der nationalistischen Baath-Partei aufgewachsen ist. In der Öffentlichkeit Kurdisch zu sprechen, reichte, um ins Gefängnis zu kommen. Fast wäre die Unterdrückungspolitik der Assads erfolgreich gewesen. Noch eine Generation vielleicht, und Syriens Kurden hätten ihre Sprache, ihre Geschichten und die Art, die Welt zu sehen, verloren.

Kämpfer werden geformt

«Klar ist die geladen», sagt Walat. Ihre dunklen Augen funkeln, sie wirft ihren Zopf über die Schulter nach hinten und streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Dann nimmt sie das gebogene Magazin aus ihrer AK-47 und zeigt die Patronen. In dem Taschengurt, den sie über ihrer Tarnjacke trägt, stecken weitere Magazine. «Das hier ist kein Spiel», sagt sie mit gedämpfter Stimme.

Bis vor zwei Jahren war Walat ein Teenager in Aleppo, nichts weiter. Sie ging zur Schule, tratschte mit ihren Freundinnen über die Jungs in der Strasse, die besten Jeans und die neusten arabischen Schnulzen. «Damals konnte ich nicht einmal richtig Kurdisch sprechen», erinnert sie sich. «Ich war weit entfernt von meinem Volk.»Jetzt ist alles anders. Walat ist kein Mädchen mehr, sie ist eine Kriegerin. Als Ende Juli die Schlacht von Aleppo begann, war Walat bereits in Afrin, dem Stammland vieler Familien, die in Aleppos Kurdenvierteln lebten. In Afrin lernte Walat rasch, Kurdisch zu sprechen und zu fühlen. In Kursen der PKK erfuhr sie alles über den Kampf, den ihr Volk seit langem führt, und über die Ideologie von Serok Apo. Vor einem Jahr schloss sie sich der Miliz an, wie Tausende andere. Walat sagt, sie sei 19. Damit gehört sie nicht einmal zu den Jüngsten.

Walat kann die AK-47 blind auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Sie ist Fahrerin eines Pick-ups mit aufmontiertem Maschinengewehr. Sie kämpft an der Front und hat Genossinnen sterben sehen. Auf der anderen Seite liegen arabische Jugendliche hinter den Sandsäcken. Der Krieg hat vieles zerstört und radikale alte Ideologien einer neuen Generation eingeimpft. Die einen sterben für Apo und das kurdische Volk. Die anderen für Allah und das Kalifat.

Kult um die Märtyrer

Im Zentrum Afrins steht das Haus der Märtyrer. Alte Frauen, eingewickelt in dicke Wollmäntel, drängen sich um einen rauchenden Holzofen. Sie sind die Mütter der Gefallenen. Eine von ihnen führt durch den weiten, kalten Raum, an dessen Wänden Hunderte Porträts hängen.

Es ist kein trauriger Ort. «Wir bereuen nichts», sagt die alte Frau laut, «wir werden noch viele Söhne und Töchter für die Freiheit opfern.» Ihr Sohn ist einer von rund 600, die im Kampf gegen die Türken in den letzten 40 Jahren gefallen sind. Seit die PKK in Syrien kämpft, hat sie 137 neue Bilder aufgehängt. Bilder von jungen Männern und Frauen wie Walat. Ein Märtyrer ist einer, der nicht vergebens stirbt. Dessen Tod Hoffnung macht. «Ich bin bereit, für mein Volk zu sterben», hat sie gesagt. Die Kriegerin, die vor zwei Jahren noch ein Mädchen war. Nichts weiter.

Tages-Anzeiger

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