«Jeder Schwarze ist ein Zielobjekt»

Zahlreiche Ausländer fühlen sich in Libyen schweren Vorurteilen der ehemaligen Rebellen ausgesetzt. Darunter sind Europäer und Asiaten, aber vor allem Dunkelhäutige.

Ghadhafi hatte ausländische Söldner angeheuert: In Libyen lebende Ukrainer werden verdächtigt und auf einer Militärbasis in Tripolis festgehalten. (3. September 2011)

Ghadhafi hatte ausländische Söldner angeheuert: In Libyen lebende Ukrainer werden verdächtigt und auf einer Militärbasis in Tripolis festgehalten. (3. September 2011)

(Bild: Keystone)

Der langjährige Machthaber Muammar al-Ghadhafi hatte einige Ausländer als Söldner angeheuert, was jetzt vielen Nicht-Libyern zum Verhängnis wird. Den früheren Rebellen besonders suspekt sind dunkelhäutige Menschen, da al-Ghadhafi bekanntermassen Soldaten aus Staaten südlich der Sahara rekrutierte.

«Jeder Schwarze ist ein Zielobjekt», sagte ein Lehrer aus Ghana, Tony Biney. Er blieb zwei Wochen lang mit seiner Frau zu Hause, ehe er eine Fahrt zur Kirche wagte. Seit die ehemaligen Aufständischen die libysche Hauptstadt Tripolis vergangenen Monat unter ihre Kontrolle brachten, hat es nach Angaben von Human Rights Watch verbreitet Festnahmen und Misshandlungen von Migrantenarbeitern gegeben. Das rigorose Vorgehen der Rebellen habe zu einem «massiven Angstgefühl unter der afrikanischen Bevölkerung der Stadt» geführt, erklärte die Menschenrechtsorganisation.

Gefangenenlager

Nach Schätzungen eines ehemaligen Rebellen wurden seit der Einnahme von Tripolis bis Anfang September rund 5000 Menschen festgenommen. In einem provisorischen Gefangenenlager seien die Bedingungen für libysche Häftlinge zwar akzeptabel, berichtete Human Rights Watch. Personen aus Staaten südlich der Sahara würden jedoch in überfüllten Zellen mit strengem Geruch festgehalten. Die Gefangenen hätten über Wassermangel und schlechte Hygiene geklagt.

Die Festnahmen sind ein Imageproblem für die neue libysche Führung, die stark auf westliche Unterstützung angewiesen ist und versprochen hat, ein neues Libyen auf Grundlage eines Rechtsstaats aufzubauen.

Ausländische Arbeiter kamen wegen hoher Löhne nach Libyen

Vor dem Bürgerkrieg in Libyen hatten hunderttausende Ausländer dort Stellen gefüllt, die Einheimische nicht wollten oder für die sie nicht die nötige Ausbildung hatten. Nach Schätzungen arbeiteten mindestens 1,5 Millionen Ausländer in Libyen, einem Land mit gerade einmal sechs Millionen Einwohnern.

Bei den Arbeitern handelt es sich vor allem um Afrikaner, Asiaten und Osteuropäer, die durch die relativ hohen Löhne in Libyen angelockt wurden. Hunderttausende von ihnen flohen aus dem Land, nachdem die Kämpfe im Februar ausgebrochen waren. Einige waren jedoch nicht dazu in der Lage oder bereit, das Land zu verlassen.

Der ukrainische Koch Maksim Schadrow wurde zusammen mit seiner Frau und 17 weiteren Ukrainern in einem Ausbildungszentrum für Ölarbeiter in Tripolis festgehalten. Sie wurden mehrere Tage wegen unbestätigter Vorwürfe festgehalten, die seien in Wahrheit Scharfschützen Ghadhafis.

«Sie nahmen uns alles»

Das Leben in der Ukraine sei schlecht, sagte Schadrow. «Wir kamen hierher, um Geld für unsere Familie zu verdienen.» Die Ukrainer waren von der russisch-libyschen Ölfirma Dakara eingestellt worden und im Juli in Tripolis eingetroffen. Nachdem die ehemaligen Rebellen am 21. August in die Hauptstadt eingerückt waren, seien die Ukrainer von Rebellenkämpfern festgenommen, in Handschellen gelegt und an verschiedene Orte gebracht worden, sagte der Koch. «Sie nahmen uns alles. Geld, Pässe, Computer, alles.»

Der für das Ausbildungszentrum, in dem die Ukrainer festgehalten wurden, zuständige Rebellenkommandeur Othman bin Othman räumte ein, dass keine Waffen bei den Ausländern oder in deren Häusern gefunden worden seien. Die Ukrainer seien aber illegal und zu einer besonders heiklen Zeit – nach dem Krieg – im Land eingetroffen. Dies habe die ehemaligen Rebellen zur Annahme veranlasst, die Ukrainer arbeiteten «für den Feind», sagte Othman.

Gärtner wurde Söldner

Einige der wahren Ghadhafi-Söldner halten sich inzwischen nicht mehr in Libyen auf. Der Migrantenarbeiter Mohamed aus Mali sagte, er sei 2007 nach Libyen gekommen und habe Arbeit in Restaurants und als Gärtner gefunden.

Er habe sich nach dem Beginn des Aufstands kurzzeitig einer Ghadhafi-Miliz angeschlossen und sei in die Hafenstadt Misrata entsandt worden, um dort gegen Rebellen zu kämpfen. Er hörte nach ein paar Wochen mit dem Kämpfen auf und kehrte nach Mali zurück, wie Mohamed, der seinen Nachnamen nicht nennen wollte, sagte.

Hadeel Al-Shalchi und Karin Laub, AP

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