«Israel bekommt von Deutschland alles Militärgerät, das es fordert»

Interview

Israel erhielt von Deutschland sechs U-Boote, die atomar bestückt werden können. Nahostexperte Guido Steinberg über die neue Militärtaktik Israels, die Rolle Deutschlands und den brisanten Zeitpunkt der Enthüllung.

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Herr Steinberg, wofür braucht Israel atomar bewaffnete U-Boote? Der Sinn dieses Kaufs liegt primär darin, die eigene atomare Abschreckung beweglich zu gestalten. Jeder Gegner muss nun mit einem Gegenschlag rechnen, auch wenn er landgestützte Waffensysteme auf israelischem Boden zerstört hat.

Reichte das bisherige militärische Arsenal nicht aus? Israel verfügt schon jetzt über Flugzeuge, die mit Atomwaffen bestückt werden können. Aber U-Boote machen Israels Strategie flexibler.

Gegen welche Länder richtet sich die Abschreckung? Primär soll damit der Iranmilitär im Zaum gehalten werden. Der Iran ist zurzeit das einzige Land in der Region, welches für Israel eine militärische Bedrohung darstellen könnte. Zwar werden die anderen Nachbarn ebenfalls abgeschreckt, doch den arabischen Ländern im Nahen Osten war Israel auch bisher mit seinen konventionellen Waffensystemen weit überlegen.

Wird der U-Boot-Verkauf den Konflikt im Nahen Osten nicht noch weiter anheizen? Nein. Die entscheidende Frage im Jahr 2012 ist, ob die Israelis den Iran mit ihren konventionellen Waffen angreifen werden. Mit Atomwaffen bestückte U-Boote werden erst eine Rolle spielen, wenn auch der Iran eine Atommacht zu werden droht. Das Geschäft ist aber sicher ein Schritt, der die Iraner in ihren Bemühungen um den Bau einer Atombombe bestärken wird.

Welche Reaktionen löst das Geschäft bei den Nachbarländern Israels aus? Das Geschäft wird sicher sehr kritisch beäugt. Einmal mehr wird den Nachbarstaaten Israels klar werden, dass die deutsche Regierung eindeutig auf der Seite von Israel steht.

Wie wird die Nachricht von der Regionalmacht Saudiarabien aufgenommen werden? Saudiarabien sieht das Kaufgeschäft sicherlich auch kritisch, da Israel nun wirklich in einem sehr wichtigen Bereich aufrüstet. Saudiarabien ist aber schon länger kein Feind Israels mehr und würde wohl auch einen Militärschlag gegen den gemeinsamen Feind in Teheran dulden.

Der Enthüllungsartikel im «Spiegel» kam auch dank israelischer Quellen zustande. Ungewöhnlich offen hätten israelische Militärs über das Projekt gesprochen. Steckt da Kalkül dahinter? Es ist sehr gut vorstellbar, dass die israelische Regierung ein Interesse daran hat, dass das Wissen um die U-Boote gerade jetzt publik wurde. Dies entspricht den Bemühungen israelischer Politiker der letzten Monate, im Konflikt mit dem Iran eine Drohkulisse aufzubauen.

Wie brisant sind die Informationen über das U-Boot-Geschäft wirklich? Das Geschäft ist seit Jahren bekannt, und auch die Möglichkeit einer nuklearen Bewaffnung der U-Boote. Für mich war immer klar, dass Israel die U-Boote auch atomar bestücken würde.

Sie sind also von den «Enthüllungen» nicht überrascht? Überhaupt nicht. Unter Sicherheitspolitikern waren die jetzt enthüllten Tatsachen jedenfalls nie umstritten. Die nuklear bewaffneten U-Boote sind für die israelische Abschreckung des Iran zu wichtig, als dass Tel Aviv auf diese Option hätte verzichten können.

Können Sie persönlich den Deal Ihrer Regierung nachvollziehen? Nein. Ich hätte die U-Boote nicht nach Israel verkauft.

Israel hat als eines der vier einzigen Länder den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet. Warum liefert Deutschland trotzdem atomwaffenfähige U-Boote an das Land? Die politische Elite in Deutschland empfindet eine sehr ausgeprägte Verantwortung gegenüber Israel. Zu einem grossen Teil ist dies mit der deutschen Geschichte zu erklären. Israel bekommt von Deutschland alles Militärgerät, das es benötigt und anfordert.

Aber die Israelis hätten die U-Boote doch auch anderweitig erhalten können? In diesem konkreten Fall nicht, da die deutsche U-Boot-Technologie genau den israelischen Anforderungen entspricht. In der Regel, beim Panzer- und Flugzeugkauf, brauchen die Israelis die deutsche Hilfe aber nicht.

Stand Deutschland hier nicht vor einer Zwickmühle? Auf der einen Seite die Unterstützung eines befreundeten Landes, auf der anderen die drohende Aufrüstung im Nahen Osten? Deutschland spielt nun eine wichtige Rolle bei der Entstehung eines neuen Kräftegleichgewichts in der Region. Das U-Boot-Geschäft steht in starkem Kontrast zur sonst eher passiven oder reaktiven Nahostpolitik der Bundesregierung. Von einer Zwickmühle kann man aber nicht sprechen, da die deutsche Haltung gegenüber Israel immer eindeutig war. Die deutsche Regierung hoffte wohl aber, dass sich die mediale Berichterstattung über das Geschäft in Grenzen halten werde.

baz.ch/Newsnet

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