Irans Staatsfeinde tragen Vokuhila

Zehntausende Polizisten sind derzeit in Irans Hauptstadt Teheran unterwegs und wachen über die Einhaltung der Sitten. Im Visier haben sie subversive Strähnchen, «unislamischen» Männerschmuck und verrückte Schleier.

Letztes Jahr noch erlaubt, heute verboten: Junge Iraner mit dem etwas anderen Look in Teheran.

Letztes Jahr noch erlaubt, heute verboten: Junge Iraner mit dem etwas anderen Look in Teheran.

(Bild: Reuters)

Jeden Sommer das gleiche Spiel im Iran: Die Tugendwächter prüfen eifrig, ob das Kopftuch gut festgezurrt ist und das Gewand auch alles bedeckt. Die Frauen zupfen anstandshalber die Verhüllung zurecht, und nach einer Weile erlahmt der Eifer der Behörden wieder. Diesen Sommer jedoch scheint die islamistische Modeoffensive umfangreicher und beunruhigender zu sein als sonst. Auch Männer laufen jetzt Gefahr, wegen zu «westlichen» Aussehens zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Eine offizielle Erklärung für die neue Strenge gibt es nicht. Sie passt aber zu dem steten Bemühen der herrschenden Theokraten, seit den 90er-Jahren gewachsene freizügige Modetrends wie enge Mäntel für Frauen oder Ohrringe und Tätowierungen für Männer rückgängig zu machen. Einflüsse in der Universitäts- und Kulturszene, die als unislamisch betrachtet werden, wollen die Machthaber ausmerzen.

Machtkampf innerhalb des Regimes

Der Versuch, die Uhr zurückzudrehen, könnte allerdings noch tiefer reichen. Die herrschenden Mullahs bemühen sich derzeit, ihre Position zu festigen. Versuche von Präsident Mahmoud Ahmadinejad, seine Machtbasis zu vergrössern, haben die konservativen Kräfte um den religiösen Führer Ayatollah Ali Khamenei bereits zurückgeschlagen. Zur Parlamentswahl Anfang nächsten Jahres dürften sie einen harten Kurs fahren.

Beinahe zwei Drittel der Abgeordneten haben eine Erklärung zur Unterstützung des jüngsten Kampfs gegen die «kulturelle Invasion des Westens» unterzeichnet. Dessen Einfluss soll schuld daran sein, dass Iranerinnen die islamische Kleiderordnung grosszügig auslegen und das Kopftuch aus dem Gesicht schieben oder die Hosen so kürzen, dass möglichst viel Bein zu sehen ist.

Der Leitfaden des Modebeirats

70'000 Polizisten sind nach einer Meldung der amtlichen Nachrichtenagentur IRNA in diesem Monat in Teheran unterwegs, um über die Einhaltung der Kleidungsvorschriften zu wachen. «Es ist eine berechtigte Forderung des Volkes, jenen entgegenzutreten, die nicht ausreichend verschleiert sind», begründet der iranische Polizeichef Esmaeil Ahmadi Moghadam das Vorgehen. Der General war wegen seiner Rolle bei der Niederschlagung der Proteste gegen Ahmadinejads umstrittene Wiederwahl 2009 erst kürzlich von den USA auf die Sanktionsliste gesetzt worden.

Die Hüter der Moral haben diesen Sommer auch die Herrenfrisuren im Visier sowie «unislamischen» Männerschmuck wie Halsketten. Voriges Jahr gab ein Modebeirat dem Kulturministerium einen Leitfaden akzeptabler Herrenhaarschnitte an die Hand. Auf der Schwarzen Liste stehen demnach der Pferdeschwanz, der hochgegelte «Hahnenkamm» und der «Retro-Vokuhila» – vorne kurz, hinten lang. Natürlich gebe es immer Leute, denen der Stil der Jugend nicht gefalle, sagt ein junger Mann Ende 20, der in einem Schmuckgeschäft in Teheran herumstöbert. «Aber ich sehe nicht ein, warum ich auf sie hören soll.»

Subversive Strähnchen

Der etwas andere Look ist vor allem für junge Männer auch eine relativ gefahrlose Möglichkeit, Verbundenheit mit der politischen Opposition zu signalisieren. Der 21-jährige Farhad hat sich einmal Strähnen seiner schulterlangen Mähne grün gefärbt, in der symbolischen Farbe der Protestbewegung nach der Wahl. «Junge Leute sind die Massregelungen wegen der Kleidung jeden Sommer gewöhnt», sagt der Student, der sicherheitshalber nur seinen Vornamen preisgeben will. «Aber dieses Jahr hat man das Gefühl, dass es ein bisschen ernster ist.»

Männer müssen in der Regel nur mit einer Ermahnung rechnen, sofort zum Friseur oder zum Umziehen nach Hause zu gehen. Frauen dagegen wird häufig eine Belehrung über islamische Kleidung und Werte zuteil. «Wenn sie nicht sofort etwas unternehmen und das Problem mit ihrer Kleidung beheben, werden sie festgenommen», sagte der stellvertretende Teheraner Polizeichef Ahmad Resa Radan der Agentur IRNA. Ihre Angehörigen würden dann aufgefordert, etwas «Anständiges» zum Anziehen aufs Polizeirevier zu bringen. Die Festgenommenen kämen erst frei, wenn sie schriftlich versicherten, «sich nicht noch einmal so in der Öffentlichkeit zu zeigen».

Schliessung von Kleidergeschäften

Dabei ist die Grenze des Erlaubten fliessend. Was bisher alltäglich und kaum anstössig war, wie zum Beispiel figurnahe und kniekurze Übergewänder für Frauen, wird jetzt gerügt. Neulich erst erklärte der erzkonservative Geistliche Ahmad Chatami beim Freitagsgebet, das selbst die Halsketten und Armbänder der Frauen nur von Männern ihres engsten Familienkreises erblickt werden dürften. Verhaftungen im Rahmen der jüngsten Moderazzien sind offiziell noch nicht gemeldet worden. Doch Vizepolizeichef Radan berichtete am Montag im Staatsfernsehen von vermehrten Schliessungen von Geschäften, die zu offenherzige Kleidung verkauften.

ami/Ali Akbar Dareini und Brian Murphy, dapd

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