Iran sucht eine neue Nummer 2

2013 wird Präsident Mahmoud Ahmadinejad abtreten. Sein Nachfolger könnte der 78-jährige Akbar Rafsanjani werden.

Die reformorientierte Tochter Faizeh und den missliebigen Sohn Mehdi lässt er aus Imagegründen ins Gefängnis wandern: Akbar Rafsanjani plant sein politisches Comeback. (Bild vom 6. März 2012)

Die reformorientierte Tochter Faizeh und den missliebigen Sohn Mehdi lässt er aus Imagegründen ins Gefängnis wandern: Akbar Rafsanjani plant sein politisches Comeback. (Bild vom 6. März 2012)

(Bild: Reuters)

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Während der iranische Staatschef Mahmoud Ahmadinejad an der UNO-Vollversammlung in New York seine bekannten Tiraden gegen Israel verbreitet, scheinen sich in der Teheraner Innenpolitik die Dinge zu bewegen. Im Juni 2013 steht die Präsidentenwahl an. Der Verfassung zufolge darf Ahmadinejad nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten. Unter den Namen möglicher Kandidaten taucht nun der eines Mannes auf, der seit der Islamischen Revolution von 1979 immer ein Schwergewicht in der iranischen Politik war, aber von Ahmadinejad ins Abseits gedrängt wurde: Akbar Hashemi Rafsanjani.

Umso widersprüchlicher, dass im selben Moment die Kinder des Politikers im Gefängnis verschwinden: Sowohl der reformorientierten Tochter Faizeh als auch Sohn Mehdi wird vorgeworfen, beim grünen Aufstand gegen die manipulierte Wiederwahl Ahmadinejads 2009 «staatsfeindliche Propaganda» verbreitet zu haben. Einige Iran-Kenner vermuten hinter dem offensichtlichen Widerspruch einen informellen Deal zwischen Ayatollah Ali Khamenei, dem Geistlichen Führer, und dem mit allen Wassern gewaschenen Pragmatiker Rafsanjani: Die missliebigen Kinder gehen für eine Weile ins Gefängnis, der Vater wird Staatschef. Faizeh ist bereits in Haft genommen worden, sie muss eine Strafe von sechs Monaten absitzen. Ihr Bruder kehrte nun aus dem Londoner Exil zurück, um sich der Justiz zu stellen.

Präsident hinter Khamenei

Die Suche nach einem Nachfolger auf dem Präsidentenposten, der Khamenei passt – der Staatschef ist nur der zweite Mann hinter dem fast allmächtigen Revolutionsführer –, ist schwierig. Das Teheraner Establishment ist gespalten. Geistliche Konservative, zivile Neokonservative und Vertreter der Revolutionsgarden sowie die Geschäftswelt bilden verfeindete Pole im Innern der Macht.

Der 78-jährige Rafsanjani, ein schiitischer Geistlicher, ist seit der Revolution einer der wichtigsten Akteure der Teheraner Politik. Als Weggefährte von Revolutionsführer Ayatollah Khomeini war er einer der Köpfe der Militärführung im achtjährigen Krieg gegen den Irak Saddam Husseins. Gleichzeitig blieb er ein politisches Schwergewicht. Er war Parlamentssprecher, Staatspräsident, Mitglied sowohl des Expertenrats als auch des Schlichtungsrats. Mit dem Amtsantritt Ahmandinejads begann der schwerreiche Geschäftsmann, seinen Einfluss stetig zu verlieren. Tochter Faizeh und Sohn Mehdi wurden wegen Unterstützung der Grünen Bewegung verfolgt. Das hat Rafsanjani geschadet. Und auch er hatte sich der Reformbewegung gegenüber nicht so radikal ablehnend gezeigt wie Khamenei und Ahmadinejad.

Die Übergangslösung

Mahmoud Ahmadinejad selbst hat sich in den letzten Monaten mit Khamenei zunehmend überworfen. Misslungen war sein Versuch, mit seinem Schwiegersohn und Bürochef Isfandar Rahin Meshai einen Präsidentschaftsanwärter aufzubauen, den eigenen Nachfolger selbst zu installieren.

Keinerlei Chancen, zu einer Kandidatur überhaupt zugelassen zu werden, haben die beiden Oppositionskandidaten der letzten, manipulierten Wahl: Hussein Mir Moussavi und Mehdi Karrubi. Sie stehen unter Hausarrest. Rafsanjani hingegen könnte für den Revolutionsführer interessant sein. Er ist international bekannt, käme aber wegen seines hohen Alters quasi als Übergangslösung nur für eine einzige Amtszeit infrage. Andererseits könnte der pragmatisch denkende Rafsanjani sein Land im Atomstreit besser vertreten als der alles Porzellan zerschlagende Ahmadinejad. Dessen wiederholte gedankliche Ausflüge in schiitisch-esoterische Sphären missfallen dem Teheraner Mullah-Establishment ohnehin. Iran-Experten messen jedenfalls der Tatsache Gewicht bei, dass Rafsanjani jüngst bei der Konferenz der Blockfreien Staaten neben Revolutionsführer Khamenei sass.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt