Eskalation im Stellvertreterkrieg

Ob der Iran hinter der Attacke auf saudische Ölfelder steckt, wird schwierig zu beweisen sein.

Das Feuer ist am vergangenen Samstag ausgebrochen und lodert immer noch. Die politischen Konsequenzen sind nicht auszumalen. Foto: Hamad Mohammed (Reuters)

Das Feuer ist am vergangenen Samstag ausgebrochen und lodert immer noch. Die politischen Konsequenzen sind nicht auszumalen. Foto: Hamad Mohammed (Reuters)

Tomas Avenarius@tagesanzeiger

Was übers Wochenende in Saudiarabien geschehen ist, kann in seiner gefährlichen Tragweite kaum überschätzt werden. Fast zwei Dutzend Drohnen und Raketen schlagen in der grössten Raffinerie und einem Ölfeld des Königreichs ein, die Förderung des drittgrössten Erdölproduzenten der Erde bricht um die Hälfte ein, der Benzinpreis steigt weltweit an – und eine kaum bekannte Miliz schiitischer Barfusskrieger aus dem Jemen übernimmt die Verantwortung.

Die jemenitischen Huthi zürnen den Saudis wegen des brutalen Feldzugs, den der mächtige Nachbarstaat 2015 begonnen hat und unter dem die Jemeniten von der Welt völlig unbeachtet leiden. Das allein aber erklärt die Dreistigkeit und Effektivität dieses Drohnenangriffs nicht. Die Huthi mögen derzeit einen Teil des südarabischen Armenhauses Jemen kontrollieren, aber sie sind keine Hightech-Kriegsmacht. Entweder sie haben gar nicht selbst angegriffen, oder die Drohnentechnik wurde von Beratern einer moderneren Macht geliefert.

Der Verdacht liegt nahe, dass der Iran als Schutzherr der jemenitischen Krieger die Finger im Spiel hatte. Die schiitischen Huthi verschaffen der Schiitengrossmacht Iran Einfluss im Jemen, so wie die unzähligen schiitischen Milizen im Irak, in Afghanistan, im Libanon oder in Syrien dies schon seit langem in diesen Staaten tun.

Die Islamische Republik hätte auch ohne Trump genug Probleme

Gruppen wie die Huthi sind die ideale Geheimwaffe des Iran, den USA schmerzhafte Schläge zuzufügen: indem man mit ihrer Hilfe versehen Freunde Washingtons angreift. Und Saudiarabien, der ewige Rivale um die Vorherrschaft am Persischen Golf und um die politische Führerschaft der muslimischen Welt, ist eben der Parteigänger und gute Freund der USA. Aber auch angreifbar: Das Versagen der saudischen Luftabwehr sagt alles über die Verteidigungsfähigkeit des Landes. Und das, obwohl Saudiarabien jahrzehntelang von den USA mit den allermodernsten Waffen hochgerüstet worden ist.

Umso schwieriger ist es für Washington, angemessen zu reagieren. Donald Trump deutet einen Militärschlag an. Aber sollten die Iraner wirklich die Finger im Spiel gehabt haben, werden sie schon darauf geachtet haben, keine Spuren zu hinterlassen. Schliesslich kämpft das iranische Regime ums Überleben, seit Trump das Atomabkommen gekündigt und die Sanktionen wieder in Gang gesetzt hat. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch steht der Iran am Abgrund, und die Saudis warten nur darauf, dass das schiitische Regime am anderen Ufer des Persischen Golfs endlich fällt.

Die Regierung eines heruntergewirtschafteten Ölstaates, die kein Erdöl mehr exportieren kann, steht wirtschaftlich vor dem Aus. Auch innenpolitisch stehen die Herrscher in Teheran schlecht da. Die Bevölkerungsexplosion, der Jugendüberschuss, die Wasserarmut – die Islamische Republik hätte auch ohne Trump genug Probleme. Wenn sie ihm nun Grenzen aufzuzeigen versucht, wird sie dies so tun, dass sie dabei kein Harakiri begeht.

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