«Es kämen sehr gut trainierte Spezialeinheiten zum Einsatz»

US-Aussenminister John Kerry fordert statt Worten Taten zur Bekämpfung der Terrorgruppe Boko Haram. Doch was kann das Ausland überhaupt tun? Und wie stehen die Chancen, die entführten Mädchen zu befreien?

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Rupen Boyadjian@RupenB

Die Entführung von 273 Schülerinnen im Norden Nigerias hat eine weltweite Welle der Empörung ausgelöst – an vorderster Front machen auch US-Präsident Barack Obama, seine Frau Michelle und sein Aussenminister John Kerry mit. Zuletzt forderte Kerry Taten statt lediglich verbaler Verurteilung. Zurzeit trifft ein US-Team in Nigeria ein. Es besteht unter anderem aus Spezialisten der Bundespolizei FBI und des Militärs. Zumeist handle es sich um Berater. Laut einem Sprecher ziehen die USA aber noch keine aktive militärische Operation in Betracht.

Frankreich hingegen geht weiter. Das Aussenministerium kündigte an, man wolle Nigeria eine «mit allen Mitteln ausgerüstete Spezialeinheit» für die Suche nach den Mädchen anbieten. Das Angebot kommt nicht aus heiterem Himmel. «Frankreich hat in dieser Region den Lead im Kampf gegen al-Qaida», sagt Alexandre Vautravers, der Chefredaktor der «Revue Militaire Suisse». Frankreich ist militärisch in fast allen Nachbarländern präsent und hat dort auch Operationen durchgeführt.

Commandement des Opérations Spéciales

Die französische Armee verfügt über schlagkräftige Spezialtruppen, das Commandement des Opérations Spéciales (COS). Sie setzen sich aus Verbänden der Luft- und Bodentruppen sowie der Marine zusammen und umfassen rund 5000 Mitglieder. Einheiten des COS würden laut Vautravers bei einer möglichen Operation in Nigeria aber nur rund ein Zehntel des beigezogenen Personals ausmachen. «Planung und Aufklärung wären besonders in einer ersten Phase sehr wichtig», sagt Vautravers. Der geheimdienstliche Anteil einer solchen Operation sei ohnehin sehr gross. Auch die Koordination mit der nigerianischen Regierung wäre zentral. Man müsste viele verschiedene Fähigkeiten zusammenziehen. Ein Einsatz der Franzosen wäre deshalb nicht einfach als Militäroperation zu sehen.

Es dürfte jedoch sehr schwierig sein, die Mädchen zu finden und allenfalls zu befreien. «Die Erfahrung zeigt, dass die Erfolgsaussichten von Auslandsoperationen sehr gering sind, wenn sie unter Bedingungen stattfinden, die man nicht vollständig kontrolliert», sagt Vautravers. Und das ist im nigerianischen Dschungel sicher der Fall. Gelingt es aber, die Mädchen zu lokalisieren, dann könnte das Dickicht auch ein Vorteil für eine Befreiungsoperation sein. «Je schwieriger das Terrain, desto eher gelingt eine Überraschungsaktion», sagt Vautravers. «Und es kämen sehr gut trainierte Spezialeinheiten zum Einsatz.»

Nigerias Antwort steht noch aus

Unterstützung in unbekannter Form haben auch Grossbritannien, Kanada und China in Aussicht gestellt. Der Präsident Nigerias, Goodluck Jonathan, hatte das US-amerikanische Hilfsangebot begrüsst. Es ist nicht bekannt, wie die nigerianische Regierung zu den Hilfsangeboten anderer Länder steht – noch weniger, ob sie den Kampfeinsatz ausländischer Militär- und Geheimdienstangehöriger auf ihrem Gebiet akzeptieren würde. Eine Anfrage von baz.ch/Newsnet bei der nigerianischen Botschaft in Bern blieb unbeantwortet.

Die nigerianischen Sicherheitskräfte werden Boko Harams nicht Herr. In den letzten Wochen hat der Terror ein unerträgliches Mass erreicht. Die radikalen Islamisten aus dem Nordosten haben mit zwei Bombenattentaten am Rand der Hauptstadt Abuja gegen 100 Menschen getötet, vor drei Wochen dann 273 Schülerinnen und erst am letzten Sonntag elf weitere Mädchen entführt. In der Nacht auf den Dienstag schliesslich richteten sie im nordöstlichen Bundesstaat Borno in einem Dorf ein Massaker an, dem bis zu 300 Menschen zum Opfer fielen.

Intervention gegen Willen Nigerias?

Könnte jetzt ein Punkt erreicht sein, der eine humanitäre Intervention rechtfertigen würde – auch ohne Zustimmung der nigerianischen Regierung? Wohl kaum. Unproblematisch wären laut Daniel Moeckli, Assistenzprofessor für Völkerrecht und Staatsrecht an der Uni Zürich, lediglich Operationen, die mit der Zustimmung der nigerianischen Regierung erfolgten. Die Verbrechen Boko Harams sind zwar höchstwahrscheinlich als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen. 2012 kam der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag bei einer Vorprüfung zum Schluss, die Terrororganisation begehe seit 2009 solche schweren Verbrechen.

Für eine humanitäre Intervention ist jedoch eine Resolution des UNO-Sicherheitsrats nötig. «Einige argumentieren zwar, es gäbe eine Verantwortung zum Schutz bedrohter Zivilbevölkerungen, und leiten daraus eine Interventionspflicht ab», erklärt Moeckli. Obwohl unter den Befürwortern dieser Position auch Staaten wie Kanada seien, sei das aber nicht die aktuelle völkerrechtliche Staatenpraxis. Zuletzt hätten etwa Regierungen, die für eine humanitäre Intervention in Syrien gewesen seien, nicht eigenmächtig gehandelt, sondern den Sicherheitsrat angerufen. Dort scheiterte das Anliegen dann am Widerstand Russlands.

US-Doktrin setzt auf Nichtamerikaner

Im Falle Nigerias ist ausserdem davon auszugehen, dass sich die westlichen Staaten auch wegen der belasteten Geschichte zurückhalten würden. «Gerade auch Frankreich war im Bürgerkrieg in der südlichen Region Biafra (1977) involviert», gibt Alexandre Vautravers zu bedenken. Die Doktrin der USA ziele in dieser Region darauf ab, wenn möglich auf lokale oder nicht amerikanische Kräfte zurückzugreifen.

So ist es auch im vergleichbaren Fall der Suche nach Joseph Kony und den Kämpfern seiner Lord's Resistance Army, die in der Grenzregion zwischen Uganda, der Zentralafrikanischen Republik, dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo vermutet werden. Erst Ende März hat US-Präsident Barack Obama weitere 150 Militärangehörige und erstmals auch zwei Flugzeuge nach Uganda geschickt, um eine 5000 Mann starke Truppe der Afrikanischen Union zu unterstützen. Unter den amerikanischen Soldaten sind auch bewaffnete Spezialeinheiten. Sie sollen aber nicht selber in einen allfälligen Kampf eingreifen.

baz.ch/Newsnet

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