«Endgültiger Beweis» für Assads Terrorregime

Zehntausende Fotos belegen die Folterung und Ermordung von über 11'000 syrischen Regimegegnern. Kurz vor der Friedenskonferenz in der Schweiz ertönt nun der Ruf nach einem Kriegsverbrecherprozess.

Menschenrechtler erheben schwere Foltervorwürfe: Syriens Diktator Bashar al-Assad.

Menschenrechtler erheben schwere Foltervorwürfe: Syriens Diktator Bashar al-Assad.

(Bild: Keystone)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Abscheu und Empörung hat die Veröffentlichung tausender neuer Fotos von gefolterten und hingerichteten syrischen Regimegegnern ausgelöst. Der Londoner «Guardian» zitierte einen Sprecher der US-Administration mit den Worten, die jetzt ans Tageslicht gekommenen Bilder hätten Washington wie den Rest der Welt «in Horror» versetzt. Bevor «Genf II», die neue Friedenskonferenz zu Syrien, noch begonnen hat, haben die betreffenden Fotos die Verhandlungen schon überschattet. In der britischen Öffentlichkeit war bereits von der «dringend nötigen» Eröffnung eines Kriegsverbrecher-Verfahrens gegen das syrische Regime die Rede.

Ein dem «Guardian» und dem US-Sender CNN zugespielter Report über Syrien glaubt nämlich die «systematische Tötung» von 11'000 syrischen Gefangenen zwischen März 2011 und August 2013 belegen zu können. Der Bericht stützt sich auf 55'000 Fotografien, von denen viele deutliche Anzeichen von Folter erkennen lassen.

Fotos aus syrischen Gefängnissen

Aufgenommen wurden die Fotos von einem Militärpolizisten, der voriges Jahr aus Syrien floh und zur Opposition überlief. Der Mann, der nur unter dem Decknamen «Caesar» bekannt ist, war von seinen Oberen damit beauftragt worden, Leichen aus syrischen Gefängnissen zu fotografieren. Auf den Bildern sind meist ausgemergelte Körper junger Männer zu sehen, von denen viele geprügelt und stranguliert worden waren oder andere Wunden und Zeichen übler Folter aufwiesen. Einigen waren die Augen ausgestochen worden. Andere hatte man mit Elektroschocks gequält.

Erstellt wurde der Bericht von drei früheren prominenten Anklägern von Kriegsverbrecher-Tribunalen zu Kriegen in Jugoslawien und Sierra Leone – von Sir Desmond de Silva, dem ehemaligen britischen Chefankläger eines Spezialgerichts zu Sierra Leone, Sir Geoffrey Nice, ebenfalls einem Briten, der Top-Ankläger gegen Slobodan Milosevic war, und dem US-amerikanischen Charles-Taylor-Ankläger Professor David M. Crane.

Die drei Experten sichteten zusammen mit einer Gruppe von Gerichtsmedizinern sämtliche 55'000 Fotos und interviewten den Fotografen. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Mann «glaubwürdig» war und seine Berichte «die Wahrheit sagten».

Bis zu 50 Leichen pro Tag fotografiert

«Caesar» hatte bereits in seiner Zeit in Syrien heimlich zu den Rebellen der Syrischen National-Bewegung Kontakt gehalten. Sein Job beim syrischen Militär war es, tote Gefangene abzulichten, bevor sie in aller Stille begraben wurden. Die Bilder sollten einerseits der Ausstellung von Totenscheinen in Abwesenheit der Angehörigen dienen. Anderseits sollten sie bestätigen, dass die Hinrichtungen ordnungsgemäss ausgeführt worden waren. Er selbst, erklärte der Militärpolizist den drei Anwälten, habe keine Exekution je miterlebt. Er sei aber jedesmal in eine der Militärkliniken gerufen worden, wenn einer der Toten aus einem Gefängnis dort antransportiert wurde.

An manchen Tagen habe er 50 Leichen fotografieren müssen. Den Familien habe man erklärt, die Betreffenden seien im Krankenhaus gestorben. In den Kliniken habe man zur Täuschung die Gefängnisnummern der Toten durch neue, spezielle Kliniknummern ersetzt. Als Todesursache sei meist «Herzinfarkt» oder «Atemnot» genannt worden.

Alle Experten sprechen von klaren Beweisen

Das Anwaltsteam bezeichnete das Material als überzeugenden Beweis für «systematische Folter und Tötung gefangen gehaltener Personen durch Beauftragte der syrischen Regierung». Es belege Verbrechen gegen die Menschlichkeit und könne gegebenenfalls als Material in einem Kriegsverbrecherprozess Verwendung finden.

Tatsächlich handle es sich bei den Fotos um «einen endgültigen Beweis, wie wir ihn bisher nicht hatten», sagte Sir Desmond de Silva. Sir Geoffrey Nice erklärte, «Umfang und Beharrlichkeit» der Mordaktionen wiesen «klar auf Regierungsbeteiligung hin» – was bei einem Prozess eine wesentliche Rolle spielen würde.

David Crane sprach von «ersten unmittelbaren Beweisen für das, was mindestens 11'000 Menschen widerfahren ist, die gefoltert und hingerichtet worden sind und anschliessend offenbar verschwanden.» Man sei nicht nur im Besitz der Bilder, sondern auch der Nummern, die mit den Nummern offizieller Dokumente überein stimmten, und habe als Zeugen den Fotografen, der die Bilder machte. An dem Material gebe es «nicht den geringsten Zweifel», sagte Crane. Auch der britische Aussenminister William Hague nannte die Bilder ein «ebenso zwingendes wie entsetzliches» Beweismaterial.

baz.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt