Die schwierige Geburt einer neuen Nation

Hintergrund

Der Sudan steht vor der Spaltung: Die christliche Bevölkerung des ölreichen Südens entscheidet am 9. Januar, ob das Gebiet unabhängig wird vom arabischen Norden.

Südsudanesinnen demonstrieren in Juba für die Abspaltung ihrer Heimat vom Sudan.

Südsudanesinnen demonstrieren in Juba für die Abspaltung ihrer Heimat vom Sudan.

(Bild: Reuters)

Johannes Dieterich@tagesanzeiger

Der Pilot kreist eine Weile. Ob er den Ort nicht findet oder der Flugverkehr zu dicht ist – in diesem Fall ist beides möglich: Denn Juba ist ein kleiner, verlorener Fleck in der Landschaft, der sich anschickt, die jüngste Hauptstadt Afrikas zu werden. In der Ankunftshalle versucht ein klappriger Ventilator, die suppige Luft in dem viel zu engen Raum zu verrühren. Nebenan wird offenbar ein neues Terminal gebaut: Noch ragen allerdings nur Säulen in die Luft. «Die Stadt ist heiss», sagt ein kenianischer Geschäftsmann, der zum Verlegen von Glasfaserkabeln nach Juba gekommen ist – der Mann hat gleich in mehrfacher Hinsicht recht.

Vor fünf Jahren, als der sudanesische Bürgerkrieg nach einem halben Jahrhundert endete, soll es in der Garnisonsstadt nur 13 Autos und keine Teerstrasse gegeben haben. Inzwischen stauen sich selbst ausserhalb der Stosszeiten Hunderte Geländewagen auf einem notdürftig geteerten Strassennetz.

Der Countdown läuft

Die wenigen, meist überfüllten Hotels der Stadt bestehen in der Regel aus auf- oder nebeneinandergestellten Containern, in denen man den Nachbarn schnarchen hört. «Wir haben hier wie Ratten zu zehnt in einem Zimmer gewohnt», sagt ein Mann, der vor vier Jahren aus dem deutschen Exil nach Hause zurückgekehrt war.

Inzwischen ist aus dem Containerdorf eine Baustellenstadt geworden: An jeder Ecke wird eine neue blecherne oder steinerne Konstruktion errichtet. Auf einer Verkehrsinsel ragt eine Digitaluhr in die Höhe, die die verbleibende Zeit bis zur Geburt einer neuen Nation angibt: In 6 Tagen, 144 Stunden oder 8640 Minuten werden über vier Millionen Südsudanesen zu den Urnen gehen, um über den Verbleib ihrer Heimat im flächenmässig grössten Staat Afrikas oder deren Abspaltung zu entscheiden. Wie das Votum ausfallen wird, darüber gibt es keinen Zweifel: «The Final Walk to Freedom», verkündet ein Plakat; «Yes for separation and no for unity», singen Rapper im TV; «End the Shame», steht auf vielen T-Shirts in Juba.

Höchste Zeit

«Wir haben ihnen eine Chance gegeben», sagt Yien Mathew, Sprecher der regierenden Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung: «Hätten sie es attraktiv für uns gemacht, dann wären wir geblieben.» Als der sudanesische Präsident Omar al-Bashir nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens 2005 erstmals nach Juba kam, habe er 75 Bauvorhaben versprochen – kein Einziges davon sei jedoch verwirklicht worden. Das Verhältnis zwischen den im Norden lebenden islamischen Arabern und den christlichen oder animistischen Afrikanern im Süden ist seit Jahrhunderten zerrüttet: höchste Zeit, die einstigen Sklavenhändler loszuwerden.

Peter Remy sitzt unter einem Baum auf einem Bettgestell am Nilhafen von Juba. Der 40-jährige Ex-Priester kam mit seiner Schwägerin und deren sechs Kindern auf einer Barke aus der Hauptstadt Khartum nach Juba: 30 Tage hat die Reise gedauert, die Remy sein ganzes Erspartes kostete. Der Katholik, der sein Priestergewand an den Nagel hängte, um seiner verwitweten Schwägerin zu helfen, wusste, dass es in Khartum für sie keine Zukunft mehr gab: «Sie haben uns immer deutlicher spüren lassen, dass wir nicht länger erwünscht sind.»

Flüchtlingsstrom in den Süden

Zigtausende von Südsudanesen sind in den vergangenen Wochen in Flugzeugen, Bussen oder Booten in den Süden geflohen: Der Rest wird vermutlich nach dem Volksentscheid folgen. Schätzungen zufolge lebten im Nordsudan zuletzt mindestens 1,5 Millionen Afrikaner, die sich einst vor dem nur im Süden tobenden Krieg in Sicherheit brachten: Nur ein verschwindender Teil von ihnen wird nach der sudanesischen Spaltung bleiben, ist ein UNO-Mann überzeugt.

Peter Remy war seit 19 Jahren nicht mehr im Süden: Er muss sich sowohl um einen neuen Job wie um eine Unterkunft für seine Familie kümmern. Südsudans Autonomieregierung ist von dem Ansturm aus dem Norden überwältigt: «Wir rechnen damit», sagt Silvas Amozay, Ministerialdirektor für Wohnungsbau, «dass Juba, in dem beim Zensus vor zwei Jahren noch 500'000 Menschen gezählt wurden, auf weit über 1 Million Einwohner anschwellen wird.» Amozay berichtet von Plänen, der Wohnungsnot mit dem Bau von 15 Quadratmeter grossen Hütten aus örtlich verfügbaren Materialien wie Holzpfeilern, einem Zinkdach und Lehmwänden zu begegnen: In jeder Parzelle sollen jeweils vier Personen unterkommen. Die «semi-permanenten» Behausungen, warnt ein Gutachten, seien «hochgradig für den Termitenfrass anfällig».

Aufbau einer Hauptstadt

Doch nicht nur die Flüchtlinge bereiten Direktor Amozay Kopfzerbrechen: Der gesamte Aufbau einer neuen Hauptstadt – mit den notwendigen Regierungsgebäuden, Appartementblocks und Botschaftsgebäuden – verschafft dem Ingenieur schlaflose Nächte. Vorschläge dafür gab es genug: So empfahl etwa eine amerikanische Beraterfirma eine 15 Kilometer flussaufwärts gelegene Nil-Insel als neues Regierungsviertel, doch der lokale Chief lehnte ab, und Enteignung des der Gemeinschaft gehörenden Grund und Bodens schliesst die südsudanesische Verfassung aus.

Auch die japanische Agentur Jica legte einen Masterplan zur Runderneuerung Jubas vor: Auch der verschwand unbeachtet in einer Schublade, Direktor Amozay hat nicht mal mehr eine Kopie davon. Schliesslich sorgte ein Experte im Wohnungsbauministerium für Aufsehen, der Südsudans Stadterweiterungen in Tiergestalt anlegen wollte, um den urbanen Zentren eine originelle Identität zu verleihen: Danach wäre Juba zum Nashorn und die Provinzstadt Wau zur Giraffe geworden. Die Idee fand in der Hierarchie ebenfalls keine Freunde: Der Städteplaner wurde inzwischen ins Ministerium für Naturschutz versetzt.

Glorreiche Zukunft

Der jüngste Versuch, die künftige Hauptstadt auszudehnen, ist fünf Kilometer ausserhalb der Stadt hinter einem Hügel zu finden: Immerhin hat sich dort eine Bar in einer Holzhütte den Namen «New Juba» zugelegt. Ansonsten weisen nur einige Schilder auf eine möglicherweise glorreiche Zukunft hin: Hier soll offenbar das Finanzministerium, dort die Anti-Korruptionsbehörde und gegenüber das Ministerium für Religionsangelegenheiten entstehen. «Es ist wie jedes Jahr an Weihnachten, wenn man plötzlich Anfang Dezember feststellt, dass es nur noch drei Wochen bis zum Fest sind», meint eine deutsche Entwicklungsexpertin, die Kommunalpolitiker ausbilden soll: Was sich im Städtebau als sichtbares Problem erweist, ist bei der Personalplanung nicht anders.

Der eigentliche Grund für die Verspätung ist nahe der New-Juba-Bar im Gestrüpp versteckt: eine Kanone, deren Rohr gegen Khartum gerichtet ist. «Wir konnten uns um die Planung unserer Zukunft noch nicht kümmern», erklärt der Sprecher der Südsudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLM), Oberst Philip Banyang, «weil wir noch immer mit wesentlich brennenderen Dingen wie der Friedenssicherung beschäftigt sind.»

Khartum versucht Referendum zu verhindern

Tatsächlich ist noch nicht einmal sicher, ob der Volksentscheid auch wirklich wie vom Friedensabkommen festgelegt am 9. Januar stattfinden wird: «Khartum versucht mit allen Tricks, das Referendum zu verhindern», klagt die stellvertretende SPLM-Generalsekretärin Anne Itto. Selbst wenn die Abstimmung wie vorgesehen stattfinden sollte, gebe es noch Möglichkeiten, die Unabhängigkeit des Südens zu torpedieren: So könnte der vor dem Haager Strafgerichtshof angeklagte Staatschef Bashir nach dem Vorbild des ivorischen Ex-Präsidenten Laurent Gbagbo das Wahlergebnis anfechten und sich ein passenderes Resultat aus dem Ärmel zaubern.

Ebenso könnte Khartum den Süden mit der Schliessung der zum nordsudanesischen Hafen Port Sudan führenden Ölpipeline erpressen oder gar seine von China instand gehaltene Kriegsmaschinerie wieder in Bewegung setzen. Ausgerechnet Letzteres hält ein SPLM-Sprecher für am wahrscheinlichsten: «Ich hätte Ihnen gerne was anderes gesagt», meint der grossgewachsene Sudanese mit distinguiertem englischen Akzent: «Ich will jedoch niemanden belügen.» Wenigstens müssten sich die Südsudanesen dann über eines nicht weiter den Kopf zerbrechen: Sie haben für ihren neuen Staat nämlich noch nicht einmal einen Namen gefunden.

Tages-Anzeiger

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