Die scharfen Töne des Lakhdar Brahimi

Hintergrund

Der Uno-Sondergesandte für Syrien warnt vor einem militärischen Schlag ohne Mandat gegen das syrische Regime. Nun schlägt er für einen Diplomaten ungewohnt scharfe Töne an.

Wirbt unentwegt für die zweite Genfer Syrien-Konferenz: Der Uno-Sondergesandte Lakhdar Brahimi.

Wirbt unentwegt für die zweite Genfer Syrien-Konferenz: Der Uno-Sondergesandte Lakhdar Brahimi.

(Bild: Keystone)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Selten wagt sich Lakhdar Brahimi, Uno-Sondergesandter für Syrien, verbal aus der Deckung. Entsprechend nutzte er bislang die Medien für seine Vermittlungsbemühungen im syrischen Bürgerkrieg. Angesichts des Giftgasangriffs vom 21. August, eines drohenden Militärschlags, seiner persönlichen Machtlosigkeit und der Blockade innerhalb der Vereinten Nationen änderte er seine Strategie nun. Der BBC gewährte der algerische Spitzendiplomat am Dienstag ein ausführliches Interview mit dem Kalkül, so den Druck auf sämtliche in den Bürgerkrieg involvierte Parteien zu erhöhen. Seine Botschaften richtete er insbesondere an die USA und ihre Verbündeten. Heute lud Brahimi am Uno-Sitz in Genf zu einer Medienkonferenz und schlug für einen Diplomaten ungewohnt scharfe Töne an. Seinen persönlichen Frust über die Situation in Syrien konnte er dabei kaum verbergen.

Brahimi muss sich auf alles vorbereiten. Insbesondere arabische Beobachter gehen von der These aus, dass der an den Rand gedrängte Sondergesandte sogar zum wichtigsten Mann im syrischen Bürgerkrieg werde könnte. Sollte es zu einem Militärschlag kommen, der die Kriegsparteien in eine Art Schockstarre triebe, könnten diese sich rasch um den Verhandlungstisch drängen. Brahimi gab an, nicht antizipieren zu können, was ein Militärschlag auslösen würde. Stattdessen warnte er vor einem Angriff: Ohne Entscheid im Sicherheitsrat dürfe ein solcher gemäss internationalem Recht nicht ausgeführt werden, so Brahimi. Er besteht vielmehr nach wie vor darauf, dass sich Regierung und Opposition in Genf zu den von ihm geplanten Verhandlungen treffen. Der Algerier nahm am Donnerstag Russen und Amerikaner in die Pflicht. Diese hätten sich auf das Vorgehen zu einer Friedenskonferenz «Genf 2» ohne Vorbedingungen geeinigt, so Brahimi.

An den Rand gedrängt

Brahimi baute Frust ab, konnte seine eigene Ratlosigkeit aber kaum verbergen. Seine Empörung richtete sich mitunter gegen die Vereinten Nationen selbst. Der Sicherheitsrat, der für weltweiten Frieden und Sicherheit zuständig wäre, sei in der Syrien-Frage seit zwei Jahren paralysiert, klagte der Diplomat. Das sei «ein Skandal».

Bis heute seien in diesem Bürgerkrieg 100'000 Menschen gestorben. Assad sei entgegen vieler Prognosen nicht gestürzt worden, habe den Krieg aber auch nicht gewonnen. Er frage sich jeden morgen, ob er sein Mandat nicht abgeben solle, gestand Brahimi. Das Gefühl am äussersten Rand des Syrien-Kriegs zu stehen und ohnmächtig zusehen zu müssen, wie die kriegerischen Auseinandersetzungen weitergehen und die Grossmächte sich streiten, dürfte tatsächlich alles andere als angenehm sein. Brahimis Zweifel über seine Rolle in diesem Konflikt scheinen berechtigt: Denn erstens scheint auf den Uno-Vermittler im syrischen Bürgerkrieg mittlerweile niemand mehr zu hören und zweitens befindet sich «Genf 2» in weiter Ferne. Brahimi sagt, er sei mittlerweile zur Einsicht gelangt, dass das Schicksal der syrischen Bevölkerung wichtiger sei als seine eigenen Probleme.

Der algerische Diplomat liess es sich nicht nehmen News, die er eben erhalte hatte, direkt an die Journalisten weiterzugeben. «Die Uno-Experten haben in Syrien Spuren von Chemiewaffen gefunden», informierte Brahimi. Wer die C-Waffen eingesetzt hat, die Truppen des Autokraten Baschar al-Assad oder die Opposition, und welche Auswirkungen der Befund für den weiteren Verlauf des Bürgerkriegs hat, konnte oder wollte Brahimi nicht sagen. Auch gab er an, von den Kriegsplänen der USA und ihrer Verbündeter nichts zu wissen. Das darf man dem Vermittler ruhig glauben. Die Unparteilichkeit ist sein grösstes Kapital.

baz.ch/Newsnet

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