Die Isis-Milizen stossen auf härteren Widerstand

Nach der Ausrufung eines Kalifats durch Islamisten tobt im Irak eine Schlacht um die Stadt Tikrit.

Mit schwerer Artillerie feuern irakische Soldaten auf Stellungen der islamistischen Isis-Kämpfer. Foto: Alaa al-Marjani (Reuters)

Mit schwerer Artillerie feuern irakische Soldaten auf Stellungen der islamistischen Isis-Kämpfer. Foto: Alaa al-Marjani (Reuters)

Sonja Zekri@tagesanzeiger

Einen Tag nach der Ausrufung des Kalifats durch die extremistischen Isis-Milizen haben sich die Spannungen zu anderen Kämpfern eher verschärft. «Die Bande von Baghdadi lebt in einer Fantasiewelt. Sie machen sich etwas vor. Sie wollen einen Staat errichten, aber haben nicht die Mittel dazu», kritisierte ein Sprecher der islamistischen Armee des Islam in Syrien: «Man kann keinen Staat schaffen durch Plündern, Sabotage und Bombenanschläge.»

Am Sonntag, am ersten Tag des Fastenmonats Ramadan, hatte Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer der Isis-Milizen, das Kalifat ausgerufen. Isis, der «Islamische Staat im Irak und in Syrien», heis­se fortan nur noch «Islamischer Staat», er selbst nennt sich Kalif Ibrahim. Damit stellt er sich in die Reihe religiöser Herrscher seit den Tagen des Propheten bis zum Ende des Osmanischen Reiches. Baghdadi und seine Männer beherrschen nach den Erfolgen der vergangenen Woche ein Gebiet von der Grösse Jordaniens. Dies soll die Keimzelle eines potenziell globalen Kalifats sein. Alle Muslime der Welt, so liess Baghdadi verkünden, schuldeten ihm fortan Gefolgschaft. Bei seinem Vormarsch war Isis von einer heterogenen Allianz sunnitischer Aufständischer unterstützt worden. Viele Sunniten, die sich von der Regierung des schiitischen Premiers Nouri al-Maliki unterdrückt und verfolgt sehen, schlossen sich Isis an – oder verfolgten ihre Erfolge mit Zustimmung.

Den Bogen überspannt

Zwar veröffentlichte die Miliz Freudenbekundungen unter ihren Anhängern, aber Beobachter vermuten, dass Isis unter den Aufständischen und den jihadistischen Gruppen den Bogen überspannt haben könnte. Die Argumentation aus Bagdad zumindest stützte sich auf den vermeintlich anmassenden Griff nach der Vorherrschaft durch Isis. Hamid al-Mutlaq, ein sunnitischer Abgeordneter im irakischen Parlament, kritisierte, der Schritt diene einzig dazu, die Gesellschaft zu spalten und «Chaos und Zerstörung» zu säen. Und ein Regierungssprecher versuchte, angesichts der neuen Bedrohung, weitere Unterstützung für den Irak zu mobilisieren. Die Ausrufung des Kalifats zeige das wahre Gesicht der Terrorgruppe, für die die «Revolutionäre der Stämme» nur als Tarnung dienten. Die Welt trage die Verantwortung für den Kampf gegen die Terroristen. Ein Armeesprecher sagte, das Kalifat bedrohe nicht nur den Irak oder Syrien, «sondern die gesamte Region und die Welt».

Für die säkularen Gegner im Internet war das Kalifat ohnehin ein gefundenes Fressen. In Tweets amüsierten sie sich darüber, welche Vorwahl der neue Gottesstaat wohl habe und ob Einreisende ihre Pässe zerreissen müssten – so wie es die Männer der Milizen zum Zeichen ihrer Loyalität zum transnationalen Jihad auf Videos taten.

Auch militärisch stossen die Milizen inzwischen auf härteren Widerstand. In Tikrit, der Heimatstadt des gestürzten Diktators Saddam Hussein, konnte die irakische Armee sie zwar nicht ganz zurückschlagen, bombardierte aber Stellungen der Extremisten aus der Luft. Danach konnten sie offenbar Gebiete am Rande der Stadt zurückerobern, nachdem sie zuvor bereits das strategisch wichtige Gelände der Universität zurückerobert hatte. Die irakische Armee hat nach dem Zusammenbruch im Angesicht der Blitzerfolge der Islamisten inzwischen Unterstützung von schiitischen Milizen und Freiwilligen. Die Rückeroberung von Tikrit führte sie mit Tausenden Soldaten, Kampfflugzeugen und Panzern durch.

Parlament in Bagdad tagt

In Tikrit wie in Mosul, einer der grössten Städte des Landes unter Kontrolle der Milizen, haben die Jihadisten bislang vergleichsweise moderat geherrscht – womöglich, um ihre sunnitischen Partner nicht zu verschrecken. Auch in Syrien setzten sie ihre steinzeitliche Vorstellung von Recht und Religion erst durch, nachdem sie allein die Kontrolle über Städte wie Raqqa innehatten.

Unterdessen wächst der Druck auf Premier Maliki. Am heutigen Dienstag tritt das irakische Parlament zum ersten Mal seit der Wahl im April zusammen. Selbst viele Schiiten halten ihn nicht mehr für den Mann, der das Land aus der Krise führen kann. Sunniten und Kurden lehnen ihn ohnehin ab, auch aus dem Ausland erhält er weniger Unterstützung.

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