«Die Golfstaaten sollten sich schämen»

Arabische Länder fürchten sich vor Anschlägen des IS. Darum nehmen sie keine syrischen Flüchtlinge auf.

Die Golfstaaten zahlen Milliarden für humanitäre Hilfe wollen aber selber keine Flüchtlinge aufnehmen: Eine Frau hängt im Flüchtlingslager in Suruc, Türkei, Wäsche auf. (Archivbild / 30.1.2015)

Die Golfstaaten zahlen Milliarden für humanitäre Hilfe wollen aber selber keine Flüchtlinge aufnehmen: Eine Frau hängt im Flüchtlingslager in Suruc, Türkei, Wäsche auf. (Archivbild / 30.1.2015)

(Bild: Keystone Emrah Gurel)

Mehr als vier Millionen Syrer sind seit Beginn des Bürgerkriegs aus ihrer Heimat geflohen – aber in den reichen Golfstaaten in der Nachbarschaft werden sie nicht aufgenommen.

«Die Golfstaaten sollten sich schämen», sagt der syrische Flüchtling Abu Mohammed, der in Jordanien lebt. «Während Europa seine Türen öffnet, machen sie die Schotten dicht.»

Kritik kommt inzwischen aus den Ländern selbst: «Leider haben die reichen Golfstaaten keine einzige Erklärung zur Krise abgegeben, geschweige denn eine Strategie zur Hilfe der Flüchtlinge vorgeschlagen», kommentierte kürzlich die katarische Tageszeitung «Gulf Times». «Dabei sind die meisten Flüchtlinge Muslime.»

Kampf gegen Erzfeind Iran

Doch rechnet kaum ein Experte mit einem Umdenken in Riad, Abu Dhabi oder Doha. «Die grosse Mehrheit der Bevölkerungen am Golf finden den Kurs ihrer Regierungen gut», sagte Michael Stephens vom Institut Rusi.

Überdies konzentrieren sich viele arabische Länder auf den blutigen Konflikt im Jemen, wo schiitische Huthi-Rebellen den sunnitischen Präsidenten aus dem Land gejagt haben.

Nicht zuletzt haben die Golfstaaten wegen ihrer Einmischung in den syrischen Bürgerkrieg eine verwundbare Flanke. Sie geben den Gegnern von Machthaber Baschar al-Assad Geld und Waffen. Saudiarabien und Katar wurden gar an den Pranger gestellt, weil sie Jihadisten finanzieren sollen, um den vom Erzfeind Iran unterstützten Assad zu bekämpfen.

Angst vor Rache des IS

Wegen ihrer Einmischung in Syrien seien die Golf-Regierungen darüber besorgt, «was diejenigen unternehmen könnten, die zu ihnen kommen», sagt Sultan Barakat vom Brookings-Institut in Doha. So wurde Saudiarabien seit Anfang des Jahres Ziel von Anschlägen der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS).

Die Unterstützung der sechs Länder des Golfkooperationsrates – Saudiarabien, Bahrain, Vereinigte Arabische Emirate, Kuwait, Oman und Katar – erschöpft sich bislang weitgehend in Scheckbuchdiplomatie: Milliarden Petrodollar steckten sie in die humanitäre Hilfe, um das Leben der Flüchtlinge in den Lagern im Libanon, in der Türkei und in Jordanien erträglicher zu machen – damit die Syrer nicht an ihre Türen klopfen.

Golfstaaten wären leichter zu erreichen als Europa

Und so haben die meisten Flüchtlinge Europa als Ziel, trotz der gefährlichen Reise. Seit Beginn des Jahres haben 356'000 Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend das Mittelmeer überquert, mehr als 2700 kamen ums Leben, wie aus Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hervorgeht.

Dabei sind die Golfstaaten viel leichter zu erreichen, reicher als viele europäische Staaten und teilen überdies die Kultur und Religion der meisten Flüchtlinge.

Das Schweigen der Scheichs wird nur gelegentlich gestört. Der Blogger Sultan Al Kassemi aus den Emiraten rief sie unlängst zu einer «moralischen und verantwortungsvollen Initiative» auf.

Der Vater des dreijährigen Ailand Kurdi, dessen Leiche an einen türkischen Strand gespült worden war, rief bei der Beerdigung seiner beiden Kinder und seiner Frau: «Ich will, dass die arabischen Regierungen, und nicht die Europäer, sehen, was meiner Familie zugestossen ist. Sie müssen den Menschen helfen.»

Einheimische sind in der Unterzahl

In den kleinen Scheichtümern wie den Emiraten und Katar wiederum ist die einheimische Bevölkerung schon in der Unterzahl und beschäftigt ein Heer von Arbeitsmigranten vornehmlich aus Südasien. Sie fürchtet, durch die Aufnahme grosser Flüchtlingskontingente noch weiter in die Minderheit zu geraten.

Eine grosse Erleichterung wäre es schon, wenn die syrischen Gastarbeiter in den Staaten ihre Familien zu sich holen könnten. Doch die restriktive Visapolitik schiebt selbst dem bislang einen Riegel vor.

ij/AFP

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