Der Krieg der Spione

Hintergrund

Der Westen und der Iran verhandeln miteinander. Doch im Hintergrund wird gekämpft: mit Attentaten, Sabotage und Cyberattacken.

Er gilt in Teheran als Märtyrer: Eine Frau demonstriert mit einem Bild des getöteten iranischen Atomwissenschaftlers Mostafa Ahmadi-Roshan.

Er gilt in Teheran als Märtyrer: Eine Frau demonstriert mit einem Bild des getöteten iranischen Atomwissenschaftlers Mostafa Ahmadi-Roshan.

(Bild: Keystone)

Hans Brandt@tagesanzeiger

Wie Kriegsgegner standen sich der Iran und die USA zum Jahreswechsel an der Strasse von Hormuz gegenüber. Der Iran liess Fregatten aufkreuzen und drohte, die Meerenge am Persischen Golf zu blockieren und ein Fünftel der weltweiten Erdöllieferungen zu verunmöglichen. Die USA schickten einen Flugzeugträger ihrer im Golf stationierten Fünften Flotte vor und warnten, dass sie eine solche Aggression nicht hinnehmen würden. Der Iran feuerte drei Kurz- und Mittelstreckenraketen ab. «Die Strasse von Hormuz steht völlig unter unserer Kontrolle», brüstete sich Irans Marinechef Admiral Habibollah Sayyari.

Es blieb bei Drohgebärden, die beiden Kontrahenten wechselten keinen Schuss. Inzwischen hat der Iran seine Marineübungen beendet. Und iranische Diplomaten bereiten sich auf eine neue Runde von Verhandlungen mit dem Westen vor. Das vermag allerdings nicht darüber hinwegzutäuschen, dass hinter den Kulissen schon seit Jahren scharf geschossen wird im undeklarierten Krieg zwischen dem Westen und dem Iran.

Das Atomprogramm im Visier

Letzten Mittwoch zum Beispiel. Mostafa Ahmadi-Roshan war auf dem Weg zur Arbeit in Teheran, als zwei Männer auf einem Motorrad mitten im Berufsverkehr eine magnetische Bombe an seinem Peugeot befestigten und zündeten. Roshan, 32 Jahre alt, stellvertretender Direktor der Anlage zur Urananreicherung in Natanz, starb auf der Stelle.

Er war der fünfte Wissenschaftler innerhalb der letzten zwei Jahre, der unter ähnlichen Umständen getötet wurde. Der heutige Chef der iranischen Atomenergiebehörde, Fereidun Abbassi Dawani, entging einem Bombenanschlag auf sein Auto im November 2010 nur knapp.Der Mord an Roshan sei ein «teuflischer Akt der USA und Israels» gewesen, erklärte die iranische Atombehörde. Die USA verneinten eine Beteiligung am Attentat vehement. Israelische Militärs gaben sich zweideutig: Der Tod eines Mannes, der an der Entwicklung von Atomwaffen für das Mullah-Regime mitgearbeitet habe, sei keine Träne wert.

Der Iran bestreitet, dass er Atomwaffen entwickelt; die Anreicherung von Uran diene ausschliesslich friedlichen Zwecken. Ein Bericht der UNO-Atomenergiebehörde IAEA hielt im letzten November jedoch fest: Es gebe Hinweise, dass der Iran Forschung für atomare Bomben betrieben habe. Das Mullah-Regime wies den Bericht zurück. Westliche Geheimdienste aber gehen davon aus, dass der Iran nukleare Waffentechnologie entwickelt, und sie versuchen seit Jahren, dies mit verdeckten Aktionen zu sabotieren. Am 12. November 2011 ereignete sich eine Explosion in einem Munitionsdepot der Revolutionären Garden, unweit der Hauptstadt Teheran. Die Detonation war kilometerweit zu hören, Bilder zeigten eine riesige Rauchsäule über dem Gebiet. Presseberichten zufolge war eine Rakete des Typs Shahab-3 explodiert, die mit einer Reichweite von fast 2000 Kilometern in der Lage ist, Israel zu treffen.

Ein wichtiger Anlass muss zu jenem Zeitpunkt auf dem Gelände stattgefunden haben, denn der Chef des militärischen Raketenprogramms, General Hasan Moghaddam, war anwesend – und kam zusammen mit einer Reihe von Waffenexperten ums Leben. Einige westliche Quellen behaupteten, auch Mitglieder einer nordkoreanischen Delegation seien getötet wurden. Der General jedenfalls war so bedeutend, dass Ayatollah Ali Khamenei, der oberste Revolutionsführer, zu seiner Beisetzung kam.Der Iran sprach von einem tragischen Unfall. Doch ausländische Beobachter tippten auf Sabotage. Ihre Vermutung: Westliche Agenten hatten Anlagen im Herzen des iranischen Waffenprogramms manipuliert und Teheran einen schweren Rückschlag bei diesem Prestigeprojekt zugefügt. Das US-Nachrichtenmagazin «Time» zitierte eine anonyme Geheimdienstquelle mit den Worten: «Israels Geheimdienst Mossad war dafür verantwortlich.» Und: «Der Mossad hat noch mehr Kugeln im Magazin.»Eine dieser «Kugeln» könnte eine mysteriöse Explosion ausgelöst haben, die Ende November Teile einer Atomanlage in Isfahan zerstörte. Womöglich geht auch ein verheerender Unfall, der sich Anfang Dezember in einer Stahlfabrik in Yazd ereignete, auf das Konto der Israelis. Es wird vermutet, dass Spezialstahl für den Bau von Raketen und Uranzentrifugen in der Fabrik hergestellt wird. Unter den sieben Toten waren Ausländer, womöglich Nordkoreaner, die ihren iranischen Kollegen die Kunst dieser Stahlproduktion beibringen sollten.

Die USA lieferten defekte Teile

Viele Sabotageakte bleiben jedoch verborgen, weil sie keine Explosion auslösen, keine Toten fordern und auch von den Iranern lange Zeit nicht entdeckt werden. Ein bizarrer Aspekt des klandestinen Vorgehens ist, dass die Amerikaner selbst dem Iran seit Jahren Bauteile für sein Atomprogramm liefern – manipulierte Teile, die irgendwann nicht mehr funktionieren und einer ganzen Anlage grossen Schaden zufügen sollen.

Öffentlich bekannt wurde das gefährliche Spiel des US-Geheimdiensts CIA, als IAEA-Inspektoren 2003 in der Atomanreicherungsanlage in Natanz eine Spezialpumpe entdeckten, die aus Deutschland stammte. Nachforschungen ergaben, dass sie von der Firma Pfeiffer Vacuum ganz legal geliefert worden war: an das Atombombenlabor der USA in Los Alamos, New Mexico. Die Pumpe wurde dort offenbar verändert und dann in den Schwarzmarkt geschleust, auf dem die Iraner einkaufen. Eine Fehlfunktion der Pumpe in Natanz konnten die UNO-Inspektoren allerdings nicht erkennen: Der Iran war in diesem Fall nicht auf den CIA-Trick hereingefallen.In anderen Fällen ging der Plan der Amerikaner auf. Aus der Türkei wurden Elektromotoren an den Iran geliefert, die sich viel zu schnell drehten. Einige Zentrifugen zur Urananreicherung wurden dadurch in Stücke gerissen.

Auch Schweizer waren an diesen Sabotageakten beteiligt. Der Ostschweizer Ingenieur Friedrich Tinner und seine Söhne Urs und Marco arbeiteten jahrelang mit dem pakistanischen Atomschmuggler Abdul Kadir Kahn zusammen, der auch den Iran versorgte. Die Tinners wurden von der CIA rekrutiert und bezahlt – nach eigenem Bekunden auch, um Teile subtil zu verändern und damit funktionsuntüchtig zu machen. Urs Tinner behauptet, Zentrifugen auf diese Weise manipuliert zu haben. Experten, die Tinners Aussagen überprüft haben, bezweifeln indessen, dass die Maschinen durch seine Veränderungen beeinträchtigt wurden. Es wäre nicht das erste Mal, dass die CIA gross angelegte Pläne verfolgte, den Iranern mit fehlerhaftem Material ins Handwerk zu pfuschen, und später feststellen musste, dass die Fehler entdeckt und korrigiert worden waren. Den Fall eines russischen Atomexperten zeichnet James Risen in seinem Buch «State of War» nach. Die Amerikaner hatten den Russen um die Jahrtausendwende angeheuert und ihm manipulierte Pläne für die Zündung einer Atombombe in die Hände gedrückt.

Diese sollte er den Iranern zuspielen – wenn nötig sogar schenken. Der Russe war Experte genug, um die plumpen Fehler selbst zu entdecken. Seine CIA-Kontaktleute wollten davon nichts hören und bestanden auf dem geplanten Vorgehen. Am Ende wies der Russe die Iraner selbst auf die Fehler hin: weil es seine Glaubwürdigkeit zerstört hätte, wenn er die manipulierten Unterlagen unkommentiert weitergeleitet hätte. Letztlich lieferten die USA selbst also dem Iran einen der technisch anspruchsvollsten Bestandteile der Atombombe.Äusserst erfolgreich war hingegen der Computerwurm Stuxnet, der im September 2010 bekannt wurde. Das Virusprogramm zielte auf die Steuerung der Atomanreicherungsanlage in Natanz. Es manipulierte die Rotationsgeschwindigkeit der Zentrifugen, was zu zahlreichen Störungen führte und die Produktion von angereichertem Uran deutlich drosselte. Experten gehen davon aus, dass die Entwicklung von Stuxnet Millionen gekostet hatte – vermutlich die USA und Israel.

CIA-Agenten ausgehebelt

Im undeklarierten Krieg gegen den Iran mussten die USA aber auch empfindliche Niederlagen einstecken. James Risen berichtet, dass 2004 fast das gesamte CIA-Agentennetz im Iran aufgedeckt wurde, weshalb der US-Geheimdienst dort heute fast «blind» sei. Umso wichtiger sind andere Methoden der Informationsbeschaffung, etwa die Satellitenaufklärung. Doch auch hier fügte Teheran den USA im Dezember einen Schlag zu: Eine ferngesteuerte Tarnkappendrohne der CIA ging im Iran zu Boden – und wurde als Trophäe ausgestellt.

«Wir sind bereits im Krieg gegen den Iran», titelten daraufhin manche US-Medien – auch mit Blick auf das iranische Komplott, das Wochen zuvor in den USA aufgeflogen war: Ein Sympathisant des Iran hatte mithilfe der mexikanischen Drogenmafia den saudischen Botschafter in Washington umbringen wollen. Hinter dem Plan soll eine Fraktion der Revolutionären Garden im Iran gesteckt haben. Das Regime in Teheran bestritt, etwas mit dem Komplott zu tun zu haben, doch die USA waren sich ihrer Sache sicher genug, um das Ganze an die internationale Öffentlichkeit zu bringen.Letzte Woche deckten die USA eine weitere iranische Störaktion auf. Der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad begann gerade eine Reise zu seinen südamerikanischen Freunden in Venezuela, Nicaragua und Kuba, als die venezolanische Generalkonsulin in Miami des Landes verwiesen wurde. Sie hatte Medienberichten zufolge im Auftrag des Iran versucht, mexikanische Computerstudenten für einen Cyberangriff gegen die USA anzuheuern.

Unheimlicher Einfluss

Zu Hause haben die Amerikaner derzeit wenig vom Iran zu befürchten. Dafür ist das Mullah-Regime im Mittleren Osten ein Schwergewicht. Der Einfluss Teherans ist unter den Schiiten gross, die rund ein Sechstel aller Muslime ausmachen. Nachdem die Amerikaner sich aus dem Irak zurückgezogen haben, unterstützt der Iran die Schiiten im Nachbarland unverhüllt. Auch in Afghanistan und Pakistan bedrängt der Iran die USA. Im Golfstaat Bahrain, wo die Fünfte Flotte der US-Marine stationiert ist, unterdrückt eine sunnitische Elite eine schiitische Mehrheit, die vom Iran unterstützt wird. Die Lage in Bahrain ist inzwischen so unberechenbar, dass die Vereinigten Staaten offenbar erwägen, ihre Flotte in einen anderen Golfstaat zu verlegen.

Am schärfsten ist die Konfrontation zwischen dem Westen und dem Iran aber im Libanon. Dort steht die von Teheran ausgerüstete Schiitenmiliz Hizbollah an der Südgrenze direkt der israelischen Armee gegenüber – und hat gegen Israel und die USA erhebliche Erfolge erzielt. Ende letzten Jahres meldete die Hizbollah, dass sie ein Netz von CIA-Agenten aufgedeckt habe. Im November wurden Dutzende CIA-Spione im Libanon und mehrere im Iran festgenommen, im Dezember die Namen von zehn CIA-Führungsoffizieren veröffentlicht.

Dass die CIA in dieser kritischen Region jetzt nahezu handlungsunfähig ist, wird auch Präsident Bashar al-Assad im benachbarten Syrien gefreut haben, das den Libanon wie einen Vasallenstaat behandelt. Der Volksaufstand gegen das syrische Regime wird vor allem von Sunniten getragen. Für den Iran ist Assad hingegen ein wichtiger Verbündeter, der trotz eines UNO-Embargos mit Waffen beliefert wird.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt