Das Einkaufszentrum der Jihadisten

Smartphones und Spitalbehandlungen: Eine türkische Kleinstadt an der Grenze zu Syrien diente den Kämpfern des Islamischen Staats lange als Versorgungsbasis. Nun greift die Türkei durch – doch wohl zu spät.

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Martin Wilhelm@martin_wilhelm

Als Syriens Machthaber Bashar al-Assad 2011 Proteste der Opposition brutal niederschlug, sagte sich das nördliche Nachbarland von seinem bisherigen Verbündeten los. Die Türkei werde Massaker an der syrischen Bevölkerung nicht dulden, sagte Regierungschef Recep Tayyip Erdogan. Als Syrien in den Bürgerkrieg schlitterte und Raketen aus Syrien auf türkischem Boden niedergingen, liess das Nato-Land Flugabwehrraketen aus Deutschland an der Grenze stationieren und verstärkte seine eigenen Truppen. Darüber hinaus bestand die Strategie aber vorwiegend darin, Kämpfer gegen Bashar al-Assad die Grenze queren und auf eigenem Boden gewähren zu lassen. Wer sich den syrischen Rebellen anschliessen wollte, reiste über die Türkei ein. Syrer richteten auf türkischem Gebiet Spitäler ein und bauten Versorgungsnetzwerke auf.

Inzwischen zeigt sich immer deutlicher, dass auch die Jihadisten des Islamischen Staats (IS) entscheidende Vorteile aus der türkischen Freizügigkeit ziehen konnten. Im Mai beschrieb der Gouverneur der Provinz Hatay in einem Bericht ans Innenministerium, wie Kämpfer, die sich dem IS anschliessen wollten, über Istanbul legal ins Land einreisten und schliesslich von Schmugglern über die Grenze nach Syrien gebracht würden. Ein Bericht der «Washington Post» legt nun nahe, dass die IS-Kämpfer sich in der Türkei lange unbehelligt mit allen nötigen Gütern eindecken konnten.

«Hochrangige Mitglieder» in Spital

«Die meisten der Kämpfer, die sich uns zu Beginn des Kriegs anschlossen, kamen über die Türkei, ebenso unsere Ausrüstung und unsere Vorräte», zitiert die Zeitung einen IS-Kommandanten, den ihre Reporter nach eigenen Angaben in der türkischen Stadt Reyhanli getroffen haben. Nach Angaben des 27-Jährigen sollen sich zudem verletzte Jihadisten in der Türkei pflegen lassen haben. «Wir hatten einige Kämpfer – auch hochrangige Mitglieder des Islamischen Staats – die in türkischen Spitälern behandelt wurden.»

Wie die Reporter der «Washington Post» weiter schreiben, deckten sich die Jihadisten laut Einheimischen in Reyhanli unter anderem mit den neusten Smartphones und mit Uniformen ein. Ihr Fazit: Die Jihadisten des IS hätten die Stadt «wie ihr persönliches Einkaufszentrum» genutzt.

Jihadisten wenden sich gegen Türkei

Offiziell hat die Türkei bislang nie anerkannt, dass ihr Grenzgebiet zu Syrien von IS-Kämpfern ausgiebig genutzt wird. Inzwischen hat sich aber das Einvernehmen zwischen den Jihadisten und dem türkischen Staat aufgelöst. Die IS-Kämpfer benötigen die türkische Grenzregion nicht mehr. «Wir erhalten inzwischen genügend Waffen aus dem Irak, sogar in Syrien gibt es genug zu kaufen», zitiert die «Washington Post» den Kommandanten. «Wir sind nicht mehr auf Versorgung von aussen angewiesen.» Auf der anderen Seite hat Ankara erkannt, dass ein extremistischer Staat an seiner Grenze eine grosse Gefahr darstellen würde. Die türkischen Grenztruppen schiessen heute denn auch nicht mehr gegen die syrische Armee, sondern gegen die Jihadisten.

Für den IS heisst dies umgekehrt, dass die Terrororganisation ihre Kämpfe ungehemmt auch auf türkischem Gebiet austragen kann. So verübten Jihadisten Bombenanschläge in Reyhanli und weiteren Ortschaften und schossen auf türkische Truppen. Gemäss dem Gouverneur von Hayat sollen türkische Sicherheitskräfte sowie die Freie Syrische Armee mehrere Selbstmordanschläge in der Türkei vereitelt haben. Die Festnahme von 45 IS-Kämpfern, die sich im März in einem Dorf an der Grenze versammelt hatten, soll die Jihadisten zudem nachhaltig verärgert haben. Die Türkei sei «schlimmer als der Teufel», sollen IS-Funktionäre gesagt und weitere Angriffe beschlossen haben.

Während Ankara schweigt, spricht ein Lokalpolitiker Klartext. «Die Türkei hat alle willkommen geheissen, die gegen Assad waren», zitieren die Reporter der «Washington Post» Tamer Apis aus Reyhanli. «Nun töten sie, breiten sich wie eine Krankheit aus – und wir alle bezahlen den Preis.»

baz.ch/Newsnet

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