«Air Sea Battle» gegen Syrien

Interview

Strategie-Experte Albert A. Stahel erläutert das Konzept, das dem geplanten Militärschlag der USA zugrunde liegt. Der Zweck der Operation sei allerdings nicht klar, und es drohe eine Eskalation des Syrien-Kriegs.

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Vincenzo Capodici@V_Capodici

Die USA haben sich in Stellung gebracht für den geplanten Militärschlag gegen Syrien. Im östlichen Mittelmeer kreuzen vier Lenkwaffenzerstörer – USS Mahan, USS Barry, USS Gravely und USS Ramage. Bald wird auch die USS Stout dazu stossen. Diese Schiffe können für Angriffe mit Tomahawk-Marschflugkörpern auf Landziele eingesetzt werden. Gemäss Experten sind die Schiffe mit Dutzenden, vielleicht fast hundert Marschflugkörpern bestückt. Zwei Kriegsschiffe der Amerikaner befinden sich laut Medienberichten schon im Wirkungsbereich zu Syrien. Im Nahen Osten haben die USA vermutlich auch zwei U-Boote, die mehr als 150 Marschflugkörper mit sich führen könnten, sowie zwei Flugzeugträger – USS Harry S. Truman und USS Nimitz.

Schliesslich verfügen die Amerikaner für den Einsatz von Kampfjets über Luftstützpunkte in der Türkei, in Katar und Oman. Die USA werden also bei ihrer zwei- bis dreitägigen Kriegsoperation vom Meer aus und aus der Luft militärische Einrichtungen des syrischen Diktators Bashar al-Assad unter Dauerbeschuss nehmen.

«Air Sea Battle»-Konzept für allfälligen Konflikt mit China entwickelt

Der geplante Militärschlag der USA beruht auf dem Konzept «Air Sea Battle», wie der Schweizer Strategie-Experte Albert A. Stahel erklärt. Dieses Konzept sei vor über zwei Jahren als «eine Art Drohfinger» bei einem allfälligen Konflikt mit China entwickelt und danach für einen möglichen Angriff auf den Iran angepasst worden. Das «Air Sea Battle»-Konzept werde nun gegen Syrien zur Anwendung kommen. Eingesetzt werden könnten die Waffensysteme der USA insbesondere gegen Flugplätze, Artillerie- und Raketenstellungen sowie Kommandoinfrastrukturen und Kasernen des Assad-Regimes.

Die Verteidigungsfähigkeit der syrischen Regierungsarmee, die nur noch ein Drittel des Landes kontrolliert, ist nach Ansicht von Stahel im Vergleich zur Zeit vor dem Bürgerkrieg erheblich reduziert. Gemäss dem Internationalen Institut für Strategische Studien in London haben sich die Kapazitäten der syrischen Streitkräfte halbiert.

Russische «Jachont»-Raketen der Syrer sind keine Gefahr für US-Schiffe

Nach Ansicht von Stahel wird es der Assad-Armee vielleicht gelingen, ein paar Marschflugkörper oder Kampfjets der Amerikaner abzuschiessen. Die syrische Armee verfüge zwar über moderne russische Anti-Schiff-Raketen vom Typ «Jachont». Diese hätten aber keine genügende Reichweite, um die amerikanischen Kriegsschiffe zu treffen. Angesichts der eingeschränkten Fähigkeit zurückzuschlagen, wird die syrische Regierungsarmee laut Strategie-Experte Stahel versuchen, möglichst viele Waffen und Truppen zu verstecken und zu verlegen und damit in Sicherheit zu bringen.

Syriens Aussenminister Walid Muallim reagierte am Montag an einer Medienkonferenz in Damaskus mit selbstbewussten Worten auf den drohenden Militärschlag der USA, die vor allem auf die tatkräftige Unterstützung Grossbritanniens zählen können. Es sei «keine Kleinigkeit», es mit Syrien aufzunehmen. Muallim sagte auch, dass «uns militärische Mittel zur Verfügung stehen, die die Welt überraschen werden».

Assad-Regime könnte mit Chemiewaffen reagieren

Strategie-Experte Stahel geht nicht davon aus, dass die Syrer bisher unbekannte Wunderwaffen haben. Es sei aber durchaus denkbar, dass das Assad-Regime chemische Waffen einsetzen werde. Gegen die Angreifer aus dem Westen, aber auch gegen die Türkei und Saudiarabien, die sich bereit erklärt haben, den US-Militärschlag zu unterstützen.

Laut Stahel ist es nicht ausgeschlossen, dass die mit dem Assad-Regime verbündete Schiiten-Miliz Hizbollah im Süden des Libanon Israel beschiessen wird. Der Militärschlag gegen Syrien könne zu einer Eskalation führen. Die zwei- bis dreitägige Militäroperation wäre dann «die erste Phase» eines Openend-Kriegs, sagt Stahel, der seit über 40 Jahren Kriege in aller Welt analysiert und drei Kriegsgebiete besucht hat.

Zielsetzungen der Koalition um USA sind diffus

Entscheidend ist laut Stahel die Frage, was der Militärschlag bezwecken soll. Für eine reine Machtdemonstration würden zwei, drei Tage genügen. Die Zielsetzungen der Koalition um die USA seien aber diffus, weil die Verbündeten unterschiedliche Vorstellungen hätten. Türkei und Saudiarabien hätten am liebsten den Sturz von Assad. «Falls das Regime zu Fall gebracht werden soll, müssten Amerikaner und Briten das Land besetzen», sagt Stahel. «Dafür bräuchte es eine halbe Million Soldaten.»

Stahel geht davon aus, dass der Militärschlag gegen Syrien spätestens dann erfolgt, wenn die UNO-Inspektoren, die zurzeit die Giftgasvorwürfe untersuchen, das Land verlassen haben. Das wäre also am Sonntag. Die Experten bräuchten noch ein paar Tage Zeit, sagte UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon am Mittwochnachmittag in Den Haag. Der Militärschlag gegen Syrien dürfte selbst dann erfolgen, so Stahel, wenn über die Täterschaft des C-Waffen-Angriffs keine Eindeutigkeit besteht.

baz.ch/Newsnet

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