Abwehrschlacht am europäischen Burggraben

Hintergrund

Mit fast allen Mitteln gegen Immigranten: Spanien schottet seine Exklaven Ceuta und Melilla ab.

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Oliver Meiler@tagesanzeiger

Eine Tragödie sorgt für Aufregung in Spanien. Und nicht nur dort. Noch ist unklar, was am frühen Morgen des 6. Februar an der Playa del Tarajal, einem Strand von Ceuta, tatsächlich geschah. Wie es genau kam, dass 15 Flüchtlinge aus Schwarzafrika ertranken, nachdem sie versucht hatten, schwimmend die südlichsten Gestade Europas auf nordafrikanischem Boden zu erreichen. Wurden Gummigeschosse auf sie abgefeuert? Setzte die spanische Guardia Civil auch Tränengas gegen sie ein? Ertranken sie aus Erschöpfung, wie es der spanische Innenminister behauptet? Oder weil sie in Panik gerieten ob des Beschusses? Und warum half man ihnen nicht?

Gummigeschosse abgefeuert

Es gäbe Bilder von den Szenen, aufgenommen von 37 Überwachungskameras, die das Grenzgebiet zwischen der spanischen Exklave und Marokko rund um die Uhr filmen. Doch diese Bilder will die konservative spanische Regierung offenbar nicht zeigen und schürt so den Verdacht, dass sich die Polizei an jenem Morgen, kurz vor 7.45 Uhr, eine Ungeheuerlichkeit zuschulden kommen lassen hat.

Rückblende. Für den 6. Februar war ein Massenansturm, eine sogenannte Menschenlawine, auf die Exklave geplant. Datum und genaue Uhrzeit, so berichtet es die Zeitung «El País», waren schon lange zuvor bekannt – weit über die Camps im Hinterland der beiden Exklaven Ceuta und Melilla hinaus, wo rund 30'000 Migranten auf ihre Fluchtchance warten. Bis nach Mauretanien hatte sich die Operation herumgesprochen.

Für einmal wollte man es nicht mit einer Kletteraktion versuchen: Die sechs Meter hohen Zäune, die Spanien in Ceuta und Melilla errichten liess, sind neuerdings wieder mit scharfem Natodraht versehen, was die Flucht noch gefährlicher macht. Diesmal bastelten sich 200 Flüchtlinge Behelfswesten und versuchten ihr Glück schwimmend – vom marokkanischen Bab Sebta zur spanischen Playa del Tarajal, einige Hundert Meter nur.

Die Guardia Civil feuerte Gummigeschosse ab, als sie sie erspähte, wie sie das sonst bei Strassendemos tut. Dutzende Flüchtlinge brachen die Flucht darauf schnell ab, andere schwammen weiter. Zwei Dutzend kamen heil an, 15 kamen um. Die Regierung beteuert, die Kugeln hätten mindestens 25 Meter entfernt von den Migranten aufgeschlagen. Das Ziel sei es nur gewesen, sie abzuschrecken. Überlebende jedoch berichteten, die Polizei habe sie «wie Hühner» ins Visier genommen und beschossen.

EU verlangt Aufklärung

Nun, die Videomitschnitte würden Aufschluss geben. Der sozialistische Abgeordnete Antonio Hernando, dessen Partei die Veröffentlichung des Materials fordert, spricht von einem doppelten Skandal: «Wir wollen wissen, wer den Befehl zum Schiessen gab – und wer jenen zum Lügen.»

«Sehr besorgt» über die Berichte aus Ceuta und über den Einsatz von Gummigeschossen gab sich auch Cecilia Malmström, die EU-Kommissarin für Innenpolitik. Sie räumte zwar ein, dass jedes Land seine Aussengrenzen selber schützen müsse, auch Spanien jene in Ceuta und Melilla, wo der Migrationsdruck zuletzt stärker geworden ist. Dieser Schutz dürfe aber keine Menschenrechte verletzen. Sie erwarte deshalb eine genaue Abklärung der tragischen Vorfälle. Und damit die Botschaft auch ausserhalb der Madrider Ministerien gehört wird, verbreitete Malmström sie auch über Twitter. Die Kommissarin hatte sich vor einigen Monaten schon darüber beschwert, dass die Grenzzäune mit scharfem Draht versehen worden seien.

Spaniens Regierung wehrt sich. Sie fühlt sich exponiert und hilflos. Während man die Fluchtrouten zu den Kanarischen Inseln und über die Meerenge von Gibraltar nach Andalusien mittlerweile besser kontrollieren kann, steigen die Einreiseversuche in den Exklaven. Allein am gestrigen Montag schafften es mindestens 50 Flüchtlinge nach Melilla und damit in den Schengen-Raum. Sie wählten den billigen, gefährlichen Weg: in grosser Zahl über den Zaun.

Falscher Pass für 5000 Euro

Doch längst nicht alle Flüchtlinge nehmen an solchen Menschenlawinen teil. Wer es sich leisten kann, der bezahlt der Schleusermafia zwischen 3000 und 4000 Euro, um an Bord eines Autos mit doppeltem Boden ans Ziel zu kommen. Inbegriffen ist offenbar auch das Schmiergeld für die Polizisten. Auf beiden Seiten der Grenze. Für 5000 bis 6000 Euro fabriziert die Mafia einen falschen Pass.

Neu ist das Phänomen der sogenannten «Kamikaze-Autos»: Zu zehnt oder zwölft zwängen sich die Flüchtlinge in einen 4x4-Wagen, der sich dann mit viel Tempo und wenig Rücksicht auf Verluste einen Weg durch einen Grenzposten in Ceuta oder Melilla zu bahnen sucht. Sie riskieren dabei nicht nur ihr eigenes Leben, sondern gefährden auch jenes der Zöllner. Seit die Spanier Betonhindernisse vor ihre Posten gestellt haben, gab es schon Versuche mit wendigeren «Kamikaze-Motorrädern».

Es ist wie in einem traurigen Katz-und-Maus-Spiel: Jede neue Abschottungsmethode gebiert eine neue, noch gefährlichere Fluchtmethode. An der Entschlossenheit der Flüchtlinge ändert das aber nichts. Viele von ihnen sind schon seit Wochen unterwegs und haben schon zu viel erlebt, als dass sie sich von der letzten Hürde entmutigen liessen. Mag die auch zu hoch sein.

Tages-Anzeiger

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